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Stellvertretender Suizid: 400 Fälle in Wien

Stellvertretender Suizid bezeichnet den Versuch, durch die eigene Tat an einem anderen Menschen die Todesstrafe zu erlangen. Die Historikerin Kathy Stuart hat der Überlieferung nach rund 400 solcher Fälle zusammengetragen, die sich zwischen 1580 und 1839 im deutschsprachigen Raum ereigneten. Für Wien sind in der Literatur 95 Fälle zwischen 1668 und 1783 überliefert. Hinter diesen Zahlen stehen Frauen wie die österreichische Bäuerin, deren Name als Eva Lizlfellner überliefert ist und deren Schicksal den Film "Des Teufels Bad" inspirierte. Wer verstehen will, warum Menschen den eigenen Tod über die Hand eines Richters suchten, muss einen Blick in die Seelenwelt der Frühen Neuzeit werfen.

Wichtige Fakten
  • Die Historikerin Kathy Stuart dokumentierte der Überlieferung nach rund 400 Fälle von stellvertretendem Suizid im Zeitraum von 1580 bis 1839.
  • Für Wien sind in der Literatur 95 Fälle zwischen 1668 und 1783 überliefert.
  • Betroffen waren überwiegend Frauen, die durch eine Straftat die Hinrichtung anstrebten.
  • Nach damaliger Überzeugung führte der Selbstmord in die Hölle, was den Umweg über die weltliche Strafe attraktiv machte.
  • Der Film "Des Teufels Bad" von Veronika Franz und Severin Fiala erzählt die Geschichte der Eva Lizlfellner.

Das Wichtigste in Kürze

Stellvertretender Suizid war in der Frühen Neuzeit ein bekanntes Phänomen: Menschen, meist Frauen, begingen eine Straftat in der Hoffnung auf die Todesstrafe. Die Forschung von Kathy Stuart nennt der Überlieferung nach rund 400 Fälle zwischen 1580 und 1839. Für Wien sind in der Literatur 95 Fälle zwischen 1668 und 1783 überliefert. Der Film "Des Teufels Bad" greift diese Geschichte auf.

Ein grausames Kalkül: Stellvertretender Suizid im frühneuzeitlichen Raum

Stellen Sie sich vor, Sie wollen sterben, und der einzige Ausweg, den Ihre Zeit Ihnen lässt, ist ein Mord. Genau in dieser Zwickmühle steckten im deutschsprachigen Raum des 17. und 18. Jahrhunderts Frauen, die unter religiöser Schwermut und gesellschaftlichem Druck zusammenbrachen. Der eigene Tod war ihnen verwehrt, denn nach dem Verständnis der Epoche führte der Selbstmord geradewegs in die Hölle. Die Forschung spricht hier vom stellvertretenden Suizid, im Englischen als „suicide by proxy“ bekannt.

Der Ausweg, den sich manche dieser Frauen zurechtlegten, klingt aus heutiger Sicht kaum fassbar: ein Kind töten, die Tat beichten und dafür hingerichtet werden. Der Überlieferung nach verband sich damit die Vorstellung, durch Reue und Beichte vor dem eigenen Ende noch Gnade zu finden. Der Tod am Galgen erschien dann nicht als Strafe, sondern als Umweg zur Erlösung. Eine pauschale Zusage, dass die Hinrichtung von der Hölle befreite, lässt sich theologisch allerdings nicht halten; belegt ist vor allem die seelsorgerische Praxis, Sterbenden einen „guten Tod“ zu ermöglichen.

Die Historikerin Kathy Stuart hat dieses Phänomen eingehend untersucht. Ihrer Forschung zufolge sind für die Jahre zwischen 1580 und 1839 mehrere hundert solcher Fälle dokumentiert, häufig mit der Zahl von rund 400 angegeben. Allein für Wien sind für den Zeitraum von 1668 bis 1783 entsprechende Fälle überliefert, in der Literatur oft mit 95 beziffert. Solche Angaben sind mit Vorsicht zu genießen, die Grundbewegung aber ist eindeutig: Es handelte sich nicht um Einzelfälle, sondern um ein Muster, das sich über zwei Jahrhunderte zog.

Was diese Frauen durchmachten, lässt sich nur erahnen. Sie waren eingezwängt zwischen einem Glaubenssystem, das ihnen den eigenen Tod als ewige Verdammnis ausmalte, und einem Alltag, der ihnen kaum Raum ließ. Der Tod wurde zum ersehnten Ziel, der Mord zum Mittel, um dieses Ziel überhaupt erreichen zu dürfen. Es ist ein Paradox, das bis heute nachhallt.

Warum getötete Kinder in den Himmel kommen sollten

Um diese Logik zu verstehen, müssen Sie sich in eine Welt hineindenken, in der der Tod nicht das Ende war, sondern eine Weiche. Auf der einen Seite stand die Hölle, auf der anderen der Himmel. Und der eigene Tod lag in Reichweite der eigenen Hand, was ihn so gefährlich wie verboten machte. Denn wer sich selbst das Leben nahm, so die feste Überzeugung jener Zeit, verlor damit jedes Anrecht auf das Paradies. Der Suizid galt als Sünde, die keine Reue mehr zuließ, weil der Sünder nicht mehr da war, um zu bereuen.

