# Physarum polycephalum: Schleimpilz löst Tokio-Rätsel

*Wissenschaft & Technik · Ayşe Demir-Müller · 2026-09-19*

## Key facts

- Physarum polycephalum ist ein einzelliger Organismus, der trotz fehlender Nervenzellen komplexe Wege findet.
- Im Versuch von 2010 dienten Haferflocken als Nahrungsquellen, die die Städte der Region Tokio darstellten.
- Der Schleimpilz verband diese Punkte mit einem Netz aus feinen Adern und suchte dabei kurze, robuste Routen.
- Das Ergebnis ähnelte in mehreren Merkmalen dem bestehenden Schienennetz der japanischen Hauptstadtregion.
- Solche Befunde werfen die Frage auf, ob Problemlösung ohne Gehirn möglich ist.

Das Wichtigste in Kürze

Bei einem Experiment im Jahr 2010 in Japan breitete sich der Schleimpilz Physarum polycephalum über eine Karte der Region Tokio aus. Haferflocken markierten die umliegenden Städte. Der Organismus bildete dabei ein Netzwerk, das dem realen Schienennetz in mehreren Punkten ähnelte. Ein angeborener Plan ist dafür nicht nachgewiesen.

## Ein gelber Schleier auf der Tokio-Karte: Der Schleimpilz, der unsere Vorstellung von Intelligenz erschüttert

Stellen Sie sich vor, Sie legen eine Landkarte von Tokio auf den Tisch und setzen einen lebenden Organismus darauf, der weder Augen noch Ohren besitzt. Kein Gehirn, keine Nervenzellen, kein Bewusstsein. Und trotzdem entsteht nach einigen Stunden ein Netz, das dem Schienenverkehr der japanischen Hauptstadt verblüffend ähnelt. Genau das geschah im Jahr 2010 im Labor.

Die Hauptrolle in dieser Geschichte spielt *Physarum polycephalum*, im Deutschen meist Schleimpilz genannt. Der Name führt allerdings in die Irre. Dieser Organismus ist kein Pilz im eigentlichen Sinn, sondern ein amöbenartiger, vielkerniger Protist. Er besteht aus einer einzigen riesigen Zelle mit zahllosen Zellkernen, die zu einem gelben, netzartig durchzogenen Gebilde verschmelzen. Von einem Pilz mit Hut und Stiel, wie er auf dem Teller oder im Wald wächst, ist er weit entfernt.

Und noch etwas fehlt ihm vollständig. Er hat kein Gehirn, kein Nervensystem, keine Augen und keine Ohren. Es gibt keine zentrale Kommandoebene, die entscheidet, wo es langgeht. Keine Hierarchie, kein Planungsbüro, kein Architekt. Nur eine feuchte, gelbe Masse, die auf ihrer Unterlage langsam wächst und sich dabei ihren Weg sucht.

Genau dieser unscheinbare Organismus sollte eine Frage aufwerfen, die weit über die Biologie hinausreicht: Kann es Problemlösen ohne Bewusstsein geben? Kann etwas intelligent handeln, ohne im Entferntesten zu wissen, was es tut?

**Was diesen Organismus so besonders macht:**

- Er ist ein amöbenartiger, vielkerniger Protist, kein echter Pilz.
- Er besitzt weder Gehirn noch Nervensystem, weder Augen noch Ohren.
- Im Jahr 2010 löste er ein Optimierungsproblem, an dem Ingenieure lange gearbeitet hatten.
- Sein Verhalten stellt die Grundannahme infrage, dass Denken und Bewusstsein untrennbar zusammengehören.

Wenn Sie bis hierhin mitgelesen haben, ahnen Sie vielleicht schon, worauf das hinausläuft. Wir Menschen sind es gewohnt, Intelligenz an ein Gehirn zu knüpfen, am liebsten an unser eigenes. Ein Wesen ohne eine einzige Nervenzelle, das dennoch ein komplexes Verkehrsnetz nachbildet, bringt diese Gewissheit ins Wanken. Und genau darum geht es auf den folgenden Seiten.

