Tolkien und der Mu-Mythos: Númenors Atlantis-Vorbild

Tolkien und der Mu-Mythos berühren sich dort, wo der britische Autor die versunkene Insel Númenor erfand, eine Hochkultur, die durch ihren Hochmut unterging. Wer heute die Karte von Mittelerde aufschlägt, sieht eine Welt, die weit älter ist als der Ringkrieg. In Tolkiens Zeit waren Atlantis, der sagenhafte Kontinent Mu und die Schriften der Theosophin Helena Blavatsky viel diskutierte Stoffe. Was zunächst wie ein entlegener Vergleich wirkt, wird zu einem Blick in die Werkstatt eines Sprachschöpfers, der aus alten Legenden etwas ganz Eigenes formte.
- Númenor ist eine von Tolkiens Erfindungen und gehört zu jener Mythologie, an der der Autor über Jahrzehnte arbeitete.
- Die Númenor-Geschichte wird als eine Art Atlantis-Erzählung gelesen.
- Der Kontinent Mu wurde vor allem durch den Autor James Churchward bekannt, der ihn im frühen 20. Jahrhundert beschrieb.
- Helena Blavatsky prägte die Theosophie und lehrte versunkene Urkulturen, die in manchen Kreisen großen Einfluss hatten.
- Ob Tolkien diese Ideen bewusst aufgriff, lässt sich nicht mit Sicherheit belegen.
Das Wichtigste in Kürze
J. R. R. Tolkien entwarf die Insel Númenor als versunkene Hochkultur im Zweiten Zeitalter von Mittelerde. Der Autor sah darin eine Art Atlantis-Erzählung. Zeitgenössische Ideen über den Kontinent Mu und theosophische Lehren könnten seine Vorstellungswelt mitgeprägt haben, ein direkter Beleg dafür fehlt jedoch.
Tolkien und der Mu-Mythos: Númenors Atlantis-Vorbild
Stellen Sie sich vor, Sie sitzen an einem Kamin, und jemand erzählt Ihnen, dass Mittelerde vielleicht gar nicht am Schreibtisch eines Oxforder Professors entstanden ist, sondern in den Salons und Séancen des späten 19. Jahrhunderts. Genau dort, so die verführerische These, liegt der Ursprung dessen, was Sie heute aus Der Herr der Ringe kennen. J. R. R. Tolkien hat sein Werk nachweislich aus den Ereignissen und Umbrüchen seiner eigenen Zeit gespeist, aus Industrialisierung, Weltkrieg und dem Gefühl, dass alte Ordnungen vergehen. Und in dieses Gefühl mischten sich Erzählungen, die damals viel diskutiert wurden: die versunkenen Kontinente Mu und Atlantis.
Werfen wir zuerst einen Blick auf Mu. Diese Geschichte geht auf den britischen Soldaten und Entdecker James Churchward (1851 bis 1936) zurück. Er behauptete, nach Asien gereist zu sein und dort mithilfe einer einheimischen Gruppe die sogenannten Naacal-Tafeln gefunden zu haben. Auf diesen Tafeln, so seine Erzählung, sei geschrieben gestanden, dass im Zentrum des Pazifischen Ozeans ein riesiger Kontinent gelegen habe, der durch eine Katastrophe versank und dessen Bewohner auswanderten. Dieses Land Mu, so Churchward weiter, habe Kolonien gegründet, zu denen unter anderem das antike Ägypten, die Maya und die Azteken gezählt werden. In Mu, behauptete er, hätten mehrere Menschengruppen gelebt, wobei Menschen der weißen Rasse das multikulturelle Land regiert hätten. Die Historizität all dessen ist unbelegt. Es handelt sich um eine Behauptung, nicht um eine Ausgrabung.
Nun der zweite Strang, und er ist der eigentlich spannende. Vom 19. Jahrhundert bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts entstand eine Welle spiritueller und esoterischer Überzeugungen. Viele Entdecker und Reisende suchten in dieser Zeit nach verborgenen Welttexten und geheimem Wissen. Eine zentrale Figur war Helena Petrovna Blavatsky (1831 bis 1891), bekannt als Madame Blavatsky, Mitbegründerin der Theosophischen Gesellschaft. Ihr 1888 erschienenes Buch The Secret Doctrine offenbarte, wie groß das damalige Interesse an geheimen Wissenschaften war. Der Überlieferung nach beschreibt Blavatsky darin sieben Wurzelrassen, also Zeitalter der Menschheit. Nach gängiger theosophischer Lesart befindet sich die Menschheit in der fünften Wurzelrasse, nicht in der sechsten, wie oft kolportiert wird.