Genau hier setzte eine verhängnisvolle Rechnung an, die unter dem Begriff des stellvertretenden Suizids in die Forschung eingegangen ist. Wenn die eigene Hand nicht zum Tod führen durfte, dann sollte es eben eine andere tun. Die Hinrichtung durch den Henker wurde zum Umweg, der am Ende doch in den Himmel führte. Voraussetzung war, dass die Frau vorher beichtete und ihre Tat bekannte. Dann, so die Hoffnung, würde sie im letzten Moment mit Gott versöhnt sterben.

Und das Kind? Nach der damaligen Glaubensvorstellung kamen unschuldige Kinder unmittelbar in den Himmel. Kein Fegefeuer, keine Umwege, kein Zögern. Sie galten als rein, weil sie noch nicht alt genug waren, um Schuld auf sich zu laden. Für die Gesellschaft wog dieser kurze Schmerz des Kindes deshalb weniger als das ewige Heil, das ihm und der Mutter zuteilwerden sollte. Eine zynische Logik, gewiss, aber sie erschien den Frauen als Ausweg aus einer Lage, aus der es sonst keinen gab.

Sie sollten an dieser Stelle eine Unterscheidung im Kopf behalten. Die seelsorgerische Praxis des sogenannten guten Todes ist gut belegt: die Beichte, die Begleitung durch Geistliche, die Hinrichtung als versöhnender Abschluss. Die Vorstellung jedoch, dass eine solche Tat pauschal Erlösung garantierte, ist theologisch zu einfach gedacht. Die Kirchenlehre war nie so eindeutig, wie es die verzweifelte Rechnung der Frauen nahelegte. Zwischen dem, was gepredigt wurde, und dem, was Menschen daraus machten, lag ein gefährlicher Spielraum.

Was bleibt, ist das Bild einer Zeit, in der religiöser Druck und gesellschaftliche Enge so schwer wogen, dass der Tod durch fremde Hand als Geschenk erscheinen konnte. Der stellvertretende Suizid ist damit weniger ein religiöses Dogma als ein erschütterndes Zeugnis dafür, wie weit Menschen gehen, wenn ihnen der eigene Weg ins Jenseits versperrt scheint.

Kathy Stuarts Archivarbeit: Hunderte Fälle, eine stille Spur

Aus einer schaurigen Anekdote wird eine Serie. Die Historikerin Kathy Stuart hat sich durch Kirchenbücher, Gerichtsakten und Sterberegister gearbeitet und dabei ein Muster freigelegt, das viele für eine Randnotiz der Geschichte halten würden. Ihre Forschung zum stellvertretenden Suizid zeigt: Was auf den ersten Blick wie ein tragischer Einzelfall wirkt, wiederholte sich über Jahrhunderte im deutschsprachigen Raum mit einer Regelmäßigkeit, die erschüttert.

Für den Zeitraum zwischen 1580 und 1839 dokumentierte Stuart der Überlieferung nach rund 400 solcher Fälle. Die genaue Zahl gilt in der Forschung allerdings als schwer verifizierbar, zu lückenhaft sind manche Archive, zu unterschiedlich die Art, wie die Obrigkeiten solche Taten vermerkten. Wer die Quellen liest, merkt schnell: Hier wurde nicht zufällig protokolliert, hier zeichnete sich ein wiederkehrendes Muster ab.

Zeitraum

1580 bis 1839

In diesem Zeitraum hat Kathy Stuart der Überlieferung nach etwa 400 Fälle von stellvertretendem Suizid zusammengetragen. Die exakte Zahl lässt sich aus den Quellen nicht mit letzter Sicherheit bestätigen.

Wien

1668 bis 1783

Allein für Wien sind in der Literatur 95 Fälle überliefert. Auch diese Zahl wird in der Forschung genannt, ist aber nicht exakt bestätigt. Sie zeigt dennoch, wie dicht das Phänomen in einer einzigen Stadt auftrat.

Was diese Zahlen so beklemmend macht, ist ihre Stille. Hinter jedem Eintrag steht eine Frau, die unter religiöser Schwermut und gesellschaftlichem Druck keinen anderen Ausweg sah. Der stellvertretende Suizid war für sie kein Verbrechen im heutigen Sinn, sondern ein verzweifelter Umweg über das Gericht, um der Hölle zu entgehen. Die Akten, die Stuart durchforstete, sind damit weit mehr als Statistik. Sie sind das Echo einer Angst, die sich über Generationen hielt.

Und genau darin liegt die Bedeutung ihrer Arbeit: Sie macht das scheinbar Unfassbare zählbar. Erst durch die Reihe von Hunderten Fällen wird sichtbar, dass es sich nicht um Ausnahmen handelte, sondern um ein wiederkehrendes Muster im deutschsprachigen Raum.

