Türkische Kernenergie: Der lange Weg zum AKW Akkuyu
Die Türkei blickt auf mehr als sieben Jahrzehnte voller Anläufe, Rückschläge und geopolitischer Wendungen zurück – doch mit dem AKW Akkuyu nimmt der Traum vom ersten Atomkraftwerk des Landes nun konkrete Formen an. Seit den 1950er-Jahren verfolgt das Land die zivile Nutzung der Atomkraft, und nach langem Ringen entsteht an der Mittelmeerküste bei Mersin das erste Kernkraftwerk. Bauherr ist der russische Staatskonzern Rosatom, der das Projekt als weltweit erstes Atomkraftwerk im BoO-Modell (Build-Own-Operate) realisiert – ein historischer Meilenstein, der die Energiepolitik des Landes nachhaltig prägen wird.
- Die ersten Pläne für ein türkisches Kernkraftwerk reichen bis in die 1950er-Jahre zurück, als das Land erste Forschungseinrichtungen für Nukleartechnik aufbaute.
- Das AKW Akkuyu in der Provinz Mersin ist das erste Kernkraftwerk der Türkei und wird mit vier Reaktoren des Typs WWER-1200 aus russischer Produktion ausgestattet.
- Das Projekt wird im sogenannten BoO-Modell realisiert, bei dem der russische Bauherr das Kraftwerk errichtet, betreibt und nach Ablauf der Laufzeit an die Türkei übergibt.
- Die Standorte Sinop am Schwarzen Meer und ein möglicher dritter Standort in der Region Trakya (Thrakien) sind Teil der langfristigen Atomausbaupläne der Türkei.
- Die türkische Atomenergiebehörde ist für die Genehmigung und Überwachung des Baus sowie den späteren Betrieb des Kraftwerks zuständig.
Das Wichtigste in Kürze
Die Türkei verfolgt seit den 1950er-Jahren das Ziel, Kernenergie zur Stromerzeugung zu nutzen. Nach mehreren gescheiterten Ausschreibungen und politischen Wendungen entsteht nun in Akkuyu in der Provinz Mersin das erste Kernkraftwerk des Landes. Gebaut wird es von einem russischen Staatskonzern, die Fertigstellung ist für die kommenden Jahre geplant.
Einleitung: Ein Traum mit siebzig Jahren Verspätung
In Mersin, an der türkischen Mittelmeerküste, wächst heute das erste Kernkraftwerk des Landes aus dem Boden: Akkuyu. Doch der Weg dorthin gleicht einer Achterbahnfahrt, die in den 1950er-Jahren begann und von Krisen, politischen Umbrüchen und immer neuen Anläufen geprägt war. Die Geschichte der Kernenergie in der Türkei ist eine Geschichte voller Abbrüche – und erst jetzt, nach fast sieben Jahrzehnten, nimmt sie konkrete Form an.
Während die türkische Regierung die Atomkraft als Schlüssel zur Energieunabhängigkeit sieht, erinnert der lange Weg an einen Traum, der immer wieder aufgeschoben wurde. Heute stehen neben Akkuyu zwei weitere Projekte im Raum: Sinop an der Schwarzmeerküste und Trakya im europäischen Teil der Türkei. Doch beide existieren bislang nur auf dem Papier.
Die Anfänge reichen in eine Zeit zurück, in der die Welt den Atomkern friedlich nutzen wollte. Bereits 1961 entstand in Çekmece bei Istanbul ein kleiner Forschungsreaktor mit einer Leistung von einem Megawatt – zu klein, um Strom zu erzeugen, aber groß genug, um den Anspruch zu signalisieren, den die Türkei seitdem nicht aufgegeben hat.
Die frühen Jahre: Von den 1950ern bis Tschernobyl
Die Geschichte der Kernenergie in der Türkei reicht weiter zurück, als viele vermuten würden. Offiziell begann das nukleare Kapitel Mitte der 1950er-Jahre, als weltweit die Begeisterung für die friedliche Nutzung der Atomkraft um sich griff. Berichten zufolge starteten die ersten Initiativen bereits 1955, gesichert ist jedoch die Gründung der türkischen Atomenergiekommission im Jahr 1956 – sie markierte den institutionellen Anfang.
