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Fluch der neunten Sinfonie: Mahlers Angst vor dem Tod

Der Fluch der neunten Sinfonie besagt, dass ein Komponist nach Vollendung seiner neunten Sinfonie sterben muss oder eine zehnte nicht mehr zu Ende bringen kann. Beethoven, Schubert und Vaughan Williams starben tatsächlich nach ihrer Neunten, und Gustav Mahler war so überzeugt von diesem Aberglauben, dass er die Nummerierung umging und danach keine zehnte Sinfonie mehr vollendete. Kaum ein anderer Aberglaube der Musikgeschichte hat so viele Biografien scheinbar bestätigt. Doch handelt es sich um ein echtes Muster oder um eine nachträglich konstruierte Erzählung, die nur die passenden Fälle erinnert und die unpassenden vergisst?

Wichtige Fakten
  • Ludwig van Beethoven vollendete seine neunte Sinfonie und starb einige Jahre später.
  • Franz Schubert starb im Jahr seiner letzten Sinfonie, die heute als seine Neunte gezählt wird.
  • Gustav Mahler umging die Nummerierung, indem er nach der Achten zunächst „Das Lied von der Erde" komponierte, ohne es als Sinfonie zu zählen, und die eigentliche Neunte erst danach schrieb.
  • Anton Bruckner hinterließ seine neunte Sinfonie unvollendet und starb 1896.
  • Ralph Vaughan Williams vollendete seine neunte Sinfonie nur wenige Monate vor seinem Tod.

Das Wichtigste in Kürze

Der Fluch der neunten Sinfonie ist ein Aberglaube, nach dem Komponisten nach ihrer neunten Sinfonie sterben oder keine zehnte mehr vollenden. Beethoven, Schubert und Vaughan Williams starben nach der Vollendung ihrer Neunten. Gustav Mahler fürchtete diesen Fluch und umging die Nummerierung, starb jedoch vor der Vollendung einer zehnten Sinfonie.

Der Fluch der neunten Sinfonie: Ein Aberglaube der Romantik

Stellen Sie sich vor, Sie hätten Ihr größtes Werk vollendet. Die letzte Note verklingt, der Applaus brandet auf, und in Ihrem Kopf formt sich bereits die Idee für das nächste große Stück. Und dann flüstert Ihnen jemand zu: Fangen Sie besser nicht an. Wer die Neunte schreibt, hat nicht mehr viel Zeit.

Genau das ist der Kern des Fluchs der neunten Sinfonie: die Überzeugung, dass eine neunte Sinfonie für einen Komponisten das letzte vollendete Werk dieser Gattung bleiben wird. Wer sie geschrieben hat, so heißt es, stirbt bald darauf oder kann eine zehnte nicht mehr zu Ende bringen. Diese Vorstellung ist kein uraltes Märchen. Sie entstand erst im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, in den letzten Zügen der Romantik, als die Sinfonie zum Inbegriff kompositorischer Größe geworden war.

Warum gerade die Neunte? In dieser Zahl steckt eine unsichtbare Schwelle. Wer sie überschreitet, hat neun gewaltige Werke hinter sich, jedes ein eigener Kosmos. Die Neunte gerät dadurch zum Wendepunkt. Und wer danach eine Zehnte beginnt, der fordert nach dieser Lesart das Schicksal heraus, als würde er um einen Platz im Jenseits verhandeln, bevor seine Zeit gekommen ist.

Der Aberglaube hat sich deshalb so zäh gehalten, weil sich die Biografien einiger der bedeutendsten Komponisten der Musikgeschichte auf unheimliche Weise in ihn fügen. Der österreichische Komponist Gustav Mahler kannte die Geschichte und war ihr keineswegs gleichgültig. Wie er mit ihr umging und warum sein Umgang mit der Nummerierung bis heute für Gesprächsstoff sorgt, gehört zu den faszinierendsten Kapiteln dieses Themas.

Arnold Schönberg, der österreichische Komponist und Begründer der Zwölftontechnik, brachte das Unbehagen 1912 in einem Essay über Mahler auf eine Formel, die seither nachhallt. Wer über die Neunte hinausgehen wolle, müsse sterben, so Schönberg. Es scheine, als könne uns in der Zehnten etwas gegeben werden, das wir noch nicht wissen dürfen und auf das wir nicht vorbereitet sind. Diejenigen, die die Neunte geschrieben haben, so sein Fazit, standen dem Jenseits sehr nahe.