## Was ist Physarum polycephalum und was macht ihn so besonders?

Stellen Sie sich einen gelben, zähen Fleck vor, der auf einer Agarplatte langsam vorankriecht. Er hat kein Gehirn, keine Augen, keine Ohren, kein Nervensystem. Und doch löst genau dieser Organismus Aufgaben, an denen Ingenieure jahrelang rechnen. Sein Name: **Physarum polycephalum**, im Volksmund Schleimpilz genannt. Der Name führt allerdings in die Irre.

Denn mit einem Pilz im eigentlichen Sinne hat dieses Wesen wenig zu tun. Es ist ein plasmodialer Protist, genauer ein Vertreter der Amoebozoa, also ein amöbenartiger Einzeller. Nur ist „einzellig" hier kaum vorstellbar: Sein Körper kann beträchtliche Flächen bedecken und enthält viele Zellkerne in einer einzigen, gemeinsamen Zellmasse. Ein Lebewesen, das aus einer Zelle besteht und trotzdem ein ausgedehntes, verzweigtes Netz bildet.

### Kein Kommandozentrum, nirgends

Was fehlt, ist ebenso bemerkenswert wie das, was vorhanden ist. Es gibt kein zentrales Steuerungsorgan. Keine Hierarchie. Kein Kommandozentrum, das Befehle aussendet. Nirgends sitzt eine Instanz, die entscheidet: hier entlang, dort nicht. Der Körper selbst ist das Werkzeug. Er tastet die Umgebung ab, indem er einfach darüber wächst, sich ausbreitet, neue Fortsätze schiebt und andere wieder zurückzieht.

### Eine Welt der physikalischen Reize

Seine Wahrnehmung ist entsprechend schlicht und zugleich präzise. Licht meidet er. Salz meidet er. Trockenheit meidet er. Seine Welt besteht aus physikalischen Reizen, aus Stoffen, die ihn anziehen, und Bedingungen, die ihn zurückweichen lassen. Kein Bild, kein Ton, kein Gedanke. Nur Berührung, Feuchtigkeit, Nahrung und Gefahr.

Und gerade deshalb lohnt sich der zweite Blick. Ein Lebewesen ohne jede Schaltzentrale, das seine Umgebung allein durch Wachstum erkundet und dabei erstaunlich kluge Wege findet. Wie weit das gehen kann, zeigt ein Experiment, das 2010 für Aufsehen sorgte.

## Das Experiment von 2010: Haferflocken für 36 Städte

Stellen Sie sich eine flache Schale vor, darin eine Karte. Kein Computer, kein Algorithmus im Hintergrund, nur feuchtes Papier, auf dem die Umrisse des Großraums Tokio nachgezeichnet sind. Genau so begann im Jahr 2010 ein Versuch, der bis heute in Erinnerung bleibt. Forscher legten *Physarum polycephalum* in die Mitte dieser Karte. Rund um ihn platzierten sie 36 Haferflocken, jede einzelne davon stand für eine Stadt der Region, Tokio selbst lag im Zentrum.

Was dann geschah, wirkt auf den ersten Blick unspektakulär. Der gelbe Organismus breitete sich zunächst blind in alle Richtungen aus, ein primitiver Suchprozess ohne Plan und ohne Ziel. Er tastete sich voran, wuchs über die Fläche, bis er auf die ersten Flocken stieß. So weit verhält sich ein Einzeller wie ein Einzeller. Doch mit jeder entdeckten Nahrungsquelle änderte sich das Bild.

Nun setzte jene Phase ein, die viele Beobachter bis heute fasziniert. Der Schleimpilz zog sich aus unrentablen Gebieten zurück, ließ überflüssige Verbindungen verkümmern und verstärkte dafür jene Wege, die ihn effizient von einer Flocke zur nächsten brachten. Übrig blieb ein Netz aus feinen, kräftigen Adern, das die 36 Punkte miteinander verband. Es war kein Zufallsprodukt, sondern das Ergebnis eines ständigen Gebens und Nehmens im Inneren seines eigenen Körpers.