Der eigentliche symbolische Meilenstein folgte 1961: Im Istanbuler Stadtteil Çekmece wurde ein Forschungsreaktor mit einer Leistung von 1 Megawatt errichtet. Strom erzeugte diese Anlage nicht, aber sie sendete ein klares Signal: Die Türkei wollte bei der Kernenergie nicht länger nur zuschauen. Der kleine Reaktor war der stille Beweis, dass das Land den Einstieg wagte.
Ernsthafte Pläne für ein echtes Kraftwerk gab es ab 1968. In den 1970er-Jahren folgten Studien und Gespräche mit internationalen Partnern. Historisch umstritten ist die Behauptung, die Türkei habe 1977 mit Schweden verhandelt – die Aufzeichnungen deuten eher auf Kontakte mit US-amerikanischen und deutschen Unternehmen hin. Auch die oft genannte Standortlizenz für Akkuyu aus dem Jahr 1976 lässt sich nicht zweifelsfrei belegen; es handelte sich damals lediglich um erste Standortuntersuchungen in der Region Mersin.
Dann kam der 26. April 1986: die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Für die türkischen Atompläne war dies der vorläufige Schlusspunkt. Das Thema wurde ad acta gelegt, und über die Schließung einer Nuklearabteilung im Jahr 1988 wird berichtet – abschließend belegt ist dieser Schritt allerdings nicht. Die Geschichte der Kernenergie in der Türkei erlebte damit eine jener Pausen, die über Jahrzehnte hinweg zum Muster werden sollten: viel Vorbereitung, große Ankündigungen, dann doch kein Durchbruch.
Die 1990er: Argentinien, Ausschreibungen und das nächste Scheitern
Nach dem Ende der 1980er-Jahre, in denen das Atomprogramm der Türkei praktisch zum Erliegen gekommen war, wagte man in Ankara in den 1990er-Jahren einen neuen Anlauf – doch auch dieses Kapitel endete, wie so viele zuvor, in einer Sackgasse.
Der Überlieferung nach gab es in dieser Dekade tatsächlich Gespräche mit Argentinien über den Bau eines Kernkraftwerks. Diese Kontakte, so die Aufzeichnungen, wurden jedoch ohne konkretes Ergebnis beendet. Es blieb bei Sondierungen, mehr nicht.
Dennoch ließ man nicht locker. Im Jahr 1996 startete die türkische Regierung offiziell eine Ausschreibung für ein Kernkraftwerk, im Jahr darauf, 1997, gingen tatsächlich Angebote internationaler Bieter ein. Die Hoffnung war greifbar, die Planungen schienen ernsthaft zu sein. Doch dann geschah, was in der Geschichte der türkischen Kernenergie bereits zum Muster geworden war: Im Jahr 2000 wurde das Projekt erneut verworfen. Kein Vertrag, kein Spatenstich, nur erneute Enttäuschung.
Blickt man auf diese Jahre zurück, entsteht ein eindrückliches Bild: Jedes Mal, wenn die Türkei kurz vor dem Durchbruch stand, kam etwas dazwischen. Mal war es eine politische Krise, mal ein Regierungswechsel, mal schlicht der fehlende politische Wille, die Sache zu Ende zu bringen. Die Akte wanderte zurück ins Regal, verstaubte – bis zur nächsten Ankündigung.
Bemerkenswert ist dabei, dass die Energieplaner bereits damals vor einer drohenden Versorgungslücke warnten. Die Ministerien rechneten vor, dass der Strombedarf des Landes rasant wachsen würde. Doch die Warnungen verhallten, die Entscheidungen wurden vertagt. In diesen Jahren entstand jenes Muster aus Ankündigung, Ausschreibung und Rückzieher, das die türkische Energiepolitik über Jahrzehnte prägen sollte – ein Kreislauf, der sich erst mit dem Abkommen mit Russland im Jahr 2010 durchbrechen ließ.
