Roussel de Bailleul: Der Normanne, der in Anatolien ein Reich gründete

Roussel de Bailleul war ein normannischer Söldnerführer, der nach der Schlacht von Manzikert 1071 in Zentralanatolien ein eigenes, wenn auch kurzlebiges Herrschaftsgebiet errichtete. Seine Geschichte ist eine der außergewöhnlichsten Episoden der byzantinischen Geschichte im 11. Jahrhundert, geprägt von militärischem Können, politischem Kalkül und dramatischem Verrat. Stellen Sie sich einen Mann vor, der zwischen zwei Imperien, dem byzantinischen und dem seldschukischen, seinen eigenen Thron beanspruchte und dabei die große Politik seiner Zeit wie ein Schachbrett nutzte.
- Roussel de Bailleul führte normannische Söldnertruppen im Dienst des byzantinischen Kaisers Romanos IV. Diogenes.
- Nach der Schlacht von Manzikert 1071 nutzte er das Machtvakuum in Anatolien und errichtete ein eigenes Herrschaftsgebiet.
- Sein Einflussbereich lag im Herzen Zentralanatoliens, mit regionalen Zentren wie Ankara.
- Der byzantinische General Alexios Komnenos, später Kaiser Alexios I., besiegte Roussel durch eine Kombination aus Militärstrategie und diplomatischer List.
- Roussel de Bailleul wurde schließlich an die Byzantiner ausgeliefert und wenig später hingerichtet.
Das Wichtigste in Kürze
Roussel de Bailleul, ein normannischer Söldner, errichtete nach der byzantinischen Niederlage bei Manzikert im Jahr 1071 ein eigenes Herrschaftsgebiet in Anatolien. Er wurde vom byzantinischen General Alexios Komnenos, dem späteren Kaiser, durch eine List gefangen genommen und schließlich hingerichtet. Sein Reich existierte nur wenige Jahre.
Einleitung: Der Söldner, der ein Reich träumte
Roussel de Bailleul ist eine der faszinierendsten und zugleich am meisten vergessenen Gestalten der byzantinischen Geschichte. Dieser normannische Söldner wagte im 11. Jahrhundert etwas, das selbst erfahrene Feldherren für unmöglich hielten: Er errichtete mitten in Anatolien seinen eigenen Herrschaftsbereich. Seine Geschichte spielt in einer Zeit, in der das Byzantinische Reich um sein Überleben kämpfte und drei Mächte um die Vorherrschaft rangen.
Die zweite Hälfte des 11. Jahrhunderts war eine Ära des Umbruchs. Das einst mächtige Byzanz, das die Nachfolge des Römischen Reiches angetreten hatte, sah sich gleich mehreren Gegnern gegenüber. Aus dem Osten drangen die Seldschuken unter Sultan Alp Arslan vor, während im Westen und Norden zunehmend Söldner aus Frankenland und Skandinavien in kaiserlichen Diensten standen. Diese Söldner waren gefürchtete Kämpfer, doch ihre Loyalität hatte Grenzen. Sie folgten nicht dem Kaiser, sondern dem höchsten Bieter, und genau das machte sie unberechenbar.
In diesem Spannungsfeld zwischen Byzantinern, Seldschuken und fränkischen Söldnern entfaltete sich das Drama um Roussel de Bailleul. Es ist eine Geschichte voller Verrat, Intrigen und kühner Pläne, die zeigt, wie fragil die Machtverhältnisse in Kleinasien damals waren. Ein einzelner Mann mit einer Handvoll Getreuen konnte das Schicksal ganzer Regionen beeinflussen und das mächtige Byzanz in Bedrängnis bringen. Die byzantinische Geschichtsschreiberin Anna Komnena, Tochter des Kaisers Alexios I., hat diese Ereignisse in ihrem Werk „Alexias" festgehalten, und ihre Schilderungen lesen sich wie ein Abenteuerroman.
