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Shell Shock in Gallipoli: Traumata osmanischer Soldaten

Shell Shock an der Gallipoli-Front war im Jahr 1915 kein Phänomen, das nur die alliierten Truppen betraf: Auch osmanische Soldaten erkrankten an Kriegsneurosen, wie zeitgenössische Berichte und die medizinische Versorgung vor Ort nahelegen. Wer sich die Halbinsel Çanakkale als reinen Ort militärischer Heldenmythen vorstellt, übersieht die stillen Opfer. Männer, die dem Trommelfeuer wochenlang ausgesetzt waren, verloren die Sprache, zitterten am ganzen Körper oder brachen innerlich zusammen. Ihre Geschichte wurde lange kaum erzählt, obwohl sie sich in denselben Schützengräben abspielte wie die der bekannten westlichen Chronisten.

Wichtige Fakten
  • An der Gallipoli-Front von 1915 traten bei Soldaten beider Seiten psychische Zusammenbrüche auf, die damals unter dem Begriff Shell Shock zusammengefasst wurden.
  • Der britische Offizier und Diplomat Aubrey Herbert hielt in seinen Aufzeichnungen Begegnungen mit erkrankten osmanischen Soldaten fest.
  • Ein osmanischer Militärarzt namens Dr. Yahoub Garabetyan soll Fälle von Kriegsneurose unter den eigenen Truppen beschrieben haben.
  • Die medizinische Versorgung psychisch erkrankter Soldaten war im Osmanischen Reich begrenzt und stieß an organisatorische Grenzen.
  • Der Historiker Ben Shephard ordnet diese Berichte in die internationale Forschung zur Geschichte des Kriegstraumas ein.

Das Wichtigste in Kürze

Während der Kämpfe um Gallipoli im Jahr 1915 zeigten auch osmanische Soldaten Symptome, die damals als Shell Shock bezeichnet wurden. Britische Beobachter wie Aubrey Herbert und der überlieferte osmanische Arzt Dr. Yahoub Garabetyan beschrieben solche Fälle. Die Versorgung war begrenzt, und viele Erkrankte blieben unbehandelt. Der Historiker Ben Shephard ordnet das Geschehen in die Geschichte des Kriegstraumas ein.

Shell Shock an der Gallipoli-Front: Eine Frage, die lange niemand stellte

Von den britischen, französischen und deutschen Armeen im Ersten Weltkrieg ist der sogenannte Shell Shock gut dokumentiert. An der Westfront gehörte das Zittern, das Starren, das plötzliche Verstummen zum Alltag der Schützengräben, und Ärzte wie Offiziere führten dafür eigene Wörter. Für die osmanischen Soldaten an der Gallipoli-Front, dem Schauplatz der Kämpfe auf der Halbinsel im Jahr 1915, hat man diese Frage erstaunlich selten gestellt. Genau dort aber, unter dem Feuer der Schiffsgeschütze und der Feldartillerie, die den Boden Tag um Tag umpflügten, wäre eine seelische Erschütterung alles andere als verwunderlich.

Denn wer wochenlang im Donner der Einschläge ausharrt, ist nicht aus Stein. Jeder Soldat, ob aus Manchester oder aus Anatolien, bringt Angst mit, und die Angst sucht sich ihren Weg. Berichten zufolge hat man auch auf osmanischer Seite Männer gesehen, deren Blick leer und starr war, als sähen sie durch alles hindurch. Was fehlte, war nicht das Erleben. Plausibel ist, dass vor allem ein festes Wort dafür fehlte.

Dieser Text folgt drei überlieferten Berichten: der Schilderung des britischen Historikers Ben Shephard, einem Tagebucheintrag des britischen Geheimdienstoffiziers Aubrey Herbert vom 13. Juni 1915 und der Beobachtung des osmanischen Arztes Dr. Yahoub Garabetyan. Und er fragt, warum das Osmanische Reich für das, was seine Soldaten an der Gallipoli-Front durchlitten, offenbar keinen eigenen Begriff fand.

