# Warum lesen Menschen weniger Bücher? Ein Essay über die stille Krise

*Gesellschaft, Psychologie & Leben · Elif Korkmaz · 2026-08-13*

## Key facts

- Die durchschnittliche tägliche Lesezeit für Bücher ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gesunken, während die Nutzung von Smartphones und Streaming-Diensten parallel zugenommen hat.
- Kurzvideos und soziale Medien trainieren das Gehirn auf schnelle Belohnungen, wodurch die für das Lesen eines Romans notwendige anhaltende Konzentration vielen Menschen schwerer fällt.
- Steigende Buchpreise in Deutschland stellen für viele Haushalte eine finanzielle Hürde dar, die den Zugang zu Literatur zusätzlich erschwert.
- Der Rückgang des Lesens betrifft nicht nur Belletristik, sondern auch Sachbücher und längere journalistische Texte, was Auswirkungen auf die allgemeine Informations- und Meinungsbildung hat.

Das Wichtigste in Kürze

Die Lesefrequenz in Deutschland sinkt stetig, weil digitale Medien wie soziale Netzwerke und Streaming-Anbieter um die begrenzte Aufmerksamkeit der Menschen konkurrieren. Gleichzeitig schrecken steigende Buchpreise und ein hektischer Alltag viele potenzielle Leserinnen und Leser ab. Das Lesen von Büchern erfordert Ruhe und Konzentration, die in einer reizüberfluteten Umgebung immer schwerer zu finden sind.

## Einleitung: Das leise Verschwinden der Leser

Haben Sie in letzter Zeit beobachtet, wie selten Menschen in der U-Bahn, im Café oder im Park ein gedrucktes Buch in der Hand halten? Die Frage, warum lesen Menschen weniger Bücher, beschäftigt viele, die den kulturellen Wandel unserer Zeit miterleben. Es ist kein plötzlicher Zusammenbruch, sondern ein stilles, fast unmerkliches Verschwinden, das sich über Jahre erstreckt hat.

Stellen Sie sich eine gesellige Runde vor, etwa bei einem Abendessen mit Freunden. Früher, so erzählt man sich, begann mancher Abend mit der Frage: „Hast du den neuen Roman gelesen?" Heute lautet die Frage meistens: „Hast du die neue Serie gesehen?" Das Buch, einst Gegenstand angeregter Gespräche und geteilter Leidenschaft, scheint aus dem kollektiven Bewusstsein gerutscht zu sein. Es ist nicht so, dass Menschen das Lesen offen ablehnen. Es ist vielmehr so, als wäre das Interesse daran einfach verdunstet, wie Morgennebel in der Sonne.

Diese Entwicklung wirft Fragen auf, die tiefer gehen als bloße Gewohnheitsänderungen. Liegt es an der schwindenden Aufmerksamkeitsspanne in einer Welt permanenter Reize? Sind es die steigenden Buchpreise, die den Zugang erschweren? Oder ist es die schlichte Bequemlichkeit, Inhalte in schnellen, leicht verdaulichen Häppchen auf dem Bildschirm zu konsumieren, statt sich auf die langsame, fordernde Reise durch einen Roman einzulassen?

Besonders bemerkenswert ist eine Aussage, die man immer häufiger hört: „Früher habe ich viel gelesen, aber jetzt habe ich aufgehört." Diese Worte werden oft beiläufig ausgesprochen, fast als handele es sich um die Aufgabe einer schlechten Angewohnheit. Dabei ist das Lesen eines Romans keine Sucht, die man überwinden muss. Es ist eine Begegnung, eine Auseinandersetzung mit Gedankenwelten, die Geduld und Hingabe erfordert. Ein Roman verlangt, dass Sie in ihn eintauchen, mit den Figuren leben, manche Sätze mehrmals lesen und manchmal Seiten überblättern, ohne alles sofort zu verstehen. Genau diese Tiefe scheint vielen heute zu viel zu sein.

Der Historiker Emrah Safa Gürkan wird häufig mit der Ansicht zitiert, dass man ohne Lesen nichts lernen könne. Er vertritt die Auffassung, dass Podcasts, Videos und andere audiovisuelle Formate nur oberflächliche Häppchen bieten, die schnell wieder vergessen sind. Nur das intensive Lesen, das persönliche Verhältnis zum Text, ermögliche wirkliches Verständnis. Diese Haltung mag streng erscheinen, doch sie verweist auf einen entscheidenden Punkt: Das Lesen ist eine aktive, tiefgreifende Tätigkeit, die sich grundlegend vom passiven Konsum unterscheidet.