Die Franken im byzantinischen Heer: Söldner zwischen Loyalität und Gier
Unter den ausländischen Kriegern, die im byzantinischen Heer dienten, nahmen die Franken einen besonderen Platz ein. Die meisten dieser Franken waren Normannen aus Süditalien, Männer, die weit von ihrer Heimat entfernt ihr Glück und ihren Lohn suchten. Erstmals kämpften sie um 1039 an der Seite der Byzantiner, als der Feldherr Georgios Maniakes seinen Feldzug auf Sizilien führte.
Einige dieser Krieger entschieden sich, ihre Dienste weiter östlich anzubieten. Im Jahr 1047 tauchten sie erstmals in Konstantinopel auf, als Kaiser Konstantin IX. sie während der Rebellion des Tornikios anwarb. Danach verlegte man sie an die Ostgrenze des Reiches, in die Provinzen Anatoliens, wo sich zunehmend Konflikte mit den Seldschuken abzeichneten.
Die Franken waren hervorragende Kämpfer und eine wertvolle Verstärkung für die byzantinische Armee. Doch es gab einen Haken: Ihre Loyalität hing direkt an der Höhe ihres Soldes. Solange sie gut bezahlt wurden, waren sie verlässlich. Sobald sich ihnen jedoch Gelegenheiten boten, über ihre militärischen Pflichten hinaus Gewinn zu machen, wurden sie unberechenbar. Diese Eigenschaft sollte dem Reich später ernste Probleme bereiten, wie der Aufstand eines Mannes zeigt, der in den byzantinischen Chroniken als Rouselios oder Urselios bezeichnet wird: Roussel de Bailleul.
Roussel, auch Ursellus de Ballione genannt, führte eine Söldnertruppe an und trug den Titel eines Vestarches, eines hohen byzantinischen Würdenträgers. In den Quellen wird der Titel gelegentlich als Vestis wiedergegeben, korrekt ist jedoch Vestarches. Um 1069 trat er in den Dienst des Kaiserreichs, zunächst als Mitglied einer Söldnerkompanie unter der Führung eines anderen Franken namens Robert Crispin. Schon bald sollte er jedoch eigene Wege gehen.
Manzikert 1071: Das Desaster, das alles veränderte
Im Jahr 1071 stand das Byzantinische Reich vor seiner vielleicht größten Bewährungsprobe. Kaiser Romanos IV. Diogenes führte eine gewaltige Armee nach Osten, um die vordringenden Seldschuken unter Sultan Alp Arslan zurückzuschlagen. Der Feldzug endete in der verheerenden Schlacht von Manzikert, einem Wendepunkt, der die Geschichte Kleinasiens für immer verändern sollte. Und Roussel de Bailleul, der normannische Söldner, soll mittendrin im Geschehen gewesen sein, wenn auch nicht im entscheidenden Moment.
Der Überlieferung nach wurde Roussel während dieses Feldzugs damit beauftragt, die Festung Chliat einzunehmen. Diese Mission schnitt ihn von der Hauptarmee ab, sodass er an der entscheidenden Schlacht selbst nicht teilnahm. Ob er wirklich vor Ort war, lässt sich aus den Quellen nicht eindeutig belegen, aber die Erzählung zeichnet ein lebendiges Bild: Während Kaiser Romanos bei Manzikert in die Katastrophe ritt, kämpfte Roussel irgendwo anders um eine Festung, die ihm am Ende nichts einbrachte.
Die Niederlage von Manzikert traf das Oströmische Reich mit voller Wucht. Kaiser Romanos wurde gefangen genommen, freigelassen und schließlich von seinen eigenen Leuten gestürzt und geblendet. In dem Chaos, das folgte, verstärkten die Seldschuken und andere türkische Gruppen ihre Einfälle in byzantinisches Gebiet. Die Grenzen, die jahrhundertelang gehalten hatten, brachen nun an mehreren Stellen gleichzeitig auf.