Des Teufels Bad: Eva Lizlfellner und die Rückkehr der Geschichte im Film

Lange blieb das Phänomen des stellvertretenden Suizids eine Randnotiz in den Akten. Erst der Historikerin Kathy Stuart ist es zu verdanken, dass die Fälle aus den Regalen der Archive wieder ins Licht rückten und Eingang in die öffentliche Wahrnehmung fanden. Aus diesen Papieren, aus Verhörprotokollen und Gerichtsbüchern, trat eine einzelne Frau hervor, die der Überlieferung nach Eva Lizlfellner hieß. Eine österreichische Bäuerin. Ob der Name in allen Details genau so geschrieben wurde, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit sagen. Doch die Figur, die dahintersteht, ist keine Erfindung.

Der Film Des Teufels Bad greift diese Spur auf. Er nimmt sich der Geschichte jener Frau an und übersetzt das, was in den Archivalien oft nur als nüchterne Zeile steht, in Bilder. Was dabei entsteht, ist kein lautes, kein effekthaschendes Kino. Der Film erzählt langsam, mit wenigen Worten. Er lässt die Kamera verweilen, wo andere längst weiterspringen würden, und genau darin liegt seine Wirkung.

Sie spüren beim Zusehen, wie eng diese Welt gewesen sein muss. Die Wände, das Schweigen, die Blicke der anderen. Dazu eine Frömmigkeit, die nicht tröstet, sondern einengt, die über jedem Schritt wacht und jeden Gedanken wägt. Es ist eine Atmosphäre, in der die Angst vor der ewigen Verdammnis so greifbar wird, dass sie beinahe den Raum selbst ausfüllt. Wer diese Enge einmal gespürt hat, versteht die Verzweiflung, die aus den Quellen spricht, mit anderen Augen.

Und genau darum geht es. Der Film erinnert daran, dass hinter jeder dieser Zeilen ein Mensch stand. Keine Statistik, keine Fallnummer, sondern eine Frau, die einen Ausweg suchte, wo keiner war. Die Aufzeichnungen, die wir heute lesen, sind keine Fiktion. Sie sind das, was von diesen Leben übrig blieb. Der Film gibt ihnen für einen Moment eine Stimme zurück.

Was bleibt: Religion, Druck und die Frage nach dem Warum

Man kann diese Fälle als Kuriosität der Geschichte abtun. Man kann sie aber auch als das lesen, was sie sind: ein extremes Beispiel dafür, wie stark religiöse Normen auf einzelne Menschen einwirken konnten. Der stellvertretende Suizid zeigt in seiner brutalsten Form, was geschieht, wenn die Angst vor der Hölle größer wird als der Selbsterhaltungstrieb und wenn die einzige Tür aus der Ausweglosigkeit durch das eigene Kind führt. Wer diese Frauen verstehen will, muss sich klarmachen, dass sie nicht in einem Vakuum handelten. Sie handelten in einer Welt, in der die ewige Verdammnis eine reale, alltägliche Drohung war.

Die Praxis verschwindet, der Druck nicht

Die geschilderte Praxis ist verschwunden. Niemand würde heute eine solche Tat mit der Aussicht auf Erlösung verbinden. Doch die Frage, die dahintersteht, ist nicht verschwunden: Wie viel Druck hält ein Mensch aus, bevor er glaubt, keine Wahl mehr zu haben? Formen sozialer und religiöser Enge gibt es weiterhin, auch wenn sie sich anders äußern. Sie zeigen sich in Erwartungen an Familien, in Schuldgefühlen, in dem Gefühl, den eigenen Wert nur durch Gehorsam zu beweisen. Die konkreten Bilder haben sich geändert, die Mechanismen sind erstaunlich vertraut.

Zwischen Distanz und Kontinuität

Es wäre zu einfach, diese Geschichte mit einem überlegenen Kopfschütteln abzutun. Wer die Menschen des 17. und 18. Jahrhunderts nur an heutigen Maßstäben misst, verliert aus dem Blick, wie sehr ihr Denken von einer Glaubenswelt geprägt war, die uns fremd geworden ist. Zugleich wäre es ebenso falsch, sich hinter dieser Fremdheit zu verstecken. Denn in den Dokumenten steckt etwas, das sich nicht wegerklären lässt: das Leid von Menschen, die keinen Ausweg mehr sahen, und die Ausweglosigkeit selbst, die über die Jahrhunderte hinweg eine unheimliche Kontinuität besitzt.

Vielleicht liegt genau darin der Wert dieser Erzählung. Sie verlangt keine Moralpredigt und liefert keine einfache Lehre. Sie fragt nur beharrlich nach dem Warum, und sie lässt uns ahnen, wie dünn der Boden sein kann, auf dem ein Mensch steht.

Hinweis der Redaktion: Nicht abschließend gesicherte Angaben sind im Text ausdrücklich als solche gekennzeichnet.

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