Der Neustart: 2004 bis 2010
Nach Jahren des Stillstands holte die Türkei die Pläne für ein Kernkraftwerk Anfang der 2000er-Jahre wieder aus der Schublade. Der entscheidende Impuls kam 2004, als Energieminister Hilmi Güler ankündigte, die Gespräche über den Bau eines Kernkraftwerks wieder aufzunehmen. Damit begann eine Phase, die schließlich zum bislang größten Energieprojekt der Landesgeschichte führen sollte.
Doch der Weg dorthin blieb steinig. 2007 verabschiedete das türkische Parlament zwar ein Gesetz, das den Bau von drei Kernkraftwerken mit einer Gesamtleistung von 5.000 Megawatt vorsah – doch Präsident Ahmet Necdet Sezer legte gegen Teile des Gesetzes sein Veto ein. Die Regierung musste nachbessern, das Gesetz wurde überarbeitet und erneut verabschiedet. Es war ein vertrautes Muster in der langen Geschichte der türkischen Kernenergie: Jedes Mal, wenn sich eine Lösung abzeichnete, sorgten politische Widerstände für neue Verzögerungen.
Der eigentliche Durchbruch kam schließlich 2010. Die Türkei unterzeichnete mit Russland ein wegweisendes Abkommen über den Bau des Kernkraftwerks Akkuyu in der Provinz Mersin an der Mittelmeerküste. Das Projekt umfasste vier Reaktoren mit einer Gesamtleistung von 4.800 Megawatt – genug, um einen erheblichen Teil des türkischen Strombedarfs zu decken. Mit diesem Vertrag war die Türkei ihrem Ziel, ein eigenes Kernkraftwerk zu betreiben, so nah wie nie zuvor in ihrer Geschichte.
Die Geschichte der Kernenergie in der Türkei erreichte mit diesem Abkommen einen Wendepunkt: Nach Jahrzehnten voller Ankündigungen, zurückgezogener Angebote und geplatzter Verträge stand endlich ein konkretes Projekt mit einem verlässlichen Partner. Die Bauarbeiten sollten in den folgenden Jahren beginnen – und die Welt blickte gespannt auf Mersin, wo sich zeigen würde, ob die Türkei ihre jahrzehntealte Vision endlich verwirklichen konnte.
Akkuyu: Das Projekt, das wirklich gebaut wird
Nach Jahrzehnten voller Ankündigungen, Verträge und Rückzieher hebt sich das Kernkraftwerk Akkuyu von allen früheren Plänen ab: Es wird tatsächlich gebaut. In der südlichen Provinz Mersin, nahe der Küste des Mittelmeers, entsteht das erste türkische Kernkraftwerk. Die Bauarbeiten laufen, und das Projekt hat eine klare treibende Kraft: den russischen Staatskonzern Rosatom.
Die Grundlage für dieses Vorhaben bildet ein zwischenstaatliches Abkommen, das die Türkei und Russland im Jahr 2010 unterzeichneten. Es sieht vier Reaktoren mit einer Gesamtleistung von 4.800 Megawatt vor. Rosatom kontrolliert das Projekt maßgeblich. Eine feste russische Beteiligung von 99,2 Prozent, wie sie zeitweise kolportiert wurde, ist allerdings nicht belegt. Die Eigentümerstruktur ist nicht statisch, und es gab wiederholt Überlegungen, türkische Investoren einzubinden.
Die finanziellen Dimensionen sind gewaltig: Offizielle Schätzungen beziffern die Kosten auf etwa 20 Milliarden US-Dollar. Ursprünglich sollte der erste Reaktor bereits im Jahr 2023 ans Netz gehen und Strom in das türkische Verbundnetz einspeisen. Doch dieser Zeitplan ließ sich nicht halten. Wie so oft in der wechselvollen Geschichte der türkischen Kernenergie verschob sich der Termin. Ein neues Datum für die Inbetriebnahme des ersten Blocks wurde in der Zwischenzeit mehrfach genannt, ohne dass sich ein fixes Enddatum etabliert hätte.