Der neue Kaiser Michael VII. Doukas stand vor einer Herkulesaufgabe. Er entsandte eine Armee unter der Führung von Isaak Komnenos, einem Neffen des gleichnamigen früheren Kaisers, nach Osten. Das Ziel: die Ordnung wiederherstellen und die Eindringlinge zurückdrängen. Roussel de Bailleul schloss sich diesem Feldzug mit 400 fränkischen Rittern an, die unter seinem Kommando standen.
Doch die Allianz sollte nicht lange halten. Als die Armee in der Region Caesarea, dem heutigen Kayseri, ankam, kam es zu einem Zwischenfall, der alles verändern sollte. Isaak Komnenos ließ einen fränkischen Soldaten wegen eines Disziplinarvergehens bestrafen. Roussel fühlte sich dadurch persönlich beleidigt und sah seine Ehre verletzt. In der folgenden Nacht verließ er mit seinen Männern heimlich das byzantinische Lager.
Dieser scheinbar kleine Affront sollte weitreichende Folgen haben. Roussel war nun ein Mann ohne Herrn, mitten in Anatolien, mit 400 kampferprobten Rittern im Rücken und einem Reich, das gerade seine schwerste Krise seit Jahrhunderten durchlebte. Was er als Nächstes tat, würde die byzantinische Führung in Panik versetzen und das Kräfteverhältnis in Kleinasien neu ordnen.
Der Bruch mit Byzanz: Ein Disziplinarverfahren und seine Folgen
Im Jahr 1071, nach der verheerenden Niederlage von Manzikert gegen die Seldschuken, sandte Kaiser Michael VII. Doukas eine Armee unter der Führung von Isaak Komnenos, einem Neffen des früheren Kaisers, nach Ostanatolien. Roussel de Bailleul schloss sich diesem Feldzug mit 400 fränkischen Rittern an. Doch als das Heer in Kaisareia, dem heutigen Kayseri, lagerte, eskalierte ein scheinbar kleiner Vorfall zu einem historischen Bruch.
Isaak Komnenos verhängte eine Disziplinarstrafe gegen einen der fränkischen Söldner. Für Roussel de Bailleul war dies ein Affront, den er nicht hinnehmen wollte. In der Nacht verließ er mit seinen Männern heimlich das byzantinische Heerlager. Diese Entscheidung sollte das Kräfteverhältnis in Kleinasien nachhaltig verändern.
Der byzantinische Kommandant Alexios, der Überlieferung nach handelt es sich dabei um den späteren Kaiser Alexios Komnenos, erhielt den Auftrag, die Abtrünnigen zu verfolgen. Doch bevor er aufbrechen konnte, erreichte ihn die Nachricht, dass sich eine seldschukische Streitmacht nähere. Die Verfolgung Roussels wurde abgebrochen, stattdessen stellte sich das byzantinische Heer den Seldschuken in Kappadokien zur Schlacht.
Der Hinterhalt, den die Byzantiner geplant hatten, schlug fehl. Die Seldschuken errangen einen überwältigenden Sieg. Isaak Komnenos wurde verwundet und gefangen genommen, Alexios konnte nur knapp entkommen. Als er und seine Soldaten in den umliegenden Ortschaften Schutz suchten, verweigerten ihnen die Bewohner die Aufnahme. Die Angst vor den nahen Seldschuken war größer als die Loyalität zur kaiserlichen Armee.
Roussel de Bailleul nutzte das Chaos, das seine Desertion ausgelöst hatte, geschickt für seine eigenen Ziele. Berichten zufolge besiegte er in der Nähe von Ankara eine seldschukische Einheit und eroberte die Stadt. Eine formelle Staatsgründung mit dem Titel eines Prinzen ist in den zeitgenössischen Quellen allerdings nicht belegt. Die byzantinische Führung erkannte dennoch, dass sie es nicht mit einem bloßen Aufständischen zu tun hatte, sondern mit einem Mann, der ein unabhängiges Reich errichten wollte. Die Erinnerung an Süditalien, wo es Normannen gelungen war, byzantinisches Territorium zu erobern, war noch frisch und machte die Gefahr durch Roussel de Bailleul aus Sicht Konstantinopels zu einer existentiellen Bedrohung.
