# Negative Zahlen: Wie Brahmagupta sie rettete

*Wissenschaft & Technik · Ayşe Demir-Müller · 2026-10-13*

## Key facts

- Chinesische Rechenmeister nutzten rote und schwarze Stäbchen, um Gewinne und Verluste zu unterscheiden.
- Der indische Mathematiker Brahmagupta beschrieb im 7. Jahrhundert Regeln für das Rechnen mit Vermögen und Schulden.
- In Europa galten negative Zahlen lange als unlogisch, weil man sich "weniger als nichts" nicht vorstellen konnte.
- John Wallis veranschaulichte negative Zahlen 1685 auf einer Zahlengeraden.
- Leonhard Euler machte negative Zahlen im 18. Jahrhundert über Beispiele wie Schulden und Guthaben im Alltag verständlich.

Das Wichtigste in Kürze

Bereits im antiken China und in Indien rechneten Gelehrte mit negativen Zahlen, indem sie Schulden und Guthaben gegenüberstellten. Brahmagupta formulierte im 7. Jahrhundert verbindliche Rechenregeln. In Europa stießen negative Zahlen bis ins 17. Jahrhundert auf Skepsis, bevor sie über die Zahlengeraden und Eulers Schriften allgemein anerkannt wurden.

## Negative Zahlen: Wie Brahmagupta sie rettete

Stellen Sie sich vor, Sie stehen an einem Marktstand und jemand borgt sich fünf Rupien von Ihnen. In Ihrer Hand liegt nichts mehr, und doch ist da plötzlich etwas: eine offene Forderung. Genau diese unsichtbare Größe, das Fehlen von etwas, hat die Mathematik jahrhundertelang vor Probleme gestellt. Die Geschichte der negativen Zahlen ist deshalb keine trockene Formelsammlung. Sie ist die Geschichte einer Idee, die viele kluge Köpfe für Unsinn hielten, bis ein Astronom im Indien des siebten Jahrhunderts ihr einen Namen gab.

Denn eines sollten Sie wissen: Negative Zahlen fühlen sich für viele Menschen bis heute sperrig an. Schon die Frage, welche von zwei negativen Zahlen größer ist, bringt viele ins Stocken. Kein Wunder, dass Generationen von Lehrkräften lieber Beispiele bemühen, die einleuchten, und den Rest als symbolische Regel durchgehen lassen. Irgendwann entfernt sich die Mathematik von der anschaulichen Wirklichkeit. Und spätestens dort wird die Frage spannend, warum eine Disziplin, die sich der reinen Logik verschreibt, die Wirklichkeit überhaupt so gut beschreiben kann.

### Bambusstäbe, rote und schwarze Zahlen

Die ersten Spuren führen ins antike China. Dort rechnete man mit kleinen Bambusstäben, die auf einer Fläche ausgelegt wurden. Der Überlieferung nach standen rote Stäbe für Guthaben, schwarze für Schulden. Diese Gegenüberstellung von hell und dunkel, von Haben und Sollen, passte bemerkenswert gut zur chinesischen Vorstellung von gegensätzlichen Kräften. Interessant ist auch die Schreibweise: Im Stäbchenzahlensystem wechselten sich die Darstellungen je nach Stelle ab. Für die Zahl 752 legte man also zuerst eine vertikale 7, dann eine horizontale 5 und schließlich wieder eine vertikale 2.

### Brahmagupta gibt dem Nichts einen Namen

Einige Jahrhunderte später fand man in Indien einen handfesten Rahmen für das Rechnen mit Schulden und Guthaben. Wer fünf Rupien schuldet und sie zurückzahlt, steht wieder bei null. Der Astronom Brahmagupta griff diesen Gedanken auf und formulierte im siebten Jahrhundert, genauer um das Jahr 628, Regeln für die Arithmetik positiver und negativer Zahlen. Er nannte sie „Vermögen“ und „Schulden“. Damit erhielt die negative Zahl neben der Null einen anerkannten Platz im Denken.

### Warum der Westen so lange zögerte

Bis negative Zahlen ihren festen Platz auf der Zahlengeraden fanden, verging allerdings viel Zeit. Antike griechische Denker und zahlreiche europäische Mathematiker danach hielten sie schlicht für widersinnig. Man kann sich schließlich keinen minus einen Apfel vorstellen. Daraus erwuchs eine tiefe Skepsis, die bis ins 17. Jahrhundert anhielt.

Blaise Pascal, der von 1623 bis 1662 lebte, soll auf die Frage, was man erhalte, wenn man 4 von 0 abziehe, geantwortet haben, das Ergebnis sei 0. René Descartes, 1596 bis 1650, ging einen Schritt weiter: Er akzeptierte negative Größen als Lösungen von Gleichungen, nannte sie in seiner „La Géométrie“ von 1637 aber „falsche Wurzeln“ statt echter Zahlen. Selbst die hellsten Köpfe des Westens taten sich also schwer mit dem Minus.

### John Wallis und die rettende Linie

Die Wende kam mit einem Bild. John Wallis, geboren 1616 und gestorben 1703, war Professor für Geometrie an der Universität Oxford. Er erkannte, dass Menschen besser denken, wenn sie etwas vor Augen haben. In seinem Werk „A Treatise of Algebra“ aus dem Jahr 1685 ordnete er die negativen Zahlen auf einer Zahlengeraden an. Damit war aus einer sperrigen Rechenregel eine anschauliche Richtung geworden: links vom Nullpunkt, gespiegelt zu den positiven Werten.