Wer die Chronik der türkischen Kernenergie kennt, mag angesichts dieser Verzögerungen ein bekanntes Muster erkennen. Doch der entscheidende Unterschied zu allen früheren Anläufen liegt im sichtbaren Fortschritt: Die Betonfundamente sind gegossen, die Reaktordruckbehälter wurden geliefert, und die charakteristischen Kuppeln der Sicherheitsbehälter ragen in den Himmel über der Mittelmeerküste. Akkuyu ist kein Papierprojekt mehr, sondern eine Baustelle mit Tausenden von Arbeitern. Für die Türkei markiert dieses Kraftwerk einen Wendepunkt in ihrer langen und oft enttäuschenden Suche nach einem eigenen Kernkraftwerk.
Sinop und Trakya: Zwei Projekte im Wartestand
Während Akkuyu in Mersin langsam Gestalt annimmt, harren zwei weitere Kernkraftwerksprojekte ihrer Zukunft: Sinop an der Schwarzmeerküste und Trakya im europäischen Teil der Türkei. Beide Projekte zeigen, wie sehr die Geschichte der Kernenergie in der Türkei von politischen Wendungen und wirtschaftlichen Realitäten geprägt ist.
Sinop: Ein ambitionierter Plan mit japanisch-französischer Beteiligung
Im Jahr 2013 unterzeichnete die Türkei Verträge mit Japan und Frankreich für den Bau eines Kernkraftwerks in Sinop. Die Anteilsverteilung war klar geregelt: Die Türkei hielt 49 Prozent, Japan 30 Prozent und Frankreich 21 Prozent. Das Projekt schien auf einem soliden Fundament zu stehen.
Doch die Kosten explodierten. 2019 erklärte Präsident Recep Tayyip Erdoğan, dass das Vorhaben wegen der gestiegenen finanziellen Belastung gestoppt werde. Die Hoffnung kehrte 2023 zurück, als die neu gegründete Gesellschaft TÜNAŞ als Eigentümerin autorisiert wurde. Berichten zufolge soll 2024 eine Standortgenehmigung erteilt worden sein, doch eine offizielle Bestätigung dafür steht weiterhin aus.
Trakya: Lokaler Widerstand und neue Hoffnung aus China
Im Jahr 2015 wurde İğneada, eine kleine Gemeinde an der Schwarzmeerküste in der Provinz Kırklareli, als Standort für das Trakya-Kernkraftwerk ins Gespräch gebracht. Die Reaktion der Anwohner war deutlich: Sie wollten das Kraftwerk nicht in ihrer Nachbarschaft. Umweltschützer reichten Klagen ein, und die Planung geriet ins Stocken.
Jahrelang blieb es ruhig um das Projekt. 2024 tauchte dann eine neue Nachricht auf: Die Türkei führe Gespräche mit China über den Bau des Kraftwerks. Ob daraus tatsächlich ein Vertrag entsteht, ist derzeit offen. Die Geschichte der türkischen Kernenergie lehrt jedoch, dass Ankündigungen und Realität oft weit auseinanderliegen.
Beide Projekte befinden sich also in einer Art Schwebezustand. Sinop wartet auf die endgültige Bestätigung der Standortgenehmigung, Trakya auf konkrete Ergebnisse der China-Gespräche. Während Akkuyu langsam aber stetig voranschreitet, bleibt abzuwarten, ob diese beiden Vorhaben jemals über das Planungsstadium hinauskommen. Die Geschichte der türkischen Kernenergie zeigt: Oft war der Abstand zwischen Ankündigung und Umsetzung groß.
Häufig gestellte Fragen
Was ist das Akkuyu Kernkraftwerk?
Das Akkuyu Kernkraftwerk ist das erste Kernkraftwerk der Türkei und entsteht in der Provinz Mersin am Mittelmeer. Es umfasst vier Reaktoren mit einer geplanten Gesamtleistung von 4.800 Megawatt. Der Bau begann nach einem Abkommen mit Russland im Jahr 2010, die Inbetriebnahme des ersten Reaktors war ursprünglich für 2023 geplant.
Wer baut das Kernkraftwerk Akkuyu?
Gebaut wird das Kernkraftwerk Akkuyu vom russischen Staatskonzern Rosatom, der das Projekt kontrolliert. Die Kosten werden auf etwa 20 Milliarden US-Dollar geschätzt. Laut dem Abkommen von 2010 liegt die Mehrheit der Anteile bei russischer Seite, wobei die genaue Eigentümerstruktur im Laufe der Zeit angepasst wurde.
Warum wurde das Kernkraftwerk Sinop gestoppt?
Das Kernkraftwerk Sinop wurde 2019 von Präsident Recep Tayyip Erdoğan gestoppt, weil die Kosten zu stark gestiegen waren. Ursprünglich war 2013 eine Vereinbarung mit Japan und Frankreich geschlossen worden, mit einer Anteilsverteilung von 49 Prozent Türkei, 30 Prozent Japan und 21 Prozent Frankreich. 2023 wurde die TÜNAŞ als neuer Eigentümer autorisiert, Berichten zufolge folgte 2024 die Standortgenehmigung.
Wo soll das Kernkraftwerk Trakya entstehen?
Das geplante Kernkraftwerk Trakya soll in İğneada in der nordwesttürkischen Region Thrakien entstehen. Der Standort wurde erstmals 2015 genannt und stieß auf erheblichen Widerstand der lokalen Bevölkerung sowie Klagen von Umweltschützern. Im Jahr 2024 wurde über Gespräche mit chinesischen Unternehmen für dieses Projekt berichtet.
Wie viele Kernkraftwerke plant die Türkei?
Die Türkei verfolgt offiziell den Bau von drei Kernkraftwerken: Akkuyu in Mersin, Sinop an der Schwarzmeerküste und Trakya in Thrakien. Ein Gesetz von 2007 sah den Bau von drei Kernkraftwerken mit insgesamt 5.000 Megawatt vor, wurde aber teilweise vom damaligen Präsidenten Ahmet Necdet Sezer vetoiert. Von den drei Projekten befindet sich nur Akkuyu tatsächlich im Bau.
Hat die Türkei ein Kernkraftwerk in Betrieb?
Nein, die Türkei hat bisher kein Kernkraftwerk in Betrieb. Das Akkuyu Kernkraftwerk befindet sich noch im Bau, und die ursprünglich für 2023 angekündigte Inbetriebnahme des ersten Reaktors wurde verschoben. Die türkische Geschichte der Kernenergie reicht jedoch bis in die 1950er-Jahre zurück, als das Land erste Schritte in diesem Bereich unternahm.
Was ist die Geschichte der Kernenergie in der Türkei?
Die Geschichte der Kernenergie in der Türkei beginnt offiziell in den 1950er-Jahren, als das Land die friedliche Nutzung der Atomenergie anstrebte. 1961 wurde in Çekmece ein Forschungsreaktor mit einer Leistung von 1 Megawatt errichtet. In den folgenden Jahrzehnten gab es immer wieder Anläufe für ein Kraftwerk, die jedoch an Krisen, politischen Umbrüchen und wechselnden Regierungen scheiterten. Erst 2010 führte das Abkommen mit Russland zum konkreten Baubeginn in Akkuyu.
Wie viel kostet das Akkuyu Kernkraftwerk?
Die Kosten für das Akkuyu Kernkraftwerk belaufen sich auf etwa 20 Milliarden US-Dollar. Diese Summe umfasst den Bau der vier Reaktoren mit einer Gesamtleistung von 4.800 Megawatt. Das Projekt wird vom russischen Staatskonzern Rosatom finanziert und kontrolliert, wobei die Türkei laut dem Abkommen von 2010 langfristig eine Beteiligung anstrebt. Die Geschichte der Kernenergie in der Türkei ist eine Geschichte voller Ambitionen, politischer Umbrüche und internationaler Verflechtungen. Schon in den 1950er-Jahren, als die Weltmächte begannen, die friedliche Nutzung der Atomkraft zu erforschen, zeigte sich die damalige Führung in Ankara interessiert. Erste Schritte folgten mit der Gründung einer Atomenergiekommission und dem Aufbau von Forschungsreaktoren – doch der Sprung zur kommerziellen Stromerzeugung blieb über Jahrzehnte hinweg aus. In den 1960er- und 1970er-Jahren wurden mehrere Standorte für ein erstes Kernkraftwerk ins Auge gefasst, darunter auch die Region um Akkuyu an der Mittelmeerküste. Doch politische Instabilität, wirtschaftliche Krisen und nicht zuletzt die Folgen der Tschernobyl-Katastrophe von 1986 ließen die Pläne immer wieder scheitern. Auch internationale Ausschreibungen in den 1990er-Jahren verliefen im Sande, weil sich keine Einigung über Finanzierung und Technologie erzielen ließ. Der Durchbruch kam schließlich im Jahr 2010, als die Türkei und Russland ein zwischenstaatliches Abkommen über den Bau des Kernkraftwerks Akkuyu unterzeichneten. Das Besondere an diesem Vertrag: Das BoO-Modell entlastet den türkischen Staat von den hohen Investitionskosten, da der russische Partner das Kraftwerk eigenständig finanziert und betreibt. Im Gegenzug sichert sich Rosatom über einen garantierten Stromabnahmepreis über viele Jahre hinweg eine verlässliche Rendite. Die Bauarbeiten in Akkuyu begannen offiziell im April 2018 mit der Grundsteinlegung für den ersten Reaktorblock. Seitdem sind die vier Reaktoren des Typs WWER-1200, ein moderner Druckwasserreaktor der dritten Generation, in unterschiedlichen Bauphasen. Die ersten beiden Blöcke sollen nach aktuellen Planungen in den kommenden Jahren ans Netz gehen, während die weiteren Blöcke schrittweise folgen. Die Fertigstellung des Gesamtprojekts wird für das Jahr 2026 angestrebt, wobei sich der Zeitplan in der Vergangenheit mehrfach verschoben hat. Parallel zu Akkuyu verfolgt die Türkei weitere Atompläne. Am Schwarzen Meer soll in Sinop ein zweites Kernkraftwerk entstehen, für das zunächst ein japanisch-französisches Konsortium vorgesehen war. Dieses Projekt wurde jedoch gestoppt, nachdem sich die Verhandlungen über Jahre hinzogen und letztlich keine Einigung erzielt werden konnte. Auch ein dritter Standort in der Region Trakya nahe der Grenze zu Griechenland und Bulgarien wird immer wieder diskutiert, ist aber bislang nicht über das Planungsstadium hinausgekommen. Die Zuständigkeit für die Aufsicht über die zivile Nutzung der Kernenergie liegt bei der türkischen Atomenergiebehörde, die im Laufe der Jahre mehrfach umstrukturiert wurde. Sie ist für die Genehmigung von Bau und Betrieb der Anlagen verantwortlich und arbeitet dabei eng mit internationalen Organisationen wie der Internationalen Atomenergie-Organisation zusammen. Die Behörde steht vor der Aufgabe, die hohen Sicherheitsstandards zu gewährleisten, die bei einem Neubau moderner Reaktoren erwartet werden. Die Bedeutung des Projekts Akkuyu geht über die reine Stromerzeugung hinaus. Für die Türkei ist es ein Prestigeprojekt, das die technologische Souveränität des Landes stärken soll. Gleichzeitig ist die Zusammenarbeit mit Russland nicht unumstritten, zumal die geopolitischen Spannungen zwischen beiden Ländern und dem Westen in den vergangenen Jahren zugenommen haben. Dennoch hält die türkische Regierung an dem Projekt fest und betont, dass die Kernenergie ein unverzichtbarer Baustein der nationalen Energiepolitik sei. Die kommenden Jahre werden zeigen, ob sich der lange Weg zum AKW Akkuyu am Ende auszahlt. Die Türkei hofft, mit dem ersten Atomkraftwerk ihre Abhängigkeit von Energieimporten zu reduzieren und einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. Die Geschichte der türkischen Kernenergie ist damit noch nicht zu Ende geschrieben – sie tritt mit Akkuyu lediglich in ein neues Kapitel ein. Hinweis der Redaktion: Einzelheiten zum Baufortschritt und zu konkreten Terminen können sich kurzfristig ändern. Nicht offiziell bestätigte Angaben sind in diesem Artikel entsprechend gekennzeichnet.
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