Ein Herrschaftsgebiet im Herzen Anatoliens: Roussels Machtbasis
Nach seiner Abkehr von der byzantinischen Armee gelang Roussel de Bailleul ein bemerkenswerter Coup: Berichten zufolge besiegte er eine Seldschukengruppe bei Ankara und bemächtigte sich der Stadt. Der Überlieferung nach soll sich der normannische Söldner daraufhin zum Prinzen erhoben und einen eigenen Herrschaftsbereich gegründet haben. Eine formelle Staatsgründung mit Hauptstadt Ankara und offiziellem Fürstentitel ist in den zeitgenössischen Quellen allerdings nicht belegt. Fest steht jedoch, dass Roussel von nun an im Herzen Anatoliens nach eigenem Gutdünken schaltete und waltete.
Von seiner neuen Basis aus unternahm der Abenteurer Plünderungszüge durch das zentrale Anatolien. Zahlreiche Städte zwang er dazu, ihm Tribut zu zahlen. Für die byzantinische Führung in Konstantinopel war damit eine Grenze überschritten: Man hatte es nicht mehr mit einem bloßen Rebellen zu tun, sondern mit einem Mann, der offenbar ernsthaft eine unabhängige Herrschaft in Kleinasien errichten wollte. Diese Aussicht erschien den Strategen am Bosporus als weitaus bedrohlicher als die Präsenz der Seldschuken. Der Grund dafür lag in einem frischen Trauma: In Süditalien hatten es die Normannen binnen weniger Jahrzehnte geschafft, byzantinisches Territorium zu erobern und ein eigenes Reich zu errichten. Dass sich dieses Schauspiel nun in Anatolien wiederholen könnte, wirkte auf die byzantinischen Machthaber wie ein Menetekel an der Wand.
Die Entscheidung war schnell gefallen: Roussel de Bailleul musste um jeden Preis gestoppt werden. Ein kaiserliches Heer wurde zusammengestellt, um dem Normannen das Handwerk zu legen. Dass dieser Feldzug im Frühjahr 1074 antrat, zeigt, wie ernst man die Lage inzwischen nahm. Der einstige Söldner, der einst im Dienste des Kaisers gestanden hatte, war zum Staatsfeind Nummer eins geworden.
Die Schlacht an der Zombos-Brücke: Verrat im byzantinischen Heer
Als die byzantinische Armee im Frühjahr 1074 gegen Roussel de Bailleul ausrückte, schien die Übermacht erdrückend. Doch was sich an der Zombos-Brücke am Fluss Sangarios, dem heutigen Sakarya, abspielte, wurde zu einer der bittersten Niederlagen des Kaiserreichs im 11. Jahrhundert, besiegelt durch Verrat aus den eigenen Reihen.
Der Feldzug stand unter dem Kommando von Johannes Doukas, einem Sohn des einflussreichen Andronikos Doukas, gemeinsam mit dem erfahrenen General Nikephoros Botaneiates, der später selbst den Kaiserthron besteigen sollte. Berichten zufolge umfasste das kaiserliche Heer etwa 12.000 Mann, darunter 1.500 Waräger, die gefürchtete Elitegarde aus Skandinavien und Angelsachsen, sowie 500 fränkische Söldner. Die genauen Zahlen sind allerdings nicht durch verlässliche Quellen gedeckt, wie Historiker bis heute anmerken.
Roussel, der sich mit ungefähr 3.000 Mann, überwiegend Rittern, am Sangarios positioniert hatte, zeigte keine Furcht. Johannes Doukas, der zahlenmäßig klar überlegen war, sandte Unterhändler zu dem Normannen und bot ihm Vergebung an, falls er sich ergebe. Die Geste deutete darauf hin, dass Konstantinopel den abtrünnigen Söldner noch immer als potenziell nützlich betrachtete, möglicherweise für einen gemeinsamen Feldzug gegen die Seldschuken. Roussel jedoch wies das Angebot verächtlich zurück, voller Vertrauen in seine eigene militärische Überlegenheit und die Qualität seiner Kämpfer.