Ein Wort benennt nicht nur eine Krankheit. Es entscheidet auch darüber, ob ein Leid gesehen, behandelt und erinnert wird.

Wer die drei Berichte nebeneinanderlegt, merkt schnell: Es geht nicht um die Frage, ob es den Schock gab. Es geht um die Frage, wer ihn aufschrieb, wer ihn deutete und wer ihn am Ende überging.

Ben Shephards Bericht: Sieben Tote im eroberten Schützengraben

Stellen Sie sich einen Graben vor, eben erst von alliierten Soldaten eingenommen, die Luft noch schwer vom Rauch der Einschläge. Was sie dort gefunden haben sollen, gehört zu den verstörendsten Bildern, die aus den Kämpfen um die Halbinsel Gallipoli überliefert sind. Der britische Historiker Ben Shephard soll diesen Fund beschrieben haben, und laut einer nicht gesicherten Überlieferung bot sich den Männern folgende Szene.

Nach einem schweren Bombardement stießen die Soldaten auf sieben osmanische Soldaten, die im eroberten Schützengraben beieinandersaßen. Die Gewehre ruhten auf ihren Knien. Sie hätten, so heißt es in der Schilderung, gewirkt, als tauschten sie im Tod noch einen Scherz aus: Einer hatte den Arm um den Nacken eines Kameraden gelegt, und auf seinem Gesicht lag ein Lächeln.

Nur einer der sieben war verwundet. Die übrigen trugen keine sichtbare Verletzung. Kein Splitter, keine Wunde, nichts, was den Tod erklärt hätte. Genau darin liegt das Befremdliche dieser Erzählung, und genau darin liegt auch ihr medizinhistorischer Kern. Der Eindruck, der sich den Soldaten aufdrängte, war der von zerstörten Nerven ohne jede äußere Spur. Ein Körper, der von außen unversehrt blieb und innerlich dennoch zusammenbrach.

Zur Einordnung: Ben Shephard ist ein realer britischer Historiker, der sich mit der Geschichte der Psychiatrie im Krieg befasst hat. Die konkrete Anekdote mit diesen exakten Details lässt sich seiner Autorschaft und diesem Wortlaut jedoch nicht zuverlässig zuordnen. Sie ist daher als überlieferte Erzählung zu lesen, nicht als gesicherter Tatsachenbericht.

Was diese Szene so eindringlich macht, ist ihre Widersprüchlichkeit. Da sitzen Männer in einer Haltung, die fast friedlich wirkt, und doch sind sie tot. Und der einzige Verwundete ist ausgerechnet nicht derjenige, dessen Zustand am rätselhaftesten erscheint. Wer solche Bilder im Kopf behält, versteht, warum an der Gallipoli-Front vom später so genannten Shell Shock die Rede war, lange bevor irgendjemand dafür einen festen Begriff fand.

Aubrey Herberts Tagebuch: Der stöhnende Soldat ohne Wunde

Manchmal braucht es keinen einzigen Blutstropfen, um zu begreifen, was der Krieg mit einem Menschen macht. Aubrey Herbert, britischer Geheimdienstoffizier und unmittelbar in die Kämpfe von Gallipoli verstrickt, soll genau das festgehalten haben. Seine Tagebücher sind überliefert und gelten als eindringliche Zeugnisse eines Mannes, der die Schlacht nicht nur beobachtete, sondern mitten in ihr stand. Ein Eintrag ragt dabei besonders hervor, und er erzählt von einem stöhnenden Soldaten, an dem sich kein einziger Kratzer fand.

Laut einer nicht verifizierten Überlieferung schildert Herbert unter dem 13. Juni 1915 eine Szene, die ihm nicht mehr aus dem Kopf ging. Sanitäter trugen einen verwundeten türkischen Soldaten auf einer Trage an ihm vorbei. Der Mann stöhnte in einem gleichmäßigen, fast mechanischen Rhythmus. Für Herbert lag die Erklärung auf der Hand: eine schwere Kopfverletzung, ein Hirnschuss. Wer so regelmäßig stöhnt, so dachte er wohl, dem ist der Schädel getroffen.

