Der Schrei: Munchs geheime Notiz am Bildrand

Edvard Munchs „Der Schrei“ ist weit mehr als ein ikonisches Bild der Angst: Eine bislang wenig beachtete Notiz am Bildrand verrät die tiefe persönliche Panik des Malers vor dem Wahnsinn. Die Geschichte hinter dem berühmtesten Gemälde der Moderne verbindet eine zerrüttete Liebesbeziehung, einen erbitterten Nazi-Konflikt und einen Auktionsrekord von fast 120 Millionen Dollar.
- Edvard Munch malte „Der Schrei“ in vier Versionen zwischen 1893 und 1910, wobei die bekannteste Fassung von 1893 stammt.
- Eine kaum sichtbare Bleistiftnotiz am Bildrand lautet: „Kann nur von einem Wahnsinnigen gemalt worden sein“ und gilt als persönliches Bekenntnis des Künstlers.
- Die unglückliche Beziehung zu Tulla Larsen prägte Munchs Leben und Werk über Jahre hinweg und beeinflusste seine Darstellung von Liebe und Verlust.
- Die Nationalsozialisten diffamierten Munchs Werke als „entartete Kunst“ und entfernten sie aus deutschen Museen.
- Eine Pastellfassung von „Der Schrei“ erzielte 2012 bei Sotheby’s einen Rekordpreis von 119,9 Millionen Dollar.
Das Wichtigste in Kürze
Der norwegische Maler Edvard Munch schuf „Der Schrei“ in den 1890er Jahren als Ausdruck existenzieller Verzweiflung. Eine handschriftliche Notiz am Bildrand offenbart seine Angst vor dem Wahnsinn. Das Gemälde wurde 2012 für rund 120 Millionen Dollar versteigert und gilt als eines der berühmtesten Kunstwerke der Welt.
Einleitung: Die rätselhafte Notiz am Bildrand
Sie kennen das Bild mit Sicherheit: eine Gestalt, die Hände an den Kopf gepresst, der Mund zu einem stummen Schrei geöffnet, dahinter ein Himmel, der in blutigem Rot glüht. Edvard Munch Der Schrei zählt zu den bekanntesten Gemälden der Kunstgeschichte. Doch nur wenige Betrachter bemerken die kleine Bleistiftnotiz am oberen Bildrand, die kaum sichtbar in die Leinwand gekritzelt ist: „Nur von einem Verrückten kann das gemalt worden sein."
Diese Zeile blieb jahrzehntelang nahezu unbemerkt. Nach Angaben der Quelle wurde sie 1904 von einem dänischen Kunstkritiker entdeckt, und es dauerte noch einmal mehr als ein Jahrhundert, bis ihre Herkunft zweifelsfrei geklärt werden konnte. Untersuchungen des Norwegischen Nationalmuseums, darunter auch Kohlenstoffdatierungen, erbrachten den Beweis: Die Handschrift stammt von Edvard Munch selbst. Die genaue Datierung der Notiz ist in der Forschung umstritten; die plausibelste Annahme ist, dass sie kurz nach der Entstehung des Werks angebracht wurde, vermutlich Mitte der 1890er Jahre.
Hinter diesen wenigen Worten verbirgt sich eine Geschichte voller Verletzungen, Ängste und künstlerischer Kämpfe. Sie führt uns in das Leben eines Mannes, der zeitlebens fürchtete, dem Wahnsinn zu verfallen, und der genau diese Angst in seinem berühmtesten Werk verewigte. Lassen Sie uns eintauchen in die bewegte Entstehungsgeschichte dieses Meisterwerks und die dunklen Kapitel, die es umgeben.
Die Geburt eines Meisterwerks: Munchs Vision am blutroten Himmel
Edvard Munch Der Schrei entstand nicht in stiller Studioarbeit, sondern aus einem Moment intensiver Sinneswahrnehmung. Der norwegische Maler, geboren 1863, schilderte den Auslöser später in eigenen Worten: Er spazierte mit zwei Freunden bei Sonnenuntergang, als sich der Himmel plötzlich blutrot färbte. Er fühlte sich erschöpft, blieb zurück und lehnte sich an ein Geländer. Über der dunkelblauen Bucht und der Stadt lagen Flammen, die wie Blut und Zungen geformt waren. Seine Freunde gingen weiter, während er zitternd stehen blieb und die Natur einen unendlichen Schrei auszustoßen schien.