Was dann geschah, offenbarte die taktische Unerfahrenheit des Johannes Doukas. Statt den Normannen in ihrer Verteidigungsposition anzugreifen, überquerte er den Fluss und stellte sein Heer mit dem Rücken zum Wasser auf. Damit schnitt er sich selbst von möglichen Verstärkungen ab, genau das, was Roussel durch seinen schnellen Vormarsch erreichen wollte. Die kaiserliche Armee formierte sich in zwei getrennten Linien: Im Zentrum der ersten Linie stand Johannes Doukas mit den Warägern, auf dem rechten Flügel eine Einheit fränkischer Söldner unter einem Anführer namens Papas, auf dem linken Flügel sein Sohn Andronikos. Die zweite Linie, befehligt von Botaneiates, bestand aus den weniger erfahrenen Truppen.
Als die Schlacht in den frühen Stunden des 11. Mai begann, ein Datum, das in den Quellen nicht einheitlich überliefert ist, rief Roussel seinen Landsleuten auf dem rechten Flügel der byzantinischen Formation etwas zu. Was genau er sagte, ist nicht überliefert, doch die Wirkung war verheerend: Die fränkischen Söldner wechselten geschlossen die Seiten und schlossen sich seinen Reihen an. Gemeinsam stürmten sie nun das byzantinische Zentrum, wo Johannes Doukas und die Warägergarde standen.
Die Waräger kämpften mit verzweifeltem Mut, doch die Überzahl der vereinten Franken war erdrückend. Und dann geschah das Unfassbare: Botaneiates, der mit seiner Reserveeinheit hätte eingreifen können, zog sich zurück, ohne einen einzigen Schlag zu führen. Die Gründe für diesen Schritt bleiben bis heute rätselhaft, doch die Parallelen zur Schlacht von Manzikert drei Jahre zuvor waren unübersehbar. Dort hatte Johannes Doukas, der nun selbst in der Falle saß, den Kaiser Romanos IV. im Stich gelassen. Nun erlitt er dasselbe Schicksal: Er und sein Sohn Andronikos wurden verwundet und gefangen genommen.
Roussel de Bailleul ging jedoch noch einen Schritt weiter. Er ließ den gefangenen Johannes Doukas zum neuen byzantinischen Kaiser ausrufen, ein kühner Schachzug, der das Reich in eine tiefe Krise stürzen sollte. Plötzlich stand nicht mehr nur ein rebellischer Söldner in Anatolien, sondern ein Gegenkaiser, um den sich weitere Aufständische sammeln konnten. Für Konstantinopel war dies eine existenzielle Bedrohung, die dringend gelöst werden musste.
Ein Kaiser aus Gefangenschaft: Roussels größtes Wagnis
Roussel de Bailleul vollzog nach seinem Sieg einen verblüffenden Schachzug: Er ließ den gefangenen byzantinischen Feldherrn Johannes Doukas zum neuen Kaiser ausrufen. Diese Provokation zwang Konstantinopel zu verzweifelten Gegenmaßnahmen, die den Lauf der Geschichte Kleinasiens nachhaltig verändern sollten.
Der normannische Söldnerführer hatte im Mai 1074 an der Zombos-Brücke am Sangarios-Fluss, dem heutigen Sakarya, eine kaiserliche Armee vernichtend geschlagen. Johannes Doukas, ein hochrangiger General und Verwandter des regierenden Kaisers Michael VII., war mitsamt seinem Sohn Andronikos in Roussels Hände gefallen. Die Alexias, das Geschichtswerk der byzantinischen Prinzessin Anna Komnena, belegt eindeutig, dass Roussel den Gefangenen daraufhin zum neuen Herrscher proklamieren ließ. Ein Söldner, der einen gefangenen General als Kaiser einsetzte, das war selbst für die turbulenten Jahre nach der Schlacht von Manzikert 1071 eine beispiellose Dreistigkeit.