Später suchte er den Soldaten im Lazarett auf. Was er dort gefunden haben soll, irritierte ihn mehr als jede klaffende Wunde. Der Mann hatte keine sichtbare Verletzung. Kein Splitter, kein Durchschuss, nichts. Eine Granate war in seiner unmittelbaren Nähe explodiert und hatte ihn in einen Schockzustand versetzt. Seitdem gab der Soldat Laute von sich, die klangen, als würde ein Maschinengewehr feuern, unwillkürlich, ohne dass er es steuern konnte. Sein Körper spielte das Geräusch der Zerstörung weiter, obwohl die Zerstörung an ihm vorbeigegangen war.

Für den Beobachter war das unbehaglich. Ein Mann, der unversehrt aussieht und doch nicht mehr derselbe ist. Genau hier zeigt sich der Shell Shock an der Gallipoli-Front in seiner verstörendsten Form: als unsichtbare Wunde, die sich der Logik des Schlachtfelds entzieht. Herbert vermerkte es nüchtern, aber das Befremden schwingt in jeder Zeile mit. Wer einen solchen Mann vor sich hat, kann ihn nicht einfach als genesen entlassen.

Eine Einordnung ist an dieser Stelle geboten. Dass Herbert diese Beobachtung machte, gilt als plausibel, doch Datum und Detailinhalt dieses konkreten Eintrags lassen sich nicht zweifelsfrei verifizieren. Wir sollten ihn daher als das lesen, was er ist: ein überlieferter Bericht, ein Fenster in einen Moment, der sich lange vor dem Begriff für das ereignete, was er beschreibt. Und doch bleibt das Bild bestehen, so klar, als hätte man es selbst gesehen.

Dr. Yahoub Garabetyan und die erstarrte Schutzhaltung

Nicht nur britische oder französische Offiziere versuchten, das Unbegreifliche zu erklären. Auch auf osmanischer Seite soll es einen Militärarzt gegeben haben, der genauer hinsah. Der Überlieferung zufolge beobachtete Dr. Yahoub Garabetyan auf dem Schlachtfeld von Gallipoli einen Soldaten in einer auffälligen, wie eingefrorenen Haltung: Die Arme hingen schlaff herab, der Oberkörper war nach vorn gebeugt, der Kopf tief zwischen die Schultern gezogen. Ein Bild, das sich einprägt.

Garabetyan soll es nicht bei der Beobachtung belassen haben. In einem späteren Vortrag, so heißt es, erklärte er die eigentümliche Erstarrung körperlich. Bei jeder Explosion verkrampfe sich die Bauchmuskulatur, der Körper ziehe sich instinktiv zusammen, um sich zu schützen. Diese Schutzreaktion, so seine Deutung, habe sich bei dem Soldaten durch die ständige Wiederholung der Detonationen verselbstständigt und sei schließlich dauerhaft geworden. Der Schreck war nicht mehr nur ein Moment, er war zur Haltung geraten.

Man muss diese Episode mit Vorsicht lesen. Ob es Dr. Yahoub Garabetyan tatsächlich gab, in welcher Funktion er in Gallipoli tätig war und was in jenem Vortrag im Wortlaut gesagt wurde, lässt sich ohne Zugriff auf die Originalquellen nicht zuverlässig prüfen. Die Überlieferung ist dünn, und gerade die medizinische Erklärung mit der verkrampften Bauchmuskulatur trägt den Charakter einer nachträglichen Deutung.

Und doch ist der Versuch bemerkenswert. Während der Shell Shock an der Gallipoli-Front in Europa längst ein fester Begriff war, fehlte auf osmanischer Seite offenbar das Vokabular. Was blieb, war der Blick des Arztes auf einen einzelnen Körper, der nicht mehr gehorchte. Eine kleine, fast private Beobachtung am Rand einer gewaltigen Schlacht.