Dieses Erlebnis verarbeitete Munch 1893 zu dem Gemälde, das heute weltweit als Ikone der Angst gilt. Die erste Fassung entstand in diesem Jahr, und die Kunstgeschichte datiert sie übereinstimmend darauf. Die Komposition zeigt eine androgyn wirkende Figur, die sich den Kopf hält, während sich der Himmel in dramatischen Rot- und Orangetönen wellt. Die Landschaft im Hintergrund ist der Blick vom Ekeberg-Hügel in Oslo, damals noch Kristiania genannt, über den Oslofjord.
Bemerkenswert ist, dass Munch das Motiv nicht nur einmal malte. Es existieren insgesamt vier Versionen des Schreis, die sich in Technik und Entstehungszeit unterscheiden. Entgegen der häufig kolportierten Annahme befinden sich jedoch nicht drei dieser Fassungen im Norwegischen Nationalmuseum. Tatsächlich hängt dort nur eine einzige Version. Zwei weitere Werke gehören zum Bestand des Munch-Museums in Oslo, und eine Pastellfassung aus dem Jahr 1895 befindet sich in Privatbesitz. Genau diese Pastellversion sorgte 2012 für Aufsehen, als sie bei Sotheby's in New York für 119,9 Millionen Dollar versteigert wurde. Es war damals der höchste Preis, der je für ein Kunstwerk auf einer Auktion erzielt worden war.
Die Entstehungsgeschichte zeigt, wie eng Munchs persönliche Empfindung und sein künstlerischer Ausdruck miteinander verwoben waren. Der Schrei war für ihn keine stilisierte Geste, sondern die bildhafte Übersetzung eines überwältigenden Gefühls, das er an jenem Abend am Fjord erlebt hatte.
Verletzende Kritik und die Angst vor dem Wahnsinn
Als Edvard Munch sein Gemälde Der Schrei zum ersten Mal der Öffentlichkeit präsentierte, ahnte er wohl nicht, welchen Sturm der Entrüstung er damit auslösen würde. Die Reaktionen waren vernichtend, und sie kamen von zwei Seiten, die für einen Künstler kaum schwerer wiegen könnten: von der Kunstkritik und von der Medizin.
Kunstkritiker und Ärzte warfen dem norwegischen Maler vor, einen kranken Geist zu haben. Man sagte ihm unverblümt, er gehöre in eine Anstalt. Diese Worte trafen Munch tiefer, als es die meisten seiner Zeitgenossen ermessen konnten. Sie blieben als offene Wunde in ihm zurück, und noch Jahrzehnte später griff er sie in Briefen und Tagebuchaufzeichnungen auf.
Die Angst, die diese Kritik in ihm auslöste, war keine abstrakte Sorge. Sie war tief in seiner Familiengeschichte verwurzelt. Sein Vater und sein Großvater hatten unter Depressionen gelitten, und seine Schwester war in eine psychiatrische Klinik eingewiesen worden. Die Vorstellung, selbst dem Wahnsinn zu verfallen, verfolgte Munch sein ganzes Leben lang.
Vor diesem Hintergrund ist die berühmte Randnotiz zu verstehen, die Munch mit Bleistift an den Rahmen von Der Schrei schrieb: „Nur von einem Verrückten gemalt.“ Die genaue Datierung dieser Notiz ist in der Forschung umstritten, aber die plausibelste Deutung ist, dass sie als direkte Reaktion auf die öffentliche Verurteilung entstand. Es war Munchs Antwort auf jene Stimmen, die ihn für geisteskrank erklärten, sein stiller, aber eindringlicher Protest gegen die Zuschreibung, die ihn so tief verletzte.
Die Befürchtungen des Malers sollten sich auf dramatische Weise bewahrheiten. Im Jahr 1908 erlitt Edvard Munch einen schweren Nervenzusammenbruch, zu dem sein übermäßiger Alkoholkonsum beigetragen hatte. Er ließ sich in einer psychiatrischen Klinik in Dänemark behandeln, wo er mehrere Monate verbrachte, bis er im Frühjahr 1909 entlassen wurde. Die Klinikbehandlung half ihm, doch die Erfahrung bestätigte letztlich genau jene Angst, die ihn seit der ersten Ausstellung von Der Schrei begleitet hatte.
Tulla Larsen: Eine zerstörerische Liebe
Unter den vielen Frauen, die Edvard Munchs Leben und Werk prägten, ragt eine besonders heraus: Tulla Larsen, die Tochter eines wohlhabenden Weinhändlers. Sie lernte den Künstler kennen, als sie 29 Jahre alt war und er bereits 35. Ihre Beziehung sollte vier Jahre andauern und von Konflikten, Leidenschaft und letztlich einer Tragödie geprägt sein.