In Konstantinopel brach Panik aus. Der Hof wusste, dass ein solcher Gegenkaiser gefährliche Signalwirkung haben würde. Die Lösung kam aus einer unerwarteten Richtung: von den Seldschuken, die sich in Anatolien festzusetzen begannen.
Der junge Seldschukenführer Süleyman Schah I. und seine drei Brüder sollen der Überlieferung nach nach dem Verlust des seldschukischen Throns an Alp Arslan im Jahr 1064 ins Taurusgebirge geflohen sein, wobei die Umstände in den Quellen vage und widersprüchlich beschrieben werden. Von dort aus hatten sie sich ein eigenes Herrschaftsgebiet aufgebaut, unabhängig von der zentralen seldschukischen Autorität in Isfahan. Nun erhielt Süleyman Schah ein verlockendes Angebot: Er sollte Roussel de Bailleul fangen, der Berichten zufolge kurz zuvor Chrysopolis, das heutige Üsküdar am Bosporus, geplündert haben soll.
Der Norman verfiel schließlich einer klassischen Finte. Die Seldschuken täuschten einen Rückzug vor, und Roussel, der die Verfolgung aufnahm, geriet in den Hinterhalt. Was dann geschah, grenzt an Ironie: Bevor die Byzantiner das geforderte Lösegeld zahlen konnten, erschien Roussels Ehefrau persönlich mit einer beträchtlichen Summe in Gold und erkaufte die Freiheit ihres Mannes. Die Seldschuken ließen ihn ziehen, und der gefährlichste Mann Kleinasiens war wieder auf freiem Fuß.
Diese Begebenheit zeigt, wie sehr sich die Machtverhältnisse in Anatolien nach Manzikert verschoben hatten. Ein abtrünniger Söldner, ein gefangener Prätendent und ein aufstrebender Seldschukenführer spielten ein gefährliches Spiel, dessen Einsatz nichts Geringeres war als die Vorherrschaft über Kleinasien.
Alexios Komnenos: Der junge Stratege, der Roussel besiegte
Der byzantinische Kaiser Michael VII. Doukas stand mit dem Rücken zur Wand. Der normannische Söldner Roussel de Bailleul hatte weite Teile Kleinasiens unter seine Kontrolle gebracht und den gefangenen Johannes Doukas zum Kaiser ausrufen lassen. In seiner Not wandte sich der Kaiser an Georgien: Für die Gefangennahme Roussels versprach er der Überlieferung nach die Städte Theodosiopolis, das heutige Erzurum, und Kars, wobei diese territorialen Zugeständnisse in den Quellen nicht klar belegt sind. Der georgische Feldzug scheiterte kläglich. Viele georgische Soldaten wechselten sogar die Seiten und schlossen sich dem Normannen an.
Die Lage wurde für Konstantinopel zunehmend bedrohlich. Der Kaiser wusste, dass sich die Rebellion wie ein Lauffeuer ausbreiten konnte, wenn sie nicht schnell niedergeschlagen würde. Also entsandte er einen jungen Mann, dem er offenbar mehr zutraute als seinen erfahrenen Generälen: Alexios Komnenos, den späteren Kaiser. Nach älteren Darstellungen soll er damals etwa zwanzig Jahre alt gewesen sein, nach heutigem Forschungsstand zählte er bei seinem Feldzug gegen Roussel jedoch erst etwa siebzehn oder achtzehn Jahre. Ohne nennenswerte Truppen oder finanzielle Mittel wurde er zum Oberbefehlshaber ernannt und mit einer schier unmöglichen Aufgabe betraut.