Ob man das nun für Schicksal hält oder für eine Kette von Zufällen, die eine romantische Erzählung nur allzu gern zusammensetzt: Das Muster hat etwas Beunruhigendes. Es lohnt sich, genauer hinzusehen, welche Fälle wirklich tragen und welche die Legende nur schmücken.

Die prominenten Fälle: Beethoven, Schubert, Dvořák und Vaughan Williams

Immer wieder liest man dieselbe Liste. Ludwig van Beethoven, Franz Schubert, Antonín Dvořák und Ralph Vaughan Williams, so heißt es, hätten ihre neunte Sinfonie vollendet und seien danach gestorben. Das klingt nach einem Muster, nach einem dunklen Gesetz der Musikgeschichte. Doch genau hier beginnt das Problem. Denn so geschlossen, wie die Reihe wirkt, ist sie nicht.

Nehmen Sie Antonín Dvořák. Der böhmische Komponist schrieb seine neunte Sinfonie mit dem Beinamen „Aus der Neuen Welt". Danach aber legte er die Feder keineswegs beiseite. Es folgten weitere große Werke, darunter die sinfonischen Dichtungen und mehrere Opern. Dvořák lebte nach der Vollendung seiner Neunten noch viele Jahre. Von einem unmittelbaren Ende nach dem neunten Werk kann also keine Rede sein.

Entgegen der gängigen Version der Geschichte legen die Aufzeichnungen nahe, dass Dvořák nach seiner neunten Sinfonie noch zahlreiche Kompositionen schuf und erst viele Jahre später starb. Die pauschale Behauptung, alle vier genannten Komponisten seien nach ihrer Neunten gestorben, lässt sich damit nicht halten.

Was bleibt, ist eine Mischung aus Wahrheit und Legende. Bei Beethoven und Schubert liegt der Fall anders, ihre letzten Sinfonien tragen tatsächlich die Nummer neun. Vaughan Williams wiederum vollendete seine neunte Sinfonie im hohen Alter, nur wenige Monate vor seinem Tod. Der Fluch der neunten Sinfonie speist sich aus solchen Übereinstimmungen, die im Rückblick wie ein Beweis aussehen. Man übersieht dabei gern die Gegenbeispiele, und Dvořák ist das deutlichste davon. Deshalb gehört dieser Punkt zu den widerlegten Annahmen der Legende, nicht zu ihren Belegen.

Anton Bruckner: Die unvollendete Neunte

Stellen Sie sich einen Mann vor, der sein Leben lang nichts anderes wollte, als Gott eine Sinfonie zu schenken. Anton Bruckner saß bis zuletzt an seiner Neunten. Er starb 1896, bevor er sie beenden konnte. Vollendet wurden nur die ersten drei Sätze. Der vierte blieb ein Torso, ein Fragment, das bis heute nach einer Auflösung sucht, die nie kam.

Für die Anhänger der Überlieferung ist dieser Fall das schlagendste Beispiel. Hier ist der Fluch der neunten Sinfonie kein Aberglaube aus zweiter Hand, sondern eine schlichte Tatsache: Ein Komponist schrieb seine Neunte und kam nicht mehr dazu, sie abzuschließen. Bruckner, der tief gläubige Katholik, der in seinen letzten Monaten noch von der Fertigstellung sprach, wurde gewissermaßen mitten aus der Arbeit geholt.

Was das so eindringlich macht, ist der Kontrast. Bruckner hatte mit seinen früheren Sinfonien einen langen, mühsamen Weg hinter sich. Er feilte, verwarf, überarbeitete und schrieb trotzdem weiter. Und ausgerechnet dort, wo er an eine Grenze stieß, die niemand vorhergesehen hatte, endete sein Leben. Die Neunte blieb sein letztes Wort, ein unfertiges.

Man kann darüber streiten, ob man das Schicksal nennen soll oder Zufall. Doch in der Reihe der Fälle, die dem Fluch zugeschrieben werden, nimmt Bruckner eine Sonderstellung ein. Bei ihm geht es nicht um eine Nummer, die man umgeht, sondern um eine Sinfonie, die tatsächlich unvollendet blieb. Genau deshalb taucht sein Name immer wieder auf, wenn vom Fluch der neunten Sinfonie die Rede ist.

