Michelangelos David: Vom verworfenen Marmorblock zur Ikone

Michelangelos David ist eine über fünf Meter hohe Marmorskulptur, die zwischen 1501 und 1504 in Florenz entstand. Der Bildhauer schuf sie aus einem gewaltigen Block, den die Stadt seit Jahrzehnten als unbrauchbar abgetan hatte. Aus diesem scheinbar verdorbenen Stein wuchs ein nackter junger Mann heran, der nicht siegt, sondern sich sammelt. Genau darin liegt bis heute die Wucht dieser Figur, die vor dem Kampf steht und nicht danach.
- Der Marmorblock stammte ursprünglich aus den Steinbrüchen von Carrara und war bereits um 1463 für ein Figurenprojekt vorgesehen.
- Der Auftrag für die David-Figur ging im Jahr 1501 an Michelangelo, der den Block bis 1504 fertigstellte.
- Die Skulptur zeigt David vor dem Zweikampf mit Goliath, angespannt und wachsam, nicht im Moment des Triumphs.
- Ursprünglich für den Dom vorgesehen, fand die Statue ihren Platz zunächst auf der Piazza della Signoria vor dem Palazzo Vecchio.
- Heute steht Michelangelos David in der Galleria dell'Accademia in Florenz.
Das Wichtigste in Kürze
Michelangelos David entstand zwischen 1501 und 1504 in Florenz aus einem großen Marmorblock, der zuvor von anderen Bildhauern liegengelassen worden war. Die über fünf Meter hohe Figur zeigt den biblischen Helden vor dem Kampf gegen Goliath und wurde rasch zum politischen Symbol der Florentiner Republik.
Michelangelos David: Vom verworfenen Marmorblock zur Ikone
Stellen Sie sich einen Marmorblock vor, der rund vier Jahrzehnte lang im Hof der Florentiner Domwerkstatt vor sich hin staubt. Ein Klotz, den die besten Bildhauer der Stadt als unbrauchbar abgetan haben. Und dann kommt ein 26-jähriger Mann, der behauptet, daraus ein Meisterwerk zu schlagen, ohne einen einzigen zusätzlichen Stein. Genau so beginnt die Geschichte von Michelangelos David.
Denn diese Geschichte fängt nicht bei Michelangelo an, sondern vier Jahrzehnte früher. Im Jahr 1463 beauftragten die Behörden der Kathedrale Santa Maria del Fiore in Florenz den Bildhauer Agostino di Duccio mit einer großen Statue für die Außenseite des Doms. Sie sollte sich zu zwei Prophetenstatuen gesellen, die Donatello und Nanni di Banco rund fünfzig Jahre zuvor geschaffen hatten. Anders als diese sollten Agostinos Figuren aus Marmor sein.
Der Überlieferung nach reiste Agostino zu den Steinbrüchen von Carrara, um einen passenden Block auszuwählen, und begann noch vor Ort mit der groben Bearbeitung, um Gewicht zu sparen. Nach einigen Jahren jedoch gab er auf und ließ das halb bearbeitete Stück liegen. Berichten zufolge blieb der Block anschließend fast vier Jahrzehnte in der Werkstatt, und rund ein Dutzend Bildhauer soll ihn als nicht der Mühe wert befunden haben.
Ein junger Mann sieht etwas im Stein
1501 beschlossen die Dombehörden, das Projekt wieder aufzunehmen, und zogen mehrere Künstler zu Rate, darunter auch Leonardo da Vinci. Es ging um die Frage, ob sich aus diesem beschädigten Marmorblock überhaupt noch ein Kunstwerk machen ließ. Michelangelo Buonarroti, damals 26 Jahre alt, war der Einzige, der sich zutraute, die Figur ohne Anstückungen, also ohne zusätzlichen Stein, aus dem Block zu lösen. Er sagte, er sehe die Gestalt bereits im Inneren und müsse nur das Überflüssige wegnehmen.
Am 16. August 1501 unterzeichnete er den Vertrag, im September begann er zu arbeiten. Damit ihn niemand bei den ersten unsicheren Schritten beobachten konnte, ließ er um den Block eine hohe Holzwand errichten. So arbeitete er abgeschirmt, ganz für sich.
Warum David? Und warum ein Nackter?
Der junge Hirte David, der künftige König von Israel, war im Mittelalter ein beliebtes Motiv. Nach dem Alten Testament verspottete der Philister Goliath den schmächtigen David und seine primitive Bewaffnung, doch David besiegte ihn mit einem Stein aus seiner Schleuder und trennte ihm anschließend mit dessen eigenem Schwert den Kopf ab.
