# Moltkes Briefe über Sultan Mahmud II.

*Geschichte & Krieg · Kerem Aydın · 2026-09-21*

## Key facts

- Helmuth von Moltke kam 1836 als preußischer Offizier in das Osmanische Reich und wurde zum Berater bei der Neuordnung der Armee.
- Sultan Mahmud II. ließ 1826 die Janitscharen auflösen und schuf damit Platz für eine neue, nach europäischem Vorbild gedachte Truppe.
- In seinen Briefen beschreibt Moltke den Sultan als entschlossenen Reformer, der Verwaltung, Bildung und Heer zugleich umbauen wollte.
- Moltke sah die größte Schwäche nicht im Willen des Herrschers, sondern im fehlenden Fundament aus gebildeten Beamten, Offizieren und Lehrern.
- Mahmud II. starb 1839, kurz bevor die von ihm angestoßenen Reformen unter seinen Nachfolgern weitergeführt wurden.

Das Wichtigste in Kürze

Helmuth von Moltke hielt sich von 1836 bis 1839 als Berater der osmanischen Armee in Istanbul auf und verfasste dort Briefe über Sultan Mahmud II. Der Sultan ließ 1826 die Janitscharen auflösen und trieb danach weitreichende Reformen voran. Moltke erkannte das Ausmaß dieser Veränderungen an, sah aber auch, dass die Grundlagen eines modernen Staates fehlten.

## Ein preußischer Offizier im Osmanischen Reich: Helmuth von Moltke und Mahmud II.

Stellen Sie sich einen jungen preußischen Offizier vor, der im Jahr 1836 in Istanbul eintrifft. Helmuth von Moltke, damals noch Hauptmann, war vom osmanischen Sultan Mahmud II. damit beauftragt worden, die Armee des Reiches zu beraten und auszubilden. Drei Jahre lang, von 1836 bis 1839, beobachtete er aus nächster Nähe einen Herrscher, der sein Reich von Grund auf umbauen wollte. Was er dabei sah, hielt er in Briefen fest, die er an seine Familie und enge Freunde nach Hause schickte.

Diese Briefe wurden später unter dem Titel „Moltkes Türkische Briefe" veröffentlicht. Sie sind bis heute eine der unmittelbarsten Quellen für die Begegnung zwischen einem europäischen Offizier und einem osmanischen Reformherrscher. Moltke schrieb nicht für die Öffentlichkeit, sondern für vertraute Menschen, und genau das macht seine Schilderungen so lebendig.

Mahmud II. hatte den Thron im Jahr 1808 bestiegen. Der Überlieferung nach schildert Moltke den Sultan als einen Mann, der aus bitteren Erfahrungen gelernt hatte: Mit der überkommenen Staatsordnung, so seine Überzeugung, ließe sich das Reich nicht mehr regieren. Also blickte Mahmud nach Westen und suchte dort nach Vorbildern. Moltke bemerkte, dass der Sultan zwar unvorbereitet an das Reformwerk heranging, aber über genug Verstand verfügte, um dessen Notwendigkeit zu erkennen, und über den Mut, es anzugehen.

Sein Plan war ebenso einfach wie radikal: Zuerst musste er alle Zwischengewalten im Reich niederwerfen und die Macht in seiner eigenen Hand bündeln. Erst danach konnte er neu bauen. Diesen ersten Teil seiner Aufgabe, so Moltke, habe der Sultan mit Klugheit und Standhaftigkeit gemeistert. Am zweiten Teil jedoch sei er gescheitert.

Der gefährlichste Widerstand kam von den Janitscharen, der alten Elitetruppe des Reiches. Angeblich sollen mehrere Sultane durch sie Thron und Leben verloren haben, bevor Mahmud II. im Jahr 1826 zum entscheidenden Schlag ausholte. Eine genaue Zahl lässt sich nicht sichern. Zwar setzten die Janitscharen im Lauf der Jahrhunderte mehrfach Herrscher ab, und einige bezahlten mit ihrem Leben, doch wie viele es genau waren, ist offen. Ebenso wenig traf es zu, dass die Auflösung an einem einzigen Tag und in einer einzigen Stunde vollendet war. Die Aufzeichnungen legen nahe, dass sich die Auflösung und die anschließende Verfolgung über mehrere Tage und Wochen hinzogen.

Ebenso wenig traf es zu, dass die Ulema, die einflussreiche Klasse der islamischen Gelehrten, sich stets mit den Janitscharen gegen den Sultan verbündet hätte. Ihre Haltung war wechselhaft. Im Jahr 1826 unterstützten einflussreiche Geistliche sogar die Auflösung der Janitscharen. Moltke beobachtete dennoch, dass die Geistlichkeit die Reformen nur mit verhaltenem Widerstand und versteckter Ablehnung begleitete.

Nach dem Fall der Janitscharen trat ein neues Problem zutage. Nun ging es nicht mehr ums Zerstören, sondern ums Aufbauen. Und in diesem Moment zeigte sich, wie viel leichter es ist, die Mängel eines Staatswesens zu erkennen, als sie zu beheben. Das Bauen, so Moltke, war ungleich schwerer als das Niederreißen.