Was bedeutet dieser Wandel für unsere Kultur, für unser Denken und für die Art, wie wir die Welt verstehen? Diese Frage wollen wir im Folgenden genauer betrachten. Es geht nicht um Kulturkritik, sondern um eine ehrliche Bestandsaufnahme einer stillen Verschiebung, die uns alle betrifft.

## Vom Roman zum Stream: Was hat sich verändert?

Wer heute in geselliger Runde ein Gespräch beginnt, merkt schnell, wie sehr sich die Gesprächsthemen verschoben haben. Kaum sitzt man zusammen, dreht sich das Gespräch nach wenigen Minuten um eine Serie, einen Film oder den neuesten Streaming-Tipp. Ein Roman hingegen? Der bleibt meist unerwähnt. Zehn Menschen zu finden, die bereit wären, über eine literarische Neuerscheinung zu diskutieren, kommt einer nahezu unmöglichen Aufgabe gleich. Die Beobachtung ist nicht neu, aber sie wird immer deutlicher: Das gemeinsame Gespräch über Bücher ist zur Seltenheit geworden.

Dabei leugnet niemand den Wert des Romans. Er wird behandelt wie eine auskurierte Krankheit, über die man nicht mehr spricht, obwohl man ihre Bedeutung nie infrage gestellt hat. Die Wertschätzung ist da, aber die Zuwendung fehlt. Diese Haltung zeigt sich auch in der veränderten Frage, die man sich gegenseitig stellt. Früher lautete sie: „Hast du den Roman gelesen?" Heute heißt es: „Hast du die Serie schon gesehen?" Das Lesen selbst ist nicht mehr die Handlung, die zählt. Es ist zur Last geworden, zu einer Anstrengung, die man gerne umgeht.

Diese Entwicklung betrifft nicht nur eingefleischte Vielleser. Auch Menschen, die früher regelmäßig zu einem Buch griffen, berichten davon, dass sie es aufgegeben haben. Es wirkt fast so, als hätte man kollektiv beschlossen, das Lesen hinter sich zu lassen. Warum lesen Menschen weniger Bücher? Die Gründe sind vielfältig, doch ein zentraler Aspekt sticht hervor: Der Roman verlangt Geduld. Er fordert, dass man in seine Welt eintaucht, mit den Figuren lebt, manche Passagen mehrfach liest und sogar Seiten übersteht, die man nicht sofort versteht. Diese Anforderung steht im krassen Gegensatz zu einer Zeit, in der alles schnell konsumierbar sein muss.

Die Leichtigkeit des Streamings hat das Lesen in eine Nische gedrängt. Man kann eine Folge nebenbei schauen, während man auf dem Sofa liegt oder im Bus sitzt. Ein Buch hingegen verlangt Aufmerksamkeit, Ruhe und die Bereitschaft, sich auf eine eigene Geschwindigkeit einzulassen. Diese Stille, die ein Roman umgibt, wirkt auf viele nicht mehr einladend, sondern abschreckend. Die Frage nach dem Warum führt letztlich zu einer unbequemen Erkenntnis: Das Lesen ist nicht verschwunden, weil es wertlos geworden wäre. Es ist verschwunden, weil es unbequem geworden ist. Und genau darin liegt die eigentliche Herausforderung für alle, die das Buch als Kulturtechnik erhalten möchten.

### Die Gründe: Aufmerksamkeit, Preise, Bequemlichkeit

Warum lesen Menschen weniger Bücher? Die Antwort liegt in einem Bündel aus drei Entwicklungen: der schwindenden Aufmerksamkeitsspanne, den gestiegenen Buchpreisen und der Verfügbarkeit müheloserer Unterhaltung auf Bildschirmen. Diese drei Faktoren wirken zusammen und verstärken sich gegenseitig.

Ein Roman ist anspruchsvoll. Er verlangt von Ihnen, dass Sie eintauchen, mit den Figuren mitleben und manche Passagen gleich mehrfach lesen. In einer Kultur, die sofortige Befriedigung gewohnt ist, wirkt diese Anforderung beinahe abschreckend. Das geschriebene Wort braucht Zeit, um zu wirken, und genau diese Zeit scheint vielen heute zu fehlen.