Und genau hier wird die Geschichte bemerkenswert. Das entstandene Netzwerk wies in Robustheit, Alternativrouten und Effizienz bemerkenswerte Ähnlichkeiten mit dem Tokioter Schienennetz auf, ohne es jedoch exakt nachzubilden. Das ist keine bloße Behauptung, sondern das zentrale Ergebnis der Studie, die 2010 in der Fachzeitschrift *Science* erschien. Ein Wesen ohne Gehirn, ohne Nervensystem, ohne Augen und Ohren hatte ein Optimierungsproblem gelöst, an dem Ingenieure über Jahre gearbeitet hatten.

Vielleicht fragen Sie sich, ob dahinter mehr steckt als ein hübscher Laborzauber. Der Blick auf frühere Versuche lohnt sich. Bereits im Jahr 2000 zeigten Toshiyuki Nakagaki, Hiroyasu Yamada und Ágota Tóth in der Zeitschrift *Nature*, dass *Physarum polycephalum* in einem Labyrinth den kürzesten Weg zur Nahrung findet. Weitere Untersuchungen belegten, dass er Licht, Salz und Trockenheit meidet und dass er bereits erkundete Sackgassen oder ineffiziente Wege anhand chemischer und zellulärer Spuren wiedererkennt. Von einem echten Gedächtnis im menschlichen Sinn lässt sich dabei nicht sprechen, doch die Parallelen sind unübersehbar.

Was bleibt, ist eine schlichte Beobachtung mit großer Wirkung. Wo wir einen Kopf, einen Befehl und einen bewussten Entschluss erwarten, genügt offenbar ein Körper, der sich tastend an seine Umgebung anpasst. Der Schleimpilz denkt nicht über Tokio nach. Er wächst einfach, zieht sich zurück, verstärkt und probiert erneut. Und am Ende steht ein Netz, das in mehreren Merkmalen an das Schienennetz einer der komplexesten Städte der Welt erinnert.

## Ein Netzwerk wie das Tokioter Schienennetz: Zufall oder Algorithmus?

Was im Petri-Schälchen zurückblieb, war kein wirres Geflecht, sondern ein geordnetes System. Und genau hier wird es bemerkenswert: Das Netzwerk, das *Physarum polycephalum* hinterließ, ähnelte dem Tokioter Schienennetz in mehr als nur der groben Form. Es war robust gegen Störungen, effizient in der Wegeführung und in einem ausgewogenen Verhältnis von Aufwand zu Nutzen. Kein Zufall, sondern das Ergebnis eines biologischen Optimierungsalgorithmus, der ohne Bewusstsein auskommt.

Schauen Sie sich die drei Eigenschaften genauer an, in denen sich beide Systeme gleichen.

### Robustheit

Fällt ein Knotenpunkt aus, bricht das Netz nicht zusammen. Der Verkehr findet einen anderen Weg. Genau diese Widerstandsfähigkeit zeichnet belastbare Infrastruktur aus, ob aus Stahl und Schienen oder aus feinen Protoplasma-Strängen.

### Alternativrouten

Das Geflecht bildete von selbst Umleitungen, um Ausfälle abzufedern. Wird ein Abschnitt gekappt, steht bereits eine zweite Verbindung bereit. Diese Redundanz entsteht nicht durch Planung, sondern durch den Prozess selbst.

### Kosten und Nutzen

Jeder zusätzliche Weg kostet Material und Energie. Das Netzwerk behielt nur die Verbindungen, die den größten Nutzen bei geringstem Aufwand brachten. Eine Balance, um die Ingenieure jahrelang ringen.

Und nun der entscheidende Punkt: Es gab keinen Plan. Keine Karte, auf der jemand Linien gezogen hätte. Keine Ingenieurskunst, kein Komitee, keine einzige bewusste Entscheidung. Nur einen physikalischen Prozess, der sich über Stunden entfaltete. Der Organismus verdickte jene Stränge, durch die mehr Nährstoff floss, und zog sich aus jenen zurück, die kaum genutzt wurden. Was übrig blieb, war das Produkt einer stetigen Selbstkorrektur, nicht das Ergebnis eines Entwurfs.