Munchs Verhältnis zu Frauen war zeitlebens schwierig. Er fürchtete ihre Dominanz und war überzeugt, dass sie dem Mann die schöpferische Energie raubten, wie Vampire, die das Leben aussaugen. Für ihn gab es nichts Zerstörerischeres als eine innige Liebesbeziehung. Diese Angst spiegelte sich in seinem Verhalten Tulla gegenüber wider. Forscher, die seine Briefe im heutigen Museumsarchiv seines Hauses untersuchten, vermuten, dass Munch der jungen Frau absichtlich distanziert, unhöflich und manchmal sogar aggressiv begegnete. Er wollte sie von sich stoßen, ihr zeigen, dass von ihm nichts zu erwarten war. In einem Brief schrieb er ihr gar: „Du könntest auch Gravuren anfertigen, ich würde dir Bücher kaufen, du musst deine Seele weiterbilden, denn sie ist völlig unentwickelt.“ Dabei hatte Tulla durchaus eine künstlerische Ausbildung genossen.
Doch die hartnäckige Tulla gab nicht auf. Sie war entschlossen, bei ihm zu bleiben, trotz aller Zurückweisungen. Das Paar hielt die Beziehung über verschiedene Städte hinweg aufrecht, bis es im Jahr 1902 zum dramatischen Höhepunkt kam. In jenem Jahr erfuhr Munch von einem Selbstmordversuch Tullas. Der genaue Zeitpunkt und die Substanz sind jedoch nicht eindeutig belegt; die Überlieferung bleibt hier vage.
Wenige Monate später eskalierte die Situation endgültig. Bei einem Streit in Munchs Haus löste sich ein Schuss aus einer Pistole, bei dem der Künstler an der Hand verletzt wurde. Was genau geschah, weiß niemand mit Sicherheit, doch die Verletzung sollte bleiben: Sein Finger an der linken Hand blieb zeitlebens etwas verkürzt. Nach diesem Vorfall trennten sich die beiden und sahen sich nie wieder.
Munchs Rache war von symbolischer Wucht: Er zerschnitt das Porträt, das ihn und Tulla gemeinsam zeigte, in zwei Hälften. Das British Museum in London erwarb die getrennten Teile und setzte das Werk später wieder zusammen, wo es heute ausgestellt ist. Ein stilles, aber eindringliches Zeugnis einer Liebe, die in Zerstörung endete.
Verfolgt von den Nazis und der Spanischen Grippe
Selbst ein Künstler von Weltrang war vor den politischen Wirren des 20. Jahrhunderts nicht gefeit. Edvard Munch, der Schöpfer von Edvard Munch Der Schrei, erlebte in seinen letzten Lebensjahren sowohl die Willkür der nationalsozialistischen Kulturpolitik als auch eine schwere Krankheit.
Im Jahr 1937 beschlagnahmte die nationalsozialistische Regierung in Deutschland Werke Munchs aus öffentlichen Sammlungen. Sie stufte sie als „entartete Kunst“ ein, ein Begriff, mit dem die Nazis alle Kunst diffamierten, die nicht ihrem eigenen, engen Geschmacksbild entsprach. Für den Norweger, der zeitlebens um Anerkennung gerungen hatte, war dieser Akt der staatlichen Verfolgung ein tiefer Einschnitt.
Doch das Schicksal meinte es auch gesundheitlich nicht gut mit ihm. Im Jahr 1919, im Alter von 55 Jahren, erkrankte Edvard Munch an der Spanischen Grippe. Diese Pandemie, die weltweit Millionen Menschen das Leben kostete, verschonte auch den Künstler nicht. Er überlebte die Krankheit, doch sie schwächte ihn nachhaltig.
Selbst sein Tod im Jahr 1944 bot den Nationalsozialisten noch eine Bühne für ihre Propaganda. Berichten zufolge instrumentalisierte das NS-Regime die Beerdigung des Künstlers für eigene Zwecke, ein letzter, makabrer Akt der Vereinnahmung eines Mannes, dessen Kunst sie wenige Jahre zuvor noch als entartet gebrandmarkt hatten.
Ein teures Vermächtnis: Der Schrei in Zahlen
Die Pastellversion von 1895 wurde im Mai 2012 bei Sotheby's in New York für rund 119,9 Millionen Dollar versteigert. Damit zählt sie bis heute zu den teuersten Kunstwerken, die jemals unter den Hammer kamen. Ein bemerkenswerter Preis für ein Bild, das zu seiner Entstehungszeit von vielen als Provokation abgetan wurde.