In der Renaissance gewann dieses Thema neue Züge. Donatello brach um 1440 mit dem mittelalterlichen Bild des bärtigen Königs, Dichters und Musikers und zeigte David in einer Bronzestatue erstmals nackt und für sich stehend, den Fuß auf dem abgeschlagenen Haupt des Feindes. Rund dreißig Jahre später, etwa 1473, schuf Andrea del Verrocchio, der Lehrer von Leonardo und Botticelli, eine weitere Bronzefigur. Sein David wirkt triumphierend, aber auch eitler und zierlicher, fast noch kindlich, mit kunstvoller Lederrüstung. Diese Statue galt als Sinnbild eines Stadtstaates, der kleiner war als Rom oder Mailand, aber tapfer und wehrhaft.
Was Michelangelo anders machte
Michelangelo knüpfte an diese Tradition an, ging aber weit darüber hinaus. Der auffälligste Unterschied war schlicht die Größe: Donatellos Bronzefigur misst etwa 1,58 Meter, Verrocchios rund 1,25 Meter, während Michelangelos Werk mit ungefähr 5,17 Metern alles bisher Dagewesene überragte.
Vor allem aber wählte er einen anderen Moment. Er zeigt nicht den Sieg, nicht den triumphierenden Blick auf den toten Feind. Er zeigt den Augenblick davor. David steht da, angespannt, bereit zum Kampf, den Stein in der Schleuder, den Blick konzentriert. Goliath ist zum ersten Mal gar nicht zu sehen. Diese Idee ließ sich nur mit außergewöhnlichem Können umsetzen, und genau das gelang hier.
Der Augenblick vor dem Wurf
Auf den ersten Blick wirkt die Figur ruhig und nachdenklich. Doch die gespannten Muskeln und der unruhige Blick widersprechen dieser Ruhe. Der rechte Arm ist nach hinten geführt, die Hand hält den Stein, die linke Hand ist bereit zum Wurf. Die kunstvolle Drehung des Körpers verlagert das Gewicht ganz auf den rechten Fußknöchel, was im Lauf der Zeit zu feinen Rissen geführt hat. Nach einigen Angaben gilt die Statue heute als gefährdet.
Was den David so besonders macht, ist die Genauigkeit, mit der jeder Muskel, jeder Knochen und jede Sehne herausgearbeitet ist. Erstaunlich, dass ein so junger Künstler den menschlichen Körper derart gut kannte. Am eindrucksvollsten aber ist die geballte Energie, die die Figur ausstrahlt. Die angespannten Muskeln, die gerunzelte Nase, als würde der Atem stocken, die deutlich hervortretenden Adern. Der intensive, durchdringende Blick der Augen brachte Zeitgenossen dazu, von einer erschreckenden Wirkung zu sprechen.
Michelangelo arbeitete der Überlieferung nach rund 21 Monate allein auf dem Gerüst und widmete sich fast vollständig seiner Arbeit. Jahre später soll er gesagt haben, wenn die Leute wüssten, wie viel Mühe darin stecke, würden sie es nicht Genie nennen.
Ein Symbol für eine ganze Stadt
Michelangelo plante die Statue von Anfang an als politische Allegorie. Sie sollte die Florentiner Republik verkörpern, die 1494 nach der Vertreibung der Medici entstanden war. Der David, dargestellt im Moment vor dem Kampf, stand für den Mut eines Volkes, das die als korrupt geltenden Medici verjagt hatte und nun Pisa zurückgewinnen wollte. Die genaue Rolle Piero de' Medicis in diesem Konflikt wird in der Forschung allerdings unterschiedlich beurteilt.
Wo die Statue stehen sollte, war deshalb keine reine Geschmacksfrage. Ursprünglich war ein weniger auffälliger Platz an der Kathedrale vorgesehen. Anfang 1504 trat jedoch ein Komitee von etwa dreißig Personen zusammen, darunter Leonardo da Vinci, Sandro Botticelli und Filippino Lippi, um über einen geeigneteren Standort zu beraten. Die Mehrheit sprach sich für die Piazza della Signoria neben dem Palazzo Vecchio aus, wo der David die Judith-und-Holofernes-Gruppe von Donatello ersetzen sollte.
Der Transport und die Rückkehr der Medici
Der Weg dorthin war beschwerlich. Der Überlieferung nach zogen mehr als dreißig Männer die tonnenschwere Figur auf einem Holzschlitten über nur 600 Meter, und der Transport dauerte mehrere Tage. Berichten zufolge wurde die Statue dabei mit Steinen beworfen, wobei unklar bleibt, ob Anhänger der Medici dahinterstanden. Der David galt offenbar bereits als Symbol der neuen Ordnung.
Diese Ordnung hielt nicht lange. 1512 kehrten die Medici nach Florenz zurück und beendeten die republikanische Phase. Die Statue aber blieb. Bis 1873 stand sie auf der Piazza della Signoria, dann wurde sie zum Schutz in die Galleria dell'Accademia gebracht, wo sie noch heute zu sehen ist. Eine originalgetreue Kopie, die nach gängigen Angaben 1910 auf der Piazza aufgestellt wurde, erinnert die Florentiner bis heute an ihr bedeutendstes Wahrzeichen.
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