Warum Shell Shock bei osmanischen Soldaten nicht diagnostiziert wurde

Wer an der Gallipoli-Front kämpfte, war demselben Trommelfeuer ausgesetzt wie die Soldaten im Westen. Dass die psychischen Folgen dort nicht in derselben Weise benannt und eingeordnet wurden wie in Großbritannien, Frankreich oder Deutschland, hat womöglich weniger mit fehlender Not als mit fehlenden Begriffen zu tun. Der Überlieferung nach zeigten auch osmanische Soldaten Zeichen schwerer seelischer Erschütterung. Eine gesicherte medizinhistorische Diagnose fehlt jedoch.

In Europa hatte sich für das Leiden ein eigener Name eingebürgert: Shell Shock. Ärzte und Militärs an der Westfront klassifizierten die Symptome, führten Akten, diskutierten Ursachen. Im Osmanischen Reich scheint ein vergleichbarer Rahmen gefehlt zu haben. Der Überlieferung nach beobachteten Sanitäter und Offiziere die Erschütterungen durchaus. Sie ordneten sie aber offenbar nicht in ein festes Krankheitsbild ein.

Ein besonders eindringliches Bild schildert der britische Historiker Ben Shephard. Nach einem schweren Bombardement hätten alliierte Soldaten in einem eroberten Schützengraben sieben tote osmanische Soldaten gefunden, die mit auf den Knien ruhenden Gewehren beieinandersaßen. Einer habe den Arm um den Nacken eines Kameraden gelegt, das Gesicht zu einem Lächeln verzogen. Nur einer von ihnen sei verwundet gewesen. Diese Anekdote ist in ihrer genauen Form nicht sicher zu belegen, sie wird hier als überlieferte Erzählung wiedergegeben.

Auch der britische Geheimdienstoffizier Aubrey Herbert, der 1915 unmittelbar in den Kämpfen um Gallipoli war, hielt Beobachtungen fest. Seinem Tagebuch zufolge trugen Sanitäter am 13. Juni 1915 einen verwundeten türkischen Soldaten auf einer Trage, der rhythmisch stöhnte. Später habe Herbert festgestellt, dass der Mann keine sichtbare Wunde hatte. Eine in der Nähe explodierende Granate habe ihn in Schock versetzt, und er habe unwillkürlich Geräusche von sich gegeben, die an ein Maschinengewehr erinnerten. Datum und Details dieses Eintrags sind allerdings nicht zweifelsfrei gesichert.

Der osmanische Arzt Dr. Yahoub Garabetyan soll auf dem Schlachtfeld einen Soldaten beobachtet haben, dessen Arme schlaff herabhingen, dessen Oberkörper nach vorn gebeugt war und dessen Kopf tief zwischen den Schultern steckte. In einem späteren Vortrag erklärte er dieses Bild damit, dass sich die bei jeder Explosion verkrampfte Bauchmuskulatur zu einer dauerhaften Schutzhaltung des Körpers verfestigt habe. Auch diese Episode wird als überliefert wiedergegeben. Die starke Behauptung, es habe im Osmanischen Reich weder Diagnose noch Begriff gegeben, ist medizinhistorisch nicht gesichert. Plausibel ist, dass ein solcher Rahmen fehlte.

Ein wichtiger Unterschied zum Schluss: Shell Shock und die heutige posttraumatische Belastungsstörung sind nicht dasselbe. Wer den historischen Begriff kurzerhand mit der modernen Diagnose gleichsetzt, greift fachlich zu weit. Die Geschichte des Shell Shock an der Gallipoli-Front erzählt von Soldaten, deren Nerven zerbrachen. Sie erzählt zugleich davon, wie sehr es davon abhängt, ob eine Gesellschaft für solches Leid überhaupt Worte findet.

Hinweis der Redaktion: Nicht abschließend belegte Angaben werden im Text ausdrücklich als unsicher gekennzeichnet.

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