Interessant ist dabei die Verteilung der vier bekannten Fassungen. Entgegen einer weit verbreiteten Annahme befinden sich nicht drei davon im Norwegischen Nationalmuseum in Oslo. Tatsächlich hängt dort nur eine Version. Zwei weitere Exemplare besitzt das Munch-Museum in der norwegischen Hauptstadt, und eine vierte Fassung befindet sich in Privatbesitz. Diese letzte Variante war es, die 2012 für die Rekordsumme den Besitzer wechselte.
Die anhaltende Faszination für Edvard Munch Der Schrei speist sich aus mehr als nur dem Auktionspreis. Das Bild spricht etwas Universelles an: die Angst, die Verzweiflung, den Moment, in dem die Welt um einen herum zu kippen scheint. Kaum ein anderes Kunstwerk hat es geschafft, diese Emotionen so unmittelbar und zeitlos einzufangen. Die schreiende Figur auf der Brücke ist längst zu einer Ikone geworden, die in unzähligen Variationen reproduziert wurde, von der Popkultur bis zur politischen Karikatur.
Der kulturelle Wert des Gemäldes lässt sich ohnehin nicht in Dollar messen. Es ist ein Zeugnis der Verletzlichkeit eines Künstlers, der seine tiefsten Ängste in ein Bild goss und damit Generationen von Betrachterinnen und Betrachtern berührt. Der Schrei ist mehr als ein Kunstwerk, er ist ein Spiegel menschlicher Existenz, der auch mehr als 130 Jahre nach seiner Entstehung nichts von seiner Intensität verloren hat.
Häufig gestellte Fragen
Was steht in der versteckten Notiz auf dem Gemälde?
Auf dem Bildrand von „Der Schrei" hat Edvard Munch selbst mit Bleistift die Worte „Nur von einem Verrückten gemalt" geschrieben. Die filigrane Inschrift wurde erst später entdeckt und durch wissenschaftliche Untersuchungen dem Künstler zweifelsfrei zugeordnet. Sie gilt heute als einer der bewegendsten Kommentare der Kunstgeschichte.
Wer hat das Gemälde „Der Schrei" gemalt?
Der norwegische Maler Edvard Munch schuf das weltberühmte Bild im Jahr 1893. Es entstand in einer künstlerisch hochproduktiven Phase seines Lebens und wurde zur ersten Fassung einer ganzen Bilderserie. Seither gilt der 1863 geborene Munch als Wegbereiter des Expressionismus.
Warum schrieb Munch die Notiz auf das Bild?
Nach der ersten öffentlichen Ausstellung erntete das Werk heftige Kritik, auch aus medizinischen Kreisen. Manche Zeitgenossen bezeichneten den Künstler als geisteskrank und forderten seine Einweisung. Munch, der zeit seines Lebens Angst vor einer erblichen psychischen Erkrankung hatte, reagierte tief verunsichert auf diese Anfeindungen.
Wie entstand die Idee zu „Der Schrei"?
Munch selbst schilderte den Moment als Spaziergang bei Sonnenuntergang mit zwei Freunden, als sich der Himmel plötzlich blutrot färbte. Er blieb erschöpft am Geländer stehen und empfand einen unendlichen Schrei, der durch die Natur ging. Dieses intensive Erlebnis verdichtete er später zu seinem berühmtesten Motiv.
Was geschah zwischen Munch und Tulla Larsen?
Die Beziehung zur wohlhabenden Tulla Larsen, Tochter eines Weinhändlers, war von Konflikten geprägt und hielt etwa vier Jahre. Nach einem Streit in Munchs Haus löste sich ein Schuss aus einer Pistole, bei dem der Künstler an der Hand verletzt wurde. Das Paar trennte sich danach endgültig, die genauen Umstände des Vorfalls von 1902 bleiben unklar.
Wie reagierten die Nazis auf Munchs Kunst?
Im Jahr 1937 beschlagnahmte die nationalsozialistische Regierung zahlreiche Werke Munchs aus deutschen Museen und brandmarkte sie als „entartete Kunst". Der Künstler, dessen Schaffen in Deutschland zuvor breite Anerkennung gefunden hatte, erlebte damit eine massive staatliche Ächtung seiner Arbeit.
Welche Krankheiten erlebte Edvard Munch?
Munch litt unter Angstzuständen, Depressionen und zeitweise schwerem Alkoholismus. Nach einem Nervenzusammenbruch im Jahr 1908 ließ er sich in einer dänischen Klinik behandeln. Im Jahr 1919 erkrankte er zudem, wie viele Europäer, an der Spanischen Grippe, die damals weite Teile des Kontinents erfasste. Hinweis der Redaktion: Nicht abschließend verifizierte Details, etwa zur genauen Datierung der Bildrandnotiz, sind in diesem Artikel als solche gekennzeichnet.
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