Gustav Mahler und die Angst vor der Zehnten

Gustav Mahler war einer der großen Symphoniker an der Schwelle zur Moderne. Und er war ein Mensch, der Zeichen las. Als er seine Neunte vollendete, wusste er genau, welche Zahl da auf dem Manuskript stand. Die Neunte. Jene Schwelle, an der Beethoven, Schubert und Bruckner für immer stehen geblieben waren.

Mahler kannte den Aberglauben, der sich um diese Zahl rankte, und er nahm ihn ernster, als er je zugegeben hätte. Ob er tatsächlich einer der ersten Komponisten war, die an den Fluch der neunten Sinfonie glaubten, lässt sich nicht sicher belegen. Der Überlieferung nach verband ihn jedoch eine tiefe, fast körperliche Scheu vor der Ziffer Neun.

Ein Ausweg aus der Zählung

Sein Umgang mit dieser Angst war ebenso eigenwillig wie geschickt. Statt nach der Achten eine Neunte zu schreiben, komponierte Mahler zunächst ein Werk für Orchester und Gesangsstimmen auf Texte aus der chinesischen Lyrik. Er nannte es nicht Sinfonie, sondern schlicht Das Lied von der Erde. Eine Sinfonie war es gleichwohl, nur ohne Nummer. So blieb die gefürchtete Zählung aus, und die eigentliche Neunte rückte auf einen späteren Platz.

Doch die Rechnung ging nicht auf. Als Mahler seine Neunte Sinfonie schrieb, stand er bereits unter dem Eindruck einer schweren Krankheit. Die Musik dieser Sätze klingt wie ein Abschied, leise, zerbrechlich, mit einem Ende, das ins Nichts zu gleiten scheint.

Die Zehnte, die unvollendet blieb

Mahler begann mit einer Zehnten Sinfonie. Er notierte Skizzen, ganze Sätze im Entwurf, dazu Randbemerkungen, die von Angst und von Liebe handeln. Zur Vollendung kam es nicht mehr. Im Jahr 1911 starb Gustav Mahler im Alter von fünfzig Jahren, im einundfünfzigsten Lebensjahr, an einer Lungenentzündung. Er hinterließ die Zehnte als Fragment.

Der Musikschriftsteller Arnold Schönberg, selbst Komponist und ein Zeitgenosse Mahlers, beschrieb diesen Zusammenhang 1912 in seinem Essay Gustav Mahler mit eindringlichen Worten. Wer über die Neunte hinausgehen wolle, so Schönberg, müsse sterben. Es scheine, als könne uns in der Zehnten etwas gegeben werden, das wir noch nicht wissen dürfen und auf das wir nicht vorbereitet sind. Diejenigen, die die Neunte geschrieben hätten, so Schönberg weiter, hätten dem Jenseits sehr nahe gestanden.

Man kann darin eine nachträgliche Deutung sehen, gewiss. Doch wer die letzten Takte von Mahlers Neunter hört, dieses langsame Verklingen, der ahnt, warum der Fluch der neunten Sinfonie für ihn mehr war als eine abergläubische Anekdote. Er war eine Ahnung, die er in Töne setzte.

Arnold Schönbergs Definition des Fluchs

Wenn Sie den Fluch der neunten Sinfonie in seiner prägnantesten Form nachlesen wollen, lohnt sich ein Blick auf einen kurzen Essay aus dem Jahr 1912. Der Komponist Arnold Schönberg, damals bereits eine der provokantesten Stimmen der neuen Musik, verfasste einen Text über Gustav Mahler, der 1911 gestorben war. Aus diesem Gedenken entstand eine der eindringlichsten Deutungen des alten Aberglaubens überhaupt.

Schönberg schreibt dort:

Wer darüber hinausgehen will, muss sterben. Es scheint, als ob uns in der Zehnten etwas gegeben werden könnte, das wir noch nicht wissen dürfen, auf das wir nicht vorbereitet sind. Diejenigen, die die Neunte geschrieben haben, standen dem Jenseits sehr nahe.

Dieses Zitat stammt aus Schönbergs Essay Gustav Mahler von 1912, der später in der Sammlung Stil und Gedanke beziehungsweise Style and Idea erschien. Die Worte sind verbürgt, und sie treffen einen Ton, den man in der musikwissenschaftlichen Literatur selten findet. Schönberg argumentiert hier nicht statistisch, er deutet. Die neunte Sinfonie erscheint bei ihm als eine Schwelle, hinter der etwas liegt, das der Mensch noch nicht empfangen darf.