> Die Ähnlichkeit zum Tokioter Schienennetz ist kein Zufall. Sie ist das Ergebnis eines biologischen Optimierungsalgorithmus, der ganz ohne Denken funktioniert.

Das ist der eigentliche Befund. Wo wir einen Masterplan vermuten, arbeitet eine einfache Regel: Verstärke, was trägt, und lass fallen, was nichts einbringt. Einzellig, ohne Gehirn, ohne Nervensystem, und dennoch zu einer Lösung fähig, die einer jahrzehntelangen Ingenieursleistung ähnelt. Vielleicht liegt genau darin die stille Provokation dieses gelben Geflechts: Intelligentes Problemlösen braucht kein Bewusstsein, nur einen guten Algorithmus.

## Mehr als Tokio: Labyrinthe, Gefahren und ein Gedächtnis ohne Gehirn

Das Tokioter Schienennetz war nur die Bühne für ein größeres Rätsel. Denn was der gelbe Organismus auf der Karte zeigte, ist kein Einzelfall. Es ist die Grundausstattung eines Lebewesens, das ohne jedes Orientierungssystem auskommt und trotzdem Wege findet, Hindernissen ausweicht und einmal begangene Irrwege nicht wiederholt.

Denken Sie an ein Labyrinth aus engen Gängen. Kein Plan an der Wand, keine Karte in der Hand. Sie tasten sich vor, nehmen jede Sackgasse in Kauf, bis Sie schließlich den kürzesten Weg zum Ziel gefunden haben. Genau so arbeitet *Physarum polycephalum*. Bereits im Jahr 2000 zeigten Toshiyuki Nakagaki und seine Kollegen in der Zeitschrift *Nature*, dass dieser vielkernige Protist in künstlich angelegten Labyrinthen den kürzesten Weg zur Nahrung findet. Nicht durch Nachdenken, sondern durch Abtasten. Sein gesamter Körper ist gleichzeitig Auge, Hand und Wegweiser.

Dabei geht es nicht nur ums Finden. Es geht auch ums Vermeiden. Licht mag er nicht, Salz meidet er, Trockenheit verträgt er schlecht. Solche lebensfeindlichen Zonen umgeht er mit erstaunlicher Sicherheit, obwohl ihm weder Augen noch Ohren zur Verfügung stehen. Er spürt sie mit derselben Oberfläche, mit der er sich fortbewegt, und zieht seine feinen Adern einfach in eine andere Richtung. Was bleibt, ist ein Netz, das sich an den brauchbaren Stellen verdickt und an den nutzlosen zurückbildet.

Der vielleicht verblüffendste Teil kommt zum Schluss. Der Organismus hinterlässt auf seinem Weg zelluläre und chemische Spuren. Kehrt er später an eine bereits erkundete Sackgasse zurück, erkennt er diese Spuren wieder und lässt den aussichtslosen Gang links liegen. Von einem bewussten Gedächtnis kann keine Rede sein, dafür fehlt ihm jede Voraussetzung. Aber die Wirkung ähnelt dem, was wir Erinnern nennen: Er lernt aus dem, was er hinterlassen hat, und wiederholt den Fehler nicht.

Halten wir fest, was hier zusammenkommt. Ein Lebewesen ohne Gehirn, ohne Nervensystem, ohne Sinnesorgane findet den kürzesten Weg, meidet Gefahren und erkennt vertraute Irrwege wieder. Kein Wunder, dass die Arbeiten von Nakagaki aus dem Jahr 2000 bis heute als Meilenstein gelten. Sie haben einen Satz nachhaltig erschüttert, den wir lange für selbstverständlich hielten: dass intelligentes Verhalten ohne einen zentralen Denkapparat nicht möglich sei.