Und jetzt kommt der Punkt, an dem sich die Fäden kreuzen. Nach der Veröffentlichung von The Secret Doctrine lieferten James Churchward und weitere Reisende Informationen über Mu und Atlantis, die die im Buch beschriebene Geschichte der Wurzelrassen zu bestätigen schienen. Ob dies bewusst geschah, lässt sich nicht sicher belegen. Auffällig bleibt die Nähe. In früheren Zeitaltern sollen nach dieser Lehre Wesen wie Riesen, überlegene Menschen, Zwerge und Elfen gelebt haben, und jedes Zeitalter endete in einer großen Zerstörung. Klingt das nicht seltsam vertraut?
Halten wir hier kurz inne und schauen auf die Parallelen, die wirklich tragen. Númenor ähnelt Atlantis. Númenor, auch Andor genannt, ist das Atlantis von Arda, jener Welt, in der Mittelerde liegt. Es war ein großes Inselkönigreich, das am Ende des Zweiten Zeitalters der Sonne in den Wassern des Großen Meeres Belegaer versank. Seine Bewohner wurden besonders auf den Meeren zu einer Großmacht, wurden aber mit wachsender Macht hochmütig. Schließlich erklärten sie, auch durch die Bemühungen Saurons, den Valar den Krieg und verursachten damit ihren eigenen Untergang. Es heißt, Ar-Pharazôn und seine Krieger, die die Lande Amans betraten, seien bis zum letzten Krieg und zum Tag des Gerichts in den vergessenen Höhlen gefangen.
Und Atlantis? Laut Platons Erzählung war es ein Reich jenseits der Säulen des Herakles, das weite Teile Westeuropas und Afrikas eroberte und 9000 Jahre vor Solon, also etwa 9500 vor Christus, Athen anzugreifen versuchte, scheiterte und in einer einzigen Nacht im Ozean versank. Die Ähnlichkeit zu Númenor ist kaum zu übersehen.
Die Gleichsetzung von Mu mit Valinor ist dagegen spekulativ. Valinor liegt in Aman, westlich von Mittelerde, und ist nicht Teil Mittelerdes. In Tolkiens Mythologie stiegen nach der Erschaffung Ardas die Valar und ihre Helfer, die Maiar, hinab und errichteten Valinor für sich und die Kinder Ilúvatars. Manwë, der als König von Valinor auf dem Taniquetil sitzt, und seine Gemahlin Varda regierten von ihren Thronen aus die Welt. Die Vorstellung, Mu sei Valinor, bleibt eine Deutung, keine Tatsache.
Was also ist dran an der großen These? Dass Tolkien aus den Entwicklungen, Überzeugungen und Gerüchten seiner Zeit eine Collage schuf und daraus das Universum von Der Herr der Ringe formte, ist eine plausible Lesart, aber keine belegte Tatsache. Eine reine Collage seiner Zeitgenossenschaft wäre zu einfach. Sicher ist: Er ließ Einflüsse der nordischen Mythologie, der germanischen Mythologie und der Artuslegenden einfließen. Das ist literaturwissenschaftlich anerkannt. Ebenso sicher ist, dass die Karte des Zweiten Zeitalters nicht einfach die Karte von Mu und Atlantis ist, so verlockend die Gegenüberstellung wirkt.
Vielleicht ist genau das der Reiz. Ein Schriftsteller, der seine Zeit gut beobachtete, so wie vor ihm Jules Verne (1828 bis 1905), der die Wissenschaft und Kunst seiner Epoche in sich aufnahm und daraus seine Bücher schrieb. Und wenn Sie heute an die weißen Küsten denken, an das ferne grüne Land unter der schnell aufgehenden Sonne, dann schwingt in dieser Sehnsucht etwas mit, das älter ist als jeder Roman. Die Sehnsucht nach einem Ort, der versunken ist und doch nie ganz verschwindet.
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