Doch der junge Alexios verfügte über etwas, das Gold nicht kaufen kann: ein gerissenes politisches Kalkül. Statt sich dem überlegenen Normannen im offenen Kampf zu stellen, wandte er sich an die Seldschuken. Sein Angebot war verlockend: Reichtum im Austausch für die Gefangennahme des Johannes Doukas, des von Roussel eingesetzten Kaisers. Die Seldschuken gingen auf den Handel ein und luden Roussel de Bailleul zu einem Festmahl ein. Was wie eine Geste der Gastfreundschaft aussah, entpuppte sich als Falle. Nach dem Essen griffen die Gastgeber zu und nahmen den Normannen gefangen.
Damit war die unmittelbare Gefahr gebannt, doch die Geschichte endet hier nicht. Alexios brachte Roussel in die Stadt Amasya, stand jedoch vor einem neuen Problem: Er hatte den Seldschuken Zahlungen versprochen, die er nicht leisten konnte. Also wandte er sich an die örtliche Bevölkerung. Zu seiner Überraschung zeigten sich die Einwohner dem gefangenen Normannen wohlgesonnen, hatten sie ihn doch vor türkischen Überfällen beschützt, während das ferne Konstantinopel ihnen kaum Schutz geboten hatte. Um ihre Loyalität zu erschüttern, griff Alexios zu einer List: Er ließ Roussel die Augen verbinden und verkündete, der Normanne sei erblindet und könne sie nicht länger verteidigen. Der Plan ging auf. Die Bevölkerung zahlte, Alexios beglich seine Schulden bei den Seldschuken und kehrte triumphierend nach Konstantinopel zurück, wo er Roussel der Überlieferung nach im Jahr 1076 in einen Kerker werfen ließ.
Gefangenschaft, Intrigen und das Ende in Konstantinopel
Der junge Feldherr Alexios Komnenos stand vor einem Problem, das größer war als jede Schlacht: Er hatte Roussel de Bailleul gefangen, doch das versprochene Lösegeld für die Seldschuken fehlte. Was nun folgte, war keine militärische Meisterleistung, sondern ein psychologisches Meisterstück, das die Geschichte des Normanen besiegeln sollte.
Roussel wurde in die Stadt Amasya im nördlichen Zentralanatolien gebracht. Alexios, der als Oberbefehlshaber ohne nennenswerte finanzielle Mittel ausgestattet worden war, stand vor einer scheinbar ausweglosen Situation. Die Seldschuken erwarteten ihre Belohnung, doch die kaiserliche Kasse war leer.
Dann kam die Überraschung, mit der niemand gerechnet hatte. Die örtliche Bevölkerung von Amasya stellte sich auf die Seite des gefangenen Normanen. Aus ihrer Sicht war Roussel de Bailleul kein Feind, sondern ein Beschützer. Er und seine Männer hatten sie vor den verheerenden türkischen Überfällen bewahrt, während das ferne Byzanz in Konstantinopel kaum mehr als Steuern und Dekrete zu bieten hatte. Die Loyalität der Provinz galt dem Mann, der ihre Felder und Familien verteidigte, nicht dem Kaiser am Bosporus.
Alexios erkannte schnell, dass er diese Sympathie brechen musste. Seine List war ebenso einfach wie wirkungsvoll. Er ließ Roussel die Augen verbinden und verkündete der Bevölkerung, der Normanne sei erblindet und könne sie nicht länger schützen. Ein blinder Krieger, so die Botschaft, sei nutzlos gegen die Reiterhorden aus dem Osten.
Der Plan ging auf. Die Menschen von Amasya, die geglaubt hatten, in Roussel einen starken Beschützer zu haben, sahen ihre Hoffnung schwinden. Sie brachten das geforderte Lösegeld auf, die Seldschuken wurden bezahlt, und Alexios kehrte triumphierend nach Konstantinopel zurück. Roussel de Bailleul wurde in der Hauptstadt inhaftiert, der Überlieferung nach im Jahr 1076, wobei die genauen Daten in den Quellen umstritten bleiben.