Bis Mitte des 19. Jahrhunderts definierte man die Mathematik als „Wissenschaft der Quantität“ und „Wissenschaft der Größe“. Vor diesem Hintergrund mussten negative Zahlen als Mengen erscheinen, die kleiner sind als nichts. Entsprechend heftig fielen die Einwände aus.

### Euler, die Schulden und der lange Widerstand

Leonhard Euler zeigte 1770 in seiner „Vollständigen Anleitung zur Algebra“, wie anschaulich das Minus sein kann. Er erklärte positive und negative Größen anhand von Geldvermögen und Schulden und begründete damit auch, warum eine Schuld, mehrfach genommen, eine Schuld bleibt. Der Überlieferung nach warnten Mathematiklehrbücher dennoch bis weit ins 18. Jahrhundert hinein vor der Verwendung negativer Zahlen. Die Skepsis verschwand also nicht über Nacht.

### Wie schreibt man eine negative Zahl?

Als negative Zahlen schließlich als eigenständige Zahlen anerkannt wurden, entbrannte ein neuer Streit: Wie soll man sie notieren? Zeitweise versah man sie mit einem zusätzlichen Strich über der Ziffer, ein anderes Mal mit einem Minuszeichen. Durchgesetzt hat sich am Ende die schlichte Variante, die wir heute kennen.

### Warum ist das Produkt zweier negativer Zahlen positiv?

Hier hilft die Zahlengerade. Nehmen Sie an, Sie stehen am Nullpunkt und blicken in die positive Richtung. Sie gehen zwei Schritte rückwärts und wiederholen das viermal. Sie landen bei −8, denn (−2) × 4 ergibt −8. Drehen Sie sich nun um und blicken in die negative Richtung, während Sie zwei Schritte vorwärtsgehen, viermal wiederholt, landen Sie ebenfalls bei −8. Das zeigt 2 × (−4) = −8. Und jetzt der entscheidende Fall: Sie stehen wieder am Nullpunkt, blicken in die negative Richtung und gehen zwei Schritte rückwärts, viermal. Rückwärtsgehen liefert −2, der Blick in die negative Richtung −4, und Sie landen bei +8. So ergibt (−2) × (−4) = 8.

Ein einfaches physikalisches Gegenstück, das jedem sofort einleuchtet, ist für dieses Ergebnis schwer zu finden. Mathematische Logiker wissen, dass auch ein System mit (−4) × (−4) = −16 denkbar wäre. Gewöhnliche Menschen verwenden es nicht. Wir halten uns an die Regel, dass das Produkt zweier negativer Zahlen positiv ist, etwa (−4) × (−4) = 16. Dass solche Festlegungen veränderbar sind und im Lauf der Geschichte tatsächlich verändert wurden, gehört zu den faszinierendsten Einsichten der Mathematikgeschichte.

Hinweis der Redaktion: Nicht in jeder Quelle gesicherte Angaben zu Datierungen und Urheberschaften werden im Text ausdrücklich als unsicher gekennzeichnet.


## Frequently asked questions

**Wie schreibt man eine negative Zahl?**

Als negative Zahlen schließlich als eigenständige Zahlen anerkannt wurden, entbrannte ein neuer Streit: Wie soll man sie notieren? Zeitweise versah man sie mit einem zusätzlichen Strich über der Ziffer, ein anderes Mal mit einem Minuszeichen. Durchgesetzt hat sich am Ende die schlichte Variante, die wir heute kennen.

**Warum ist das Produkt zweier negativer Zahlen positiv?**

Hier hilft die Zahlengerade. Nehmen Sie an, Sie stehen am Nullpunkt und blicken in die positive Richtung. Sie gehen zwei Schritte rückwärts und wiederholen das viermal. Sie landen bei −8, denn (−2) × 4 ergibt −8. Drehen Sie sich nun um und blicken in die negative Richtung, während Sie zwei Schritte vorwärtsgehen, viermal wiederholt, landen Sie ebenfalls bei −8. Das zeigt 2 × (−4) = −8. Und jetzt der entscheidende Fall: Sie stehen wieder am Nullpunkt, blicken in die negative Richtung und gehen zwei Schritte rückwärts, viermal. Rückwärtsgehen liefert −2, der Blick in die negative Richtung −4, und Sie landen bei +8. So ergibt (−2) × (−4) = 8. Ein einfaches physikalisches Gegenstück, das jedem sofort einleuchtet, ist für dieses Ergebnis schwer zu finden. Mathematische Logiker wissen, dass auch ein System mit (−4) × (−4) = −16 denkbar wäre. Gewöhnliche Menschen verwenden es nicht. Wir halten uns an die Regel, dass das Produkt zweier negativer Zahlen positiv ist, etwa (−4) × (−4) = 16. Dass solche Festlegungen veränderbar sind und im Lauf der Geschichte tatsächlich verändert wurden, gehört zu den faszinierendsten Einsichten der Mathematikgeschichte. Hinweis der Redaktion: Nicht in jeder Quelle gesicherte Angaben zu Datierungen und Urheberschaften werden im Text ausdrücklich als unsicher gekennzeichnet.

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