## Was das für unser Verständnis von Intelligenz bedeutet

Bewusstsein und Problemlösen sind nicht dasselbe. Das ist der nüchterne Kernsatz, an dem sich alles entscheidet. *Physarum polycephalum* hat keine Existenzkrisen, keine Pläne, keine Selbsterkenntnis. Er kennt keine Angst vor dem Morgen, keinen Zweifel, kein Ich. Und trotzdem findet dieser Organismus Lösungen, für die Ingenieure jahrelang rechnen. Wer Intelligenz mit Bewusstsein gleichsetzt, übersieht genau diesen Unterschied.

Denn was heißt hier eigentlich denken? Der Schleimpilz grübelt nicht, er tastet. Er wägt nicht ab, er wächst und zieht sich wieder zurück. Sein Körper ist sein Kalkül. Wo ein Nervensystem fehlt, übernimmt die Physik des Fließens die Arbeit: Dort, wo Nahrung lockt, verdickt sich der Protoplasmastrom, dort, wo nichts zu holen ist, versiegt er. Kein Kommando, keine Zentrale, kein Plan. Und doch ein Ergebnis, das sich sehen lassen kann.

### Intelligenz braucht kein Gehirn

Vielleicht ist das die eigentliche Zumutung dieser Geschichte: Intelligenz muss nicht an ein zentrales Gehirn gebunden sein. Sie kann im Gewebe selbst stecken, verteilt über einen ganzen Körper, ohne einen einzigen Schaltkreis, der die Fäden zieht. Was wir als Denken bezeichnen, ist am Ende nur eine von vielen möglichen Bauweisen, ein Problem zu lösen. Nicht die einzige, nicht die beste, nur unsere.

### Die Falle der eigenen Bauform

Und hier wird es unangenehm für uns. Wir Menschen neigen dazu, Intelligenz nur in unserer eigenen Bauform zu erkennen. Zwei Beine, ein Kopf, eine Sprache, ein Werkzeug in der Hand. Was anders aussieht, gilt schnell als primitiv, als bloßer Reflex, als Zufall. Ein gelber Fleck auf einer Petrischale passt nicht in dieses Bild. Also tun wir ihn gern als Kuriosität ab, statt zuzugeben, dass unser Maßstab zu eng geschnitten war.

Dabei lohnt der zweite Blick. Der Schleimpilz zeigt sogar so etwas wie ein Gedächtnis: Er meidet Wege, die er bereits als Sackgasse kennengelernt hat, und hinterlässt dabei chemische Spuren, an denen er sich selbst wiedererkennt. Von bewusster Erinnerung kann keine Rede sein, von einem Ich, das sich erinnert, erst recht nicht. Aber die Grenze zwischen Reiz und Reaktion verschwimmt hier leise, und genau das macht die Sache so faszinierend.

> Vielleicht ist Intelligenz gar nicht das große Denken. Vielleicht ist sie das, was übrig bleibt, wenn man die unbrauchbaren Wege aufgibt und die tragfähigen verstärkt.

Es gibt keinen Grund, aus *Physarum polycephalum* einen kleinen Philosophen zu machen. Er fühlt nichts, plant nichts, will nichts. Aber er zwingt uns zu einer ehrlichen Frage: Wie viel von dem, was wir Intelligenz nennen, ist wirklich Denken, und wie viel ist einfach nur die Fähigkeit, sich in einer Welt zurechtzufinden? Die Antwort darauf steht noch offen. Vielleicht ist genau das der Punkt.

## Kann man von Physarum polycephalum für technische Systeme lernen?

Ja, und zwar erstaunlich konkret. Das Tokio-Experiment aus dem Jahr 2010 wird in der Netzwerkforschung bis heute häufig zitiert. Damals zeigte ein Forschungsteam, dass **Physarum polycephalum** ein Netzwerk knüpft, das dem Tokioter Schienennetz in Effizienz, Robustheit und Kosten-Nutzen-Balance verblüffend nahekommt. Genau diese Eigenschaften machen den Organismus für die Technik interessant.