Doch das Kapitel war noch nicht geschlossen. Im byzantinischen Reich brodelte es an allen Ecken, und als sich eine neue Rebellion abzeichnete, benötigte man dringend erfahrene Militärs. Roussel wurde aus dem Kerker geholt, um die kaiserlichen Truppen zu unterstützen. Es sollte sich als Fehler erweisen. Der Normanne, der schon einmal die Seiten gewechselt hatte, tat es erneut. Sein Verrat besiegelte sein Schicksal: Der Überlieferung nach wurde er im Jahr 1077 hingerichtet, auch wenn die genauen Umstände seines Todes in den Quellen widersprüchlich bleiben.
Die Folgen seiner bemerkenswerten Karriere wirkten noch lange nach. In den Jahren nach seinem Tod erschütterten Aufstände das gesamte Reich, während die Seldschuken unter Süleyman Schah I., dem Herrscher, der sich in Westanatolien festgesetzt hatte, ihren Vormarsch unaufhaltsam fortsetzten. Das byzantinische Kleinasien, das Roussel de Bailleul so mühelos hatte herausfordern können, zerfiel weiter in Machtlosigkeit und Chaos.
Häufig gestellte Fragen
Wer war Roussel de Bailleul?
Roussel de Bailleul war ein normannischer Söldner und Anführer fränkischer Truppen im byzantinischen Dienst. Die byzantinischen Chronisten nannten ihn Rouselios oder Urselios. Er kam um 1069 nach Ostrom und wurde zu einem der gefürchtetsten Militärführer seiner Zeit in Kleinasien.
Wie gelang es ihm, einen eigenen Staat zu gründen?
Nach der verheerenden Niederlage der Byzantiner gegen die Seldschuken in der Schlacht von Manzikert im Jahr 1071 geriet das Reich ins Chaos. In diesem Machtvakuum besiegte Roussel de Bailleul Berichten zufolge eine seldschukische Einheit bei Ankara und eroberte die Stadt. Eine formelle Staatsgründung mit dem Titel eines Prinzen ist allerdings nicht durch die Quellen belegt.
Warum wurde er als Bedrohung angesehen?
Roussel de Bailleul besiegte nicht nur byzantinische Armeen im offenen Feld, sondern ging noch einen Schritt weiter: Er proklamierte den gefangenen Johannes Doukas zum neuen Kaiser. Das Beispiel der Normannen in Süditalien, die binnen weniger Jahrzehnte byzantinisches Territorium erobert hatten, machte ihn in den Augen Konstantinopels besonders gefährlich.
Wie wurde er gefangen genommen?
Nach einer Plünderung von Chrysopolis, dem heutigen Üsküdar nahe Konstantinopel, geriet Roussel de Bailleul Berichten zufolge in eine klassische Falle. Die Seldschuken lockten ihn mit einem vorgetäuschten Rückzug und nahmen ihn gefangen. Seine Frau zahlte ein hohes Lösegeld, woraufhin man ihn freiließ. Später wurde er durch die Intrige von Alexios Komnenos erneut gefasst.
Welche Rolle spielte Alexios I. Komnenos?
Alexios Komnenos, der spätere byzantinische Kaiser, besiegte Roussel nicht durch eine offene Schlacht, sondern durch Diplomatie und List. Er versprach den Seldschuken Reichtümer, wenn sie Johannes Doukas gefangen nähmen. Diese luden Roussel zu einem Festmahl ein und nahmen ihn danach fest. Alexios war zu diesem Zeitpunkt erst etwa siebzehn Jahre alt.
Was geschah nach seiner Freilassung?
Roussel de Bailleul wurde der Überlieferung nach 1076 in einem Kerker in Konstantinopel eingesperrt. Später ließ man ihn frei, damit er eine Rebellion unterstützte. Doch er verriet erneut und wurde der Überlieferung nach 1077 hingerichtet. Sein bewegtes Leben endete damit, wie es begonnen hatte: im Dienst wechselnder Herren, denen niemand wirklich trauen konnte. Hinweis der Redaktion: Angaben zu nicht zweifelsfrei belegten Details, etwa zu den genauen Grenzen von Roussels Herrschaftsgebiet, sind in diesem Artikel entsprechend gekennzeichnet.
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