Bemerkenswert ist der Zusammenhang, in dem diese Sätze stehen. Schönberg schrieb sie nicht als Warnung an künftige Komponisten, sondern als Trauerarbeit für einen Freund und Förderer. Mahler hatte Schönberg in seinen frühen Jahren unterstützt, als dessen Musik noch auf heftige Ablehnung stieß. In diesem Nachruf verdichtet sich der Verlust zu einem Bild: Der Komponist, der die neunte Sinfonie vollendet hat, steht bereits an der Grenze zum Jenseits. Wer noch weiter will, wer die zehnte beginnt, überschreitet ein Maß, das dem Menschen nicht zugestanden ist.

Damit gibt Schönberg dem Fluch eine poetische Gestalt. Was andernorts als Zahlenaberglaube belächelt wird, wird bei ihm zur Frage nach den Grenzen des künstlerischen Vermögens. Die neunte Sinfonie ist für ihn kein Unglücksfall der Biografie, sondern der äußerste Punkt, bis zu dem ein Mensch in dieser Kunstform vordringen kann.

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Häufig gestellte Fragen

Woher kommt die Faszination für diese Erzählung?

Die beiden tragischen Fälle sind bekannt. Anton Bruckner starb 1896, ohne seine neunte Sinfonie abschließen zu können; vollendet wurden nur die ersten drei Sätze. Gustav Mahler starb 1911 im Alter von 50 Jahren, also im 51. Lebensjahr, an einer Lungenentzündung, während er an seiner unvollendeten zehnten Sinfonie arbeitete. Zwei Todesfälle in unmittelbarer Nähe zur Neunten, das genügt, um eine Legende am Leben zu halten. Ein ursächlicher Zusammenhang ist damit aber keineswegs belegt. Bemerkenswert ist, dass Mahler den Aberglauben kannte und ihm auswich. Der Überlieferung nach umging er die Nummerierung, um das Schicksal nicht herauszufordern. Ob er damit tatsächlich zu den ersten Komponisten gehörte, die an diesen Fluch glaubten, lässt sich nicht sicher belegen. Arnold Schönberg, selbst Komponist und Zeitgenosse, beschrieb das Unbehagen 1912 in seinem Essay über Mahler mit eindringlichen Worten. Wer über die Neunte hinausgehen wolle, so Schönberg, müsse sterben. Es scheine, als könne uns in der Zehnten etwas gegeben werden, das wir noch nicht wissen dürfen und auf das wir nicht vorbereitet sind. Diejenigen, die die Neunte geschrieben haben, so sein Fazit, standen dem Jenseits sehr nahe. Solche Sätze erklären, warum der Fluch der neunten Sinfonie bis heute nachhallt. Sie sind Poesie, nicht Beweis. Die Biografien der Komponisten erzählen von Krankheit, Erschöpfung und endlicher Lebenszeit, nicht von einer Zahl, die tötet.

Gibt es Komponisten, die eine zehnte Sinfonie vollendet haben?

Ja, und allein das entkräftet die Regel. Wer eine zehnte Sinfonie vollendete, lebte weiter und komponierte weiter. Damit ist die Vorstellung, die Neunte sei zwangsläufig das letzte Werk, widerlegt. Die Fälle sind schlicht zu unterschiedlich, um daraus ein Gesetz zu machen.

Warum glauben trotzdem so viele Menschen an den Fluch?

Weil sich dramatische Einzelfälle besser einprägen als nüchterne Statistik. Bruckner und Mahler bleiben im Gedächtnis, Dvořák mit seinen späteren Werken gerät in den Hintergrund. So entsteht aus selektiver Erinnerung eine Geschichte, die sich gut erzählen lässt, aber keiner Prüfung standhält.

Was bleibt von dieser Legende?

Ein faszinierendes Stück Musikgeschichte und ein schönes Beispiel dafür, wie aus Zufall Mythos wird. Der Fluch der neunten Sinfonie ist Aberglaube, nicht Schicksal. Die Werke selbst aber, ob neunte, zehnte oder elfte, gehören zum Größten, was die klassische Musik hervorgebracht hat. Hinweis der Redaktion: Nicht abschließend gesicherte Angaben sind im Text als solche gekennzeichnet und vorsichtig formuliert.

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