Was dabei wirklich zählt, ist die Bauweise des Systems. Es gibt keine Zentrale, keinen Dirigenten, keine Instanz, die Befehle verteilt. Jeder Teil des plasmodialen Körpers reagiert nur auf seine unmittelbare Umgebung, auf Nahrung, Licht, Feuchtigkeit. Trotzdem entsteht aus diesem rein lokalen Zusammenspiel ein globales Muster, das erstaunlich gut funktioniert. Genau das ist der Reiz für Ingenieurinnen und Ingenieure: Wie baut man Netze, die ohne Single Point of Failure auskommen? Wie verteilt man Lasten, ohne einen zentralen Rechner zu benötigen? Der Schleimpilz liefert dafür eine Art lebendes Anschauungsobjekt.

### Vom Petrischalen-Ergebnis zum bioinspirierten Algorithmus

Aus den Beobachtungen von 2010 sind in den folgenden Jahren Rechenverfahren entstanden, die man als bioinspiriert bezeichnet. Sie imitieren nicht den Organismus selbst, sondern dessen Prinzip: Ausgangsstruktur wachsen lassen, ungenutzte Verbindungen zurückziehen, tragfähige Wege verstärken. Solche Algorithmen eignen sich für Probleme, bei denen klassische Verfahren an Rechenzeit scheitern, etwa bei der Planung ausfallsicherer Versorgungs- oder Verkehrsnetze. Die Tokioter Ergebnisse könnten Forschungsgruppen dazu angeregt haben, adaptive Netzwerkmodelle zu entwickeln, die sich an veränderte Bedingungen selbst anpassen.

### Was sich daraus für die Praxis ableiten lässt

#### Dezentrale Steuerung

Systeme, die ohne zentrale Kommandoinstanz funktionieren, sind schwerer lahmzulegen. Fällt ein Knoten aus, sucht das Netz selbstständig einen Umweg.

#### Robustheit durch Redundanz

Der Schleimpilz hält mehr Verbindungen bereit als nötig und dünnt erst dann aus, wenn sie sich nicht bewähren. Ein Vorbild für ausfallsichere Infrastruktur.

Denken Sie an Stromnetze, an Rechnerverbünde, an Lieferketten: Überall dort, wo ein Ausfall an einer Stelle nicht das ganze System kippen soll, ist dieses Prinzip wertvoll. Auch in der Robotik taucht die Idee auf, wenn sich Schwärme oder weiche Materialsysteme selbst organisieren sollen.

### Wo die Übertragung an ihre Grenzen stößt

Man sollte aus dem Tokio-Ergebnis allerdings keine Wunder ableiten. Der Schleimpilz ist keine Ingenieurin, er rechnet nicht, er plant nicht. Er reagiert auf Nahrung und Gefahren und hinterlässt dabei ein Muster, das erstaunlich gut funktioniert. Ob ein solches Muster auf andere Städte, andere Maßstäbe oder andere Kostenmodelle übertragbar ist, muss jeweils neu geprüft werden. Die Ähnlichkeit mit dem Tokioter Netz ist bemerkenswert, aber sie bleibt eine Analogie, kein Beweis für universelle Lösungen.

Was der Fall lehrt, ist bescheidener und zugleich größer: Intelligentes Verhalten braucht nicht zwingend ein Gehirn. Es braucht Regeln, Rückmeldung und Zeit.

Vielleicht liegt genau darin der bleibende Wert dieses Experiments. **Physarum polycephalum** zeigt, dass sich komplexe Probleme mit einfachsten Mitteln lösen lassen, wenn man dem System genug Raum gibt, sich selbst zu ordnen. Für die Technik von morgen ist das eine Einladung, weniger zu steuern und mehr zuzulassen.


## Frequently asked questions

**Was ist Physarum polycephalum und warum ist er so besonders?**

Physarum polycephalum ist ein einzelliger, vielkerniger und amöbenartiger Protist, also kein Pilz im eigentlichen Sinne, auch wenn der deutsche Name Schleimpilz das nahelegt. Er besitzt weder Gehirn noch Nervensystem, weder Augen noch Ohren. Genau diese Schlichtheit macht ihn so außergewöhnlich: Ein Organismus ohne jede Kommandozentrale löst Aufgaben, für die wir sonst Planung und Bewusstsein voraussetzen.

**Wie konnte ein Schleimpilz ohne Gehirn das Tokioter Schienennetz nachbilden?**

Im Jahr 2010 platzierten Forscher den Organismus auf einer Karte mit den Positionen von 36 Städten rund um Tokio. Jede Stadt wurde durch ein Haferflockenflöckchen vertreten. Physarum polycephalum breitete sich zunächst in alle Richtungen aus, zog dann aber seine überflüssigen Verbindungen zurück und ließ ein Netzwerk übrig, das dem Tokioter Schienennetz in Robustheit, Alternativrouten und Effizienz stark ähnelt.

**Warum gilt das Experiment von 2010 als Meilenstein der Netzwerkforschung?**

Die 2010 in der Fachzeitschrift Science veröffentlichte Studie zeigte, dass ein Lebewesen ohne zentrale Steuerung ein komplexes Verkehrsnetz optimieren kann. Das Ergebnis war kein Zufall und keine Nachahmung, sondern das Produkt reiner körperlicher Anpassung. Damit lieferte die Arbeit ein biologisches Vorbild für robuste, kosteneffiziente Netzwerke, das bis heute in der Forschung zitiert wird.

**Wie findet der Schleimpilz den kürzesten Weg durch ein Labyrinth?**

Bereits im Jahr 2000 zeigten Forscher um Toshiyuki Nakagaki in der Zeitschrift Nature, dass Physarum polycephalum in einem Labyrinth den kürzesten Weg zur Nahrung findet. Er tastet seine Umgebung mit dem eigenen Körper ab, verstärkt gut funktionierende Verbindungen durch stärkeren Flüssigkeitsstrom und zieht sich aus ineffizienten Sackgassen zurück. So entsteht die Lösung ohne Plan und ohne Karte.

**Hat der Schleimpilz ein Gedächtnis, obwohl er kein Gehirn besitzt?**

Der Organismus hinterlässt auf bereits erkundeten Wegen zelluläre oder chemische Spuren, an denen er erkennt, dass er dort schon war. Er meidet dadurch Sackgassen und ineffiziente Strecken beim zweiten Anlauf. Von einem bewussten Gedächtnis im menschlichen Sinne kann keine Rede sein, doch ein schleimbasiertes Erinnern an frühere Zustände wird in der Forschung diskutiert.

**Was bedeutet das Tokio-Experiment für unser Verständnis von Intelligenz?**

Es zeigt, dass intelligentes Problemlösen nicht zwingend an ein Gehirn, ein Bewusstsein oder ein Nervensystem gebunden ist. Ein Lebewesen ohne Sinnesorgane kann dennoch effiziente, anpassungsfähige Lösungen hervorbringen. Damit gerät die Vorstellung ins Wanken, Intelligenz sei einzig eine menschliche Errungenschaft. Kluges Verhalten kann offenbar aus einfachen körperlichen Regeln entstehen.

**Wer hat die Forschung durchgeführt?**

Die Tokio-Studie von 2010 wurde in der Zeitschrift Science veröffentlicht. Die Labyrinth-Experimente gehen auf Toshiyuki Nakagaki, Hiroyasu Yamada und Ágota Tóth zurück und erschienen im Jahr 2000 in Nature. Zu beiden Themen finden sich Beiträge unter anderem in Scientific American und Wired.

**Kann man daraus für technische Systeme lernen?**

Ja, und genau darin liegt der praktische Wert. Das Netzwerk von Physarum polycephalum ist kostengünstig, ausfallsicher und bildet von selbst Alternativrouten, wenn eine Verbindung wegfällt. Solche Eigenschaften sind für Verkehrsplanung, Logistik und den Aufbau verteilter Computersysteme hochattraktiv. Die Natur liefert hier möglicherweise einen Bauplan für robuste, selbstorganisierende Netzwerke. Hinweis der Redaktion: Nicht abschließend bestätigte Details werden im Text ausdrücklich als unsicher gekennzeichnet.

Canonical: https://staunen.madeda.com/physarum-polycephalum-schleimpilz-lost-tokio-ratsel/