## Ein Herrscher, der alles auf eine Karte setzte

Stellen Sie sich einen Mann vor, der weiß, dass sein Reich am Abgrund steht, und der trotzdem nicht versucht, es mit den alten Mitteln zu retten. Genau so beschreibt Helmuth von Moltke den Sultan Mahmud II. Der deutsche Offizier, der zwischen 1836 und 1839 als Berater und Ausbilder für die osmanische Armee tätig war, hat seine Eindrücke in den Türkischen Briefen festgehalten, einer Sammlung von Briefen an Familie und Freunde. Und was er über diesen Herrscher schreibt, klingt alles andere als nach einem gewöhnlichen Monarchen.

Mahmud II. habe erkannt, so Moltke, dass sich das Reich mit der überkommenen Ordnung nicht länger regieren ließ. Der Sultan habe sich das Ziel gesetzt, die bestehenden Verhältnisse vollständig umzuwälzen, und dabei sei es ihm nicht um kleine Korrekturen gegangen, sondern um den ganzen Bau. Moltke lässt keinen Zweifel daran, worin er die Größe dieses Mannes sah: Mahmud II. besaß den Verstand, die Notwendigkeit der Reformen zu begreifen, und den Mut, sie tatsächlich anzugehen. Beides zusammen, so der Offizier, sei keineswegs selbstverständlich.

Doch bevor ein neues Gebäude entstehen kann, muss zuerst das Grundstück geräumt werden. Genau dieses Bild verwendet Moltke für das, was der Sultan zuerst in Angriff nahm. Mahmud II. habe sämtliche zweiten Mächte im Reich niedergeworfen und alle Kräfte in seiner eigenen Hand gesammelt. Erst danach habe er daran gehen können, etwas Neues zu errichten. Es war ein Vorgehen mit Kalkül, nicht aus Laune geboren, und Moltke zollt ihm dafür sichtlichen Respekt.

Was diesen Respekt noch vertieft: Der Sultan ging dieses Wagnis nicht aus einer sicheren Position heraus ein. Er setzte für seine Vorstellung von einem erneuerten Reich buchstäblich seine Herrschaft und sein Leben aufs Spiel. Moltke beschreibt einen Herrscher, der die bitteren Erfahrungen seiner Regierungszeit nicht verdrängte, sondern in Entschlossenheit ummünzte. Die Vorbilder für das, was er aufbauen wollte, suchte Mahmud II. den Briefen zufolge in der Ordnung der westlichen Länder, die Moltke als die glücklicheren bezeichnet.

So entsteht das Bild eines Mannes, der die Notwendigkeit erkannte, bevor andere sie auch nur ahnten, und der bereit war, dafür alles zu riskieren. Ob ihm die Vollendung seines Werkes vergönnt war, steht auf einem anderen Blatt. Doch schon der erste Schritt, das entschlossene Aufräumen des alten Baugeländes, machte aus Mahmud II. in den Augen des preußischen Offiziers einen Herrscher, den man so schnell nicht vergisst.

### Der Sturz der Janitscharen: Ein Schlag mit Mut und Glück

Für Helmuth von Moltke, den deutschen Offizier, der zwischen 1836 und 1839 unter Sultan Mahmud II. die osmanische Armee ausbildete und beriet, stand eines außer Frage: Bevor im Reich etwas Neues entstehen konnte, musste zuerst die alte Macht der Janitscharen fallen. In seinen Briefen, die später als Sammlung seiner Türkei-Briefe bekannt wurden, nannte er sie "widerspenstig und übermütig". Ein hartnäckiger, selbstherrlicher Truppenverband, der sich keiner Ordnung mehr fügte.

Moltke beschreibt, wie der Sultan diesen Gegner jahrelang vorbereitete. Mit Verstand, mit Ausdauer, Schritt für Schritt. Und dann, so heißt es bei ihm, habe Mahmud II. das Werk an einem einzigen Tag vollendet, ja beinahe in einer einzigen Stunde, mit Mut und mit Glück. So schildert es Moltke, und so ist es als seine Zuspitzung zu lesen, nicht als nüchternes Protokoll. Angeblich soll diese Macht bis dahin mehreren Sultanen Thron und Leben gekostet haben. Eine genaue Zahl ist nicht gesichert. Zwar setzten die Janitscharen im Lauf der Jahrhunderte mehrfach Herrscher ab, und einige bezahlten mit ihrem Leben, doch wie viele es genau waren, lässt sich nicht belegen.

Die historischen Aufzeichnungen zeichnen ein anderes Bild als die knappe Zuspitzung Moltkes. Die Auflösung und Verfolgung nach 1826 zog sich über mehrere Tage und Wochen hin. Was Moltke als einen einzigen, blitzartigen Schlag schildert, war in Wirklichkeit ein längerer, blutiger Prozess. Seine Verdichtung auf die eine Stunde ist rhetorisch gewollt. Sie soll die Wucht des Augenblicks spürbar machen, nicht ein Protokoll liefern.