Besonders auffällig ist die Normalisierung des Aufhörens. Immer häufiger hört man den Satz: „Ich habe früher viel gelesen, aber jetzt nicht mehr." Diese Aussage wird beinahe beiläufig getroffen, als handele es sich um eine harmlose Gewohnheitsänderung und nicht um den Abschied von einer bereichernden Tätigkeit.

Die Verlagerung hin zu schnellen, visuellen Inhalten ist unübersehbar. Gespräche am Tisch drehen sich heute eher um Serien oder Filme als um Romane. Der Vergleich mit dem Kino liegt nahe: Auch dort bleiben Plätze leer, weil das heimische Streaming-Erlebnis bequemer erscheint. Die Frage ist, ob diese Bequemlichkeit nicht zu einem oberflächlicheren Umgang mit Geschichten führt.

### Stolz aufs Nichtlesen: Eine neue Haltung

Nichtlesen ist längst keine Schande mehr, sondern wird inzwischen sogar als eine Art Lebensweisheit präsentiert. Sätze wie „Ich habe mit Büchern nichts am Hut" fallen heute nicht selten mit einem Unterton von Stolz, als hätte man damit ein Geheimnis des Lebens entschlüsselt. Diese Haltung markiert einen tiefgreifenden kulturellen Wandel, der die Frage aufwirft: Warum lesen Menschen weniger Bücher?

Die Beobachtung ist frappierend, wenn Sie einmal darauf achten, wie sich Gespräche am Esstisch oder in der Mittagspause entwickeln. Früher fragte man sich gegenseitig: „Hast du den Roman gelesen?" Heute lautet die Frage: „Hast du die Serie gesehen?" Der Roman selbst wirkt dabei wie ein Relikt aus einer anderen Epoche, eine Krankheit, für die man längst ein Heilmittel gefunden hat. Niemand leugnet seine Existenz, aber niemand schaut ihm mehr wirklich ins Gesicht.

Besonders deutlich wird dieser Wandel in der Art, wie Menschen über ihre Lesegewohnheiten sprechen. Immer häufiger hört man den Satz: „Früher habe ich viel gelesen, aber jetzt habe ich aufgehört." Diese Aussage wird ausgesprochen, als handele es sich um die Aufgabe einer schädlichen Angewohnheit, nicht um den Verlust einer bereichernden Praxis. Es klingt beinahe, als hätte ein Arzt das Lesen verboten, nachdem man ein traumatisches Erlebnis hatte. Dabei ist Lesen doch kein Laster, das man ablegen muss, sondern eine Fähigkeit, die man pflegt.

An die Stelle der persönlichen Beziehung zum Roman sind Zitate, Zusammenfassungen und kurze Videoclips getreten. Man kennt die berühmtesten Sätze, ohne den Kontext zu kennen. Man weiß, worum es in einem Buch geht, ohne je eine Seite umgeblättert zu haben. Der Eindruck entsteht, dass alle über alles Bescheid wissen, aber niemand wirklich in die Tiefe dringt. Es ist eine Art kollektives Halbwissen, das sich wie ein Schleier über die literarische Kultur legt.

Der Historiker Emrah Safa Gürkan wird häufig mit der Überzeugung zitiert, dass man ohne Lesen nichts wirklich lernen könne. Der Überlieferung nach sieht er Podcasts, Videos und andere kurze Formate lediglich als Häppchen, die schnell wieder vergessen sind. Nur das Lesen, das persönliche Verhältnis zum Text, ermögliche echtes Verständnis. Wer unterstreicht, wer Notizen macht, wer sich mit einem Satz auseinandersetzt, der bleibt hängen. Diese Einsicht scheint jedoch im öffentlichen Diskurs zunehmend an Bedeutung zu verlieren.

Vielleicht ist es die Stille des Buches, die heutige Leser abschreckt. Der Roman verlangsamt, er stellt unbequeme Fragen und zwingt dazu, sich mit dem eigenen inneren Lärm auseinanderzusetzen. Der Bildschirm hingegen fließt, das Bild wechselt, der Ton verstummt nie. Diese permanente Beschallung hat ihren Preis, auch wenn er selten offen benannt wird. Das Buch wartet derweil geduldig im Regal, für jene, die bereit sind, sich auf die Stille einzulassen.

