Kater nach Alkohol: Warum Rakı weniger belastet

Ein Kater nach Alkohol entsteht nicht durch den Alkohol allein, sondern durch das Zusammenspiel von Flüssigkeitsverlust, dem Abbauprodukt Acetaldehyd, sogenannten Kongeneren und gestörtem Schlaf. Wer am Morgen danach mit Kopfschmerzen und Übelkeit aufwacht, hat meist mehrere dieser Faktoren gleichzeitig am Werk. Interessant ist dabei der Blick auf Rakı: Der türkische Anisbrand gilt in seinem Herkunftsland traditionell als besonders bekömmlich, und tatsächlich gibt es plausible Gründe, warum er manchen Menschen weniger zusetzt als andere Getränke. Ganz ohne Risiko ist jedoch kein Alkohol.
- Alkohol hemmt die Ausschüttung eines Hormons, das die Harnausscheidung bremst, wodurch der Körper mehr Flüssigkeit verliert.
- Beim Abbau von Alkohol entsteht Acetaldehyd, eine giftige Zwischenstufe, die für Übelkeit und Kopfschmerzen mitverantwortlich gemacht wird.
- Dunkle Getränke enthalten häufig mehr Kongenere, also Begleitstoffe, die den Kater verstärken können.
- Alkohol stört die Schlafarchitektur, sodass Erholung und Regeneration in der Nacht leiden.
- Rakı wird aus Trauben destilliert und enthält möglicherweise vergleichsweise wenige Kongenere, was ihn in der Wahrnehmung vieler Menschen verträglicher macht.
Das Wichtigste in Kürze
Ein Kater nach Alkohol entsteht durch Flüssigkeitsmangel, die Abbauprodukte des Alkohols, Begleitstoffe im Getränk und schlechten Schlaf. Rakı wird traditionell als bekömmlicher beschrieben, was sich unter anderem mit seinem geringen Gehalt an Begleitstoffen erklären lässt. Vollständig belegt ist dieser Vorteil allerdings nicht, und Alkohol bleibt grundsätzlich gesundheitsschädlich.
Kater nach Alkohol: Warum Rakı weniger belastet
Es ist ein vertrautes Bild: Der Abend war lang, die Gläser waren voll, und am nächsten Morgen hämmert es hinter der Stirn. Wer einen Kater nach Alkohol erklärt haben möchte, landet schnell bei Flüssigkeitsverlust, giftigen Abbauprodukten und schlechtem Schlaf. Und dann gibt es da noch die Frage, warum manche Getränke spürbar gnädiger sind als andere, etwa ein türkischer Rakı im Vergleich zu einem schweren Rotwein.
Der erste Mechanismus ist so einfach wie unangenehm. Alkohol dämpft die Ausschüttung des antidiuretischen Hormons, und damit halten die Nieren das Wasser nicht mehr so gut zurück. Die Urinproduktion steigt, der Körper trocknet aus, und auch der Elektrolythaushalt aus Natrium und Kalium gerät ins Rutschen. Kommt dann noch Erbrechen dazu, verstärkt sich der Flüssigkeits- und Salzverlust. Das ausgetrocknete Gehirn reagiert empfindlich, die Rezeptoren in der Hirnhaut werden gereizt, und der Kopfschmerz ist da.
Gleichzeitig läuft in der Leber eine chemische Kette. Das Enzym Alkoholdehydrogenase wandelt Ethanol zunächst in Acetaldehyd um, eine reaktive und giftige Verbindung. Normalerweise baut die Aldehyddehydrogenase sie rasch zu Essigsäure ab. Bei größeren Mengen bleibt der Stoff jedoch eine Weile in den Geweben und kann Gesichtsrötung, Herzklopfen und Kopfschmerz auslösen.
Dazu kommen die sogenannten Kongenerien, also all die Begleitstoffe, die bei Gärung und Destillation neben dem reinen Alkohol entstehen: Isopropanol, Isobutanol, organische Säuren, Ester und Amine. Sie geben dem Getränk Aroma, belasten den Stoffwechsel aber zusätzlich. Besonders das Methanol gilt als problematisch. Es kommt in vielen alkoholischen Getränken in sehr kleinen Mengen neben Ethanol vor. Über die Enzyme des Körpers wird es zu Formaldehyd und Ameisensäure abgebaut, beides hochgiftig. Eine einzelne experimentelle Studie mit Rotwein, der 100 mg/l Methanol enthielt, legt nahe, dass die Methanolspiegel erhöht bleiben, bis der Ethanolgehalt im Blut auf null gesunken ist, und dass genau in dieses Zeitfenster die Katerbeschwerden fallen. Auch die alte Regel „hair of the dog“, also ein kleiner Schluck am Morgen danach, wird in diesem Zusammenhang diskutiert: Vorhandenes Ethanol blockiert den Methanolabbau, was vorübergehend lindern könnte. Klinisch ausreichend belegt ist diese Wirkung allerdings nicht.
Auch die Wahl des Getränks zählt. Die Studienlage ist begrenzt, deutet aber darauf hin, dass Getränke mit wenigen Kongenerien wie Wodka oder Gin seltener und milder Kater auslösen als kongenerreiche wie Bourbon, Brandy oder Rotwein. Hinzu kommen biogene Amine. Tyramin, das bei der Fermentation proteinhaltiger Lebensmittel entsteht, kann den Gefäßtonus beeinflussen und Kopfschmerzen auslösen. Ein Zusammenhang zwischen tyraminreichen Lebensmitteln wie Käse, Wurstwaren und Wein und Kopfschmerz bei migräneanfälligen Menschen wird traditionell beschrieben, ist in der neueren Forschung aber nicht eindeutig belegt. Histamin wiederum erweitert die Gefäße und erhöht ihre Durchlässigkeit, was Kopfschmerz, Hautrötung und verstopfte Nase erklären kann.
Selbst das Immunsystem spielt mit. Der Körper reagiert auf hohen Alkoholkonsum offenbar wie auf Stress und schüttet Botenstoffe aus. Einzelne Berichte legen nahe, dass am Morgen nach starkem Trinken deutlich erhöhte Werte von Interleukin-6 und Interleukin-10 in Blut und Speichel gemessen wurden. Das reicht für ein grippeähnliches Gefühl mit Fieber, Gliederschmerzen und Abgeschlagenheit. Und der Schlaf, der zunächst so erholsam wirkt, wird flacher: Die REM-Phasen verkürzen sich, die Tiefschlafphasen zeigen Auffälligkeiten, und in der zweiten Nachthälfte wacht man häufig auf. Diese unruhige Nacht senkt die Schmerzschwelle zusätzlich.
Kommen wir nun zum Rakı. Er wird aus Suma hergestellt, einem Alkohol aus Trauben oder Rosinen, und zweifach destilliert, wobei im letzten Schritt Anissamen hinzukommen. Weil bei der Destillation ein großer Teil der Gärnebenprodukte abgetrennt wird, ist es plausibel, dass Rakı im Vergleich zu gleich starken Fasswhiskeys weniger Kongenerien enthält. Es wird angenommen, dass der Methanolgehalt bei zuverlässigen Herstellern weit unter den gesetzlichen Grenzwerten liegt. Theoretisch also ein recht „sauberes“ Getränk aus Wasser, Ethanol und etwas aromatischem Anisöl.
In der Praxis ist es die Menge, die zum Problem wird. Ein Doppel Rakı enthält je nach Portionsgröße und Alkoholgehalt schätzungsweise 10 Gramm Ethanol, und bei einem langen Abend mit Meze kommt leicht eine ganze Flasche zusammen. Diese Menge hat es in sich. Dass Rakı meist mit Wasser getrunken wird, hilft etwas gegen die Austrocknung. Salziges Meze und stundenlanges Sitzen verstärken die Austrocknung jedoch, und Käse oder Wurst liefern zusätzlich Tyramin. Am Ende gilt der altbekannte Rat: viel Wasser trinken, Maß halten, und Ihr Körper wird es Ihnen am nächsten Morgen danken.
Hinweis der Redaktion: Nicht abschließend belegte Aussagen sind im Text ausdrücklich als solche gekennzeichnet.
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