Und doch trifft sein Kern eine Wahrheit. Der Sultan hatte lange gezögert, gebündelt, gewartet. Als er zuschlug, tat er es mit einer Entschlossenheit, die viele Zeitgenossen überraschte. Für Moltke war dieser Moment der Wendepunkt. In seinen Augen begann hier die eigentliche Reform, der Versuch, ein Reich nach westlichem Vorbild neu zu ordnen. Was danach kam, war der weit schwierigere Teil: nicht das Niederreißen, sondern das Aufbauen.

### Zwischen Furcht und Widerstand: Die Ulema

In den Briefen, die Helmuth von Moltke zwischen 1836 und 1839 aus dem Osmanischen Reich an seine Familie und Freunde schrieb, findet sich ein Urteil, das bis heute nachhallt. Die Ulema, so behauptet der deutsche Offizier, hätten sich gegen die willkürlichen Befehle des Sultans stets mit den Janitscharen verbündet. Ein Satz, der ein ganzes Verhältnis auf eine einzige Formel bringt. Und der genau deshalb so verführerisch ist.

Denn so einfach lagen die Dinge nicht. Die Haltung der religiösen Gelehrten war wechselhaft, je nach Person, je nach Moment und je nachdem, wohin der Wind gerade wehte. Der entscheidende Beleg dafür stammt aus dem Jahr 1826: Als Mahmud II. die Janitscharen auflöste, standen einflussreiche Geistliche an seiner Seite. Sie segneten den Schritt nicht nur ab, sie trugen ihn mit. Von einem ewigen Bündnis zwischen Ulema und Janitscharen kann also keine Rede sein. Moltkes pauschales Urteil hält dieser Prüfung nicht stand.

Interessant ist, dass der preußische Offizier selbst die Grenzen seiner eigenen Beobachtung einräumt. Es sei nicht gelungen, die Geistlichkeit vollständig zu beherrschen, schreibt er. Ganz unterwerfen ließ sich diese Klasse der Gottesgelehrten nicht. Aber eingeschüchtert, das seien sie gewesen. So eingeschüchtert, dass sie die Neuerungen des Sultans nur mit verdeckter Antipathie und geheimem Widerstand begleiteten. Kein offener Aufstand, kein lautes Nein, sondern ein stilles Dagegensein, das sich hinter Höflichkeit und frommen Formeln verschanzte.

Man muss sich diese Szene vor Augen führen, um ihre Sprengkraft zu begreifen. Da sitzt ein Fremder aus Preußen, ein Mann, der in einer ganz anderen Welt sozialisiert wurde, und beobachtet eine religiöse Elite, die zwischen Anpassung und innerem Widerstand laviert. Er sieht die Fassade, er ahnt das Dahinter. Und er formuliert ein Urteil, das mehr über die Spannung dieser Jahre verrät als über die Ulema selbst.

Denn genau darum ging es in diesen Jahren: um die Frage, wie tiefgreifend ein Staat umgebaut werden kann, wenn die Träger des alten Wissens nicht überzeugt, sondern nur in Schach gehalten werden. Moltke liefert dafür keine Theorie, sondern eine Momentaufnahme. Eine, die zeigt, wie viel Misstrauen in den Reformjahren von 1836 bis 1839 noch in den Kulissen lauerte.

## Zerstören ist leichter als aufbauen

Der Sturz war gelungen. Doch in dem Moment, in dem der Staub sich legte, trat die eigentliche Schwierigkeit erst hervor. Helmuth von Moltke, der deutsche Offizier, der zwischen 1836 und 1839 als Berater und Ausbilder für die osmanische Armee unter Sultan Mahmud II. diente, hielt diese Erkenntnis in seinen Briefen fest, die später als Buch veröffentlicht wurden. Sein Befund ist so schlicht wie unbequem: Der Weg des Zerstörens war beendet, nun kam die weit schwerere Aufgabe des Aufbauens.

Moltke formuliert damit einen Kernsatz, der weit über den osmanischen Hof hinausweist. Es sei leicht, die Mängel eines Staatsgebäudes zu erkennen, so seine Beobachtung. Man sehe die Risse, die schiefen Mauern, die fehlenden Stützen. Doch sie zu beheben, aus dem erkannten Fehler eine tragfähige neue Ordnung zu machen, das sei eine ganz andere, mühseligere Kunst. Bauen, so Moltke, ist schwieriger als Zerstören.

Genau an dieser zweiten Aufgabe scheiterte Mahmud II. Er hatte den Umbruch gewollt und vorangetrieben, doch das Fundament für das Neue konnte er nicht mehr vollständig legen. Moltke beobachtete diesen Widerspruch mit dem nüchternen Blick eines Mannes, der aus der Ferne kam und doch nah genug stand, um die Lücken zu sehen. Die Kraft, die für den Umsturz gereicht hatte, erwies sich für den Aufbau als zu gering.

So bleibt von Mahmud II. das Bild eines Herrschers, der Großes begann und an der zweiten Hälfte seiner Aufgabe zerbrach. Moltkes Briefe halten diesen Moment fest, in dem aus dem Triumph des Umbruchs die Ernüchterung des Bauens wurde.

## Die