## Warum Lesen unersetzlich bleibt

Der Historiker Emrah Safa Gürkan wird häufig mit einem einfachen Grundsatz zitiert: Ohne Lesen lernt man nichts. Diese Überzeugung teilt er regelmäßig mit seinem Publikum, und sie verdient eine nähere Betrachtung. Denn während Podcasts, Videos und Filme unterhalten, verschwinden ihre Inhalte oft so schnell, wie sie gekommen sind. Es sind oberflächliche Häppchen, die kaum Spuren hinterlassen.

Echtes Verständnis dagegen entsteht erst durch die persönliche Auseinandersetzung mit einem Text. Wenn Sie einen Stift in die Hand nehmen, wichtige Passagen unterstreichen und Randnotizen machen, wird das Gelesene zu Ihrem eigenen. Sie treten in einen Dialog mit dem Autor, stellen Fragen, widersprechen innerlich. Dieser Prozess lässt sich durch nichts ersetzen, weder durch das Hören eines Vortrags noch durch das Ansehen einer Dokumentation.

Lesen ist eine Tätigkeit der mentalen Vertiefung. Ihr Gehirn muss aktiv arbeiten, Lücken füllen, Bilder erschaffen und Zusammenhänge herstellen. Beim Zuhören oder Zuschauen bleiben Sie passiv, die Informationen fließen an Ihnen vorbei, ohne dass Sie wirklich in die Tiefe gehen. Wer schon einmal ein anspruchsvolles Buch gelesen und anschließend die Verfilmung gesehen hat, kennt diesen Unterschied: Der Film zeigt Ihnen eine Interpretation, das Buch fordert Ihre eigene.

Besonders der Roman hat eine einzigartige Wirkung. Er verlangsamt Ihr Tempo, er beunruhigt Sie mit unerwarteten Wendungen und er stellt Fragen, die Sie noch lange nach der letzten Seite beschäftigen. Genau diese Eigenschaften machen ihn so wertvoll. In einer Zeit, in der alles schnell konsumiert werden will, bietet der Roman einen Raum der Stille und des Nachdenkens. Er verlangt Geduld, dafür belohnt er Sie mit einer Tiefe, die kein anderes Medium erreicht.

Die Frage nach der Zukunft des Lesens ist daher nicht nur eine Frage der Gewohnheit, sondern eine Frage der geistigen Kultur. Solange es Menschen gibt, die bereit sind, sich auf diese langsame, intensive Form der Auseinandersetzung einzulassen, wird das Lesen seinen Platz behaupten. Es mag weniger Leser geben als früher, aber diejenigen, die lesen, tun es mit einer Intensität, die kein Bildschirm je erreichen wird.

### Der Roman und die Stille

Der Bildschirm fließt unablässig. Bilder wechseln im Sekundentakt, Geräusche verstummen nie, der Algorithmus füttert Sie mit dem nächsten Reiz, bevor der aktuelle überhaupt verdaut ist. Der Roman dagegen ist leise. Und genau diese Stille, so scheint es, wirkt auf viele Menschen heute nicht mehr attraktiv. Warum lesen Menschen weniger Bücher? Vielleicht, weil das Buch eine Zumutung ist, die niemand mehr erleben möchte: die Zumutung, mit der eigenen inneren Unruhe allein zu sein.

Ein Roman verlangt etwas, das in unserer Gegenwart fast unverschämt wirkt: Geduld. Er möchte, dass Sie sich ihm aussetzen, dass Sie in seine Welt eintauchen, dass Sie mit den Figuren leben, manche Sätze zweimal lesen und manchmal ganze Seiten überblättern, ohne alles zu verstehen. Er verlangt, dass Sie aushalten, wenn es langsam wird, wenn nichts passiert, wenn die Stille zwischen den Zeilen lauter wird als jeder Dialog. Genau diese Stille aber ist es, die vielen unerträglich geworden ist.

Die Fähigkeit, mit sich selbst zu sein, ohne Ablenkung, ohne Hintergrundgeräusch, ohne den nächsten kurzen Videoclip, ist offenbar verkümmert. Der Roman konfrontiert Sie mit sich selbst, mit Ihren Gedanken, Ihren Widerständen, Ihrer Ungeduld. Er stellt Fragen, die unbequem sind, und er lässt Sie nicht so schnell davonkommen. Das ist anstrengend. Das ist unangenehm. Und es ist genau der Grund, warum das Buch in einer Welt der permanenten Reizüberflutung so oft liegen bleibt.

Dabei ist es nicht so, dass die Menschen weniger wissen wollen. Im Gegenteil: Es wird mehr konsumiert denn je, nur eben anders. Zusammenfassungen ersetzen das Lesen, Zitate ersetzen den Zusammenhang, kurze Videos ersetzen die Auseinandersetzung. Alles wird schneller, oberflächlicher, bequemer. Aber was dabei verloren geht, ist die Tiefe, die nur entsteht, wenn man sich einem Text wirklich aussetzt, wenn man ihn unterstreicht, Notizen macht, mit ihm ringt. Diese Form der Begegnung, bei der man nicht nur konsumiert, sondern wirklich versteht, ist durch nichts zu ersetzen. Auch nicht durch den noch so unterhaltsamen Film.

## Ein langsames Verschwinden, aber kein Ende

Das Buch wird nicht verschwinden, auch wenn die Zahl der Leserinnen und Leser stetig abnimmt. Die Diskussionen darüber verstummen, die Regale in den Wohnzimmern verstauben langsam, doch das Buch selbst wartet geduldig. Es wartet auf diejenigen, die Geduld mitbringen, die Einsamkeit aushalten können und die schnelle Konsumierbarkeit bewusst ablehnen.

Vielleicht ist genau das der Kern der Sache. Ein Roman verlangt etwas von Ihnen, das kein Bildschirm je fordern wird: Zeit. Er möchte, dass Sie in seine Welt eintauchen, dass Sie mit den Figuren leben, dass Sie manche Sätze zweimal lesen und andere einfach ziehen lassen, ohne sie sofort zu verstehen. Diese Art von Hingabe lässt sich nicht beschleunigen. Sie lässt sich nicht in kurze Videosequenzen pressen oder in Zusammenfassungen auflösen.

Was bleibt, ist eine stille Beharrlichkeit. Das Buch verändert sich nicht, es passt sich nicht an den Zeitgeist an. Es steht im Regal, zwischen all den anderen, und wartet. Es wartet auf den Moment, in dem jemand es zur Hand nimmt, die erste Seite aufschlägt und sich darauf einlässt, langsamer zu werden. Dieser Moment mag seltener werden, aber er verschwindet nicht.

Die melancholische Wahrheit ist: Es werden immer weniger Menschen sein, die diesen Weg wählen. Doch es gibt sie. Vielleicht sind es nur noch wenige, aber sie sind da. Menschen, die den Lärm der endlosen Feeds hinter sich lassen, die das Flimmern der Bildschirme gegen die Stille gedruckter Seiten eintauschen. Menschen, die verstanden haben, dass Lesen keine Flucht ist, sondern eine Rückkehr zu sich selbst.

Und solange es diese Menschen gibt, solange irgendwo auf der Welt jemand ein Buch aufschlägt, um darin zu versinken, solange wird das gedruckte Wort nicht sterben. Es mag an den Rand gedrängt worden sein, unsichtbar in einer Welt der permanenten Ablenkung. Aber es ist da. Es war schon immer da. Und es wird auch dann noch da sein, wenn die Bildschirme längst dunkel geworden sind.

Vielleicht ist das der letzte Trost in dieser Geschichte: Das Buch hat keine Eile. Es kann warten. Es hat alle Zeit der Welt.

Ein gedrucktes Buch hat es heute schwer. Es verlangt etwas, das in unserer digitalen Welt zur Mangelware geworden ist: ungeteilte Aufmerksamkeit über einen längeren Zeitraum. Während Sie auf dem Smartphone in Sekundenschnelle von einem Reiz zum nächsten springen, braucht ein Roman Zeit, um seine Wirkung zu entfalten. Diese Zeit scheint vielen Menschen zu fehlen, oder besser gesagt: Sie wird ihnen von den Anbietern digitaler Inhalte förmlich abgenommen.

Die Gründe für den Rückgang des Lesens in der Gesellschaft sind vielfältig und miteinander verwoben. Es ist nicht allein die Konkurrenz durch Streaming-Dienste oder die Verlockung der Kurzvideos. Es ist auch eine Frage der Gewohnheit und der Übung. Wer über Jahre hinweg vor allem kurze, knackige Inhalte konsumiert, dessen Gehirn verlernt gewissermaßen das lange Durchhalten. Ein Roman erfordert Geduld, die Fähigkeit, Leerstellen auszuhalten und sich auf ein langsames Erzähltempo einzulassen.

Hinzu kommt die wirtschaftliche Komponente. Die Buchpreise zu hoch in Deutschland? Diese Frage stellen sich viele, wenn sie vor dem Regal in der Buchhandlung stehen. Gebundene Ausgaben und selbst Taschenbücher haben in den letzten Jahren spürbar angezogen. Für Menschen mit kleinem Budget ist ein Buch da schnell zum Luxusgut geworden, während Streaming-Abos oft als günstigere Alternative erscheinen, auch wenn sie bei genauerem Hinsehen nicht unbedingt billiger sind.

Die Auswirkungen von Kurzvideos auf das Lesen sind dabei nicht zu unterschätzen. Diese Formate sind darauf ausgelegt, innerhalb weniger Sekunden einen emotionalen Höhepunkt zu liefern. Das Gehirn wird auf dieses Belohnungsmuster trainiert. Ein Roman hingegen arbeitet oft mit Andeutungen, langen Entwicklungen und einer ganz eigenen Dramaturgie. Wer dieses Muster nicht mehr gewohnt ist, empfindet das Lesen schnell als anstrengend oder langweilig, obwohl es in Wahrheit nur eine andere Art der Aufmerksamkeit erfordert.

Dabei ist die Bedeutung des Lesens für das Gehirn gut belegt. Lesen fördert die Empathie, weil wir uns in Figuren hineinversetzen müssen. Es trainiert das Gedächtnis und die Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge zu erfassen. Es verlangsamt unser Denken in einer Welt, die immer schneller zu werden scheint. Wer regelmäßig Romane liest, trainiert also nicht nur seinen Wortschatz, sondern auch seine Fähigkeit, sich zu konzentrieren und durchzuhalten. Diese Fähigkeiten sind in vielen Lebensbereichen wertvoll, von der Berufsarbeit bis zur persönlichen Beziehungsgestaltung.

Lesen vs. Serien schauen ist daher kein fairer Vergleich. Beide Formate haben ihre Berechtigung und können nebeneinander existieren. Serien bieten oft hochwertige Unterhaltung und packende Geschichten. Aber sie tun dies in einem anderen Tempo und mit anderen Mitteln. Beim Lesen sind Sie selbst der Regisseur, der die Bilder im Kopf erzeugt. Sie bestimmen das Tempo, Sie können innehalten, zurückblättern, einen Satz noch einmal lesen. Diese aktive Rolle macht das Lesen zu einer besonderen Form der Auseinandersetzung mit einem Stoff.

Die Frage, wie kann ich wieder mehr lesen, stellt sich also vielen, die den Zugang zur Literatur verloren haben. Der erste Schritt ist oft der schwierigste: das Handy bewusst beiseitelegen und eine feste Lesezeit einplanen. Es muss nicht gleich ein dicker Wälzer sein, auch eine Kurzgeschichtensammlung oder ein schmales Buch kann den Einstieg erleichtern. Wichtig ist, sich selbst die Erlaubnis zu geben, langsam zu lesen und nicht mit sich selbst zu konkurrieren. Lesen ist keine Leistung, sondern ein Genuss, der sich nicht in gelesenen Seiten pro Stunde messen lässt.

Vielleicht ist die stille Krise des Lesens auch eine Krise der Langsamkeit. Wir haben verlernt, uns auf etwas einzulassen, das nicht sofort belohnt. Ein Buch belohnt Sie jedoch auf eine Weise, die kein Algorithmus vorhersagen kann: mit überraschenden Gedanken, mit neuen Perspektiven und mit der stillen Freude, eine Geschichte ganz für sich allein entdeckt zu haben. Diese Erfahrung ist durch nichts zu ersetzen, und sie lohnt den Aufwand, die Ablenkungen des Alltags für eine Weile auszublenden.

*Anmerkung der Redaktion: Einzelne Aussagen in diesem Essay beruhen auf Beobachtungen und allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklungen. Nicht alle genannten Zusammenhänge sind durch belastbare Studien belegt, sondern stellen eine persönliche Einordnung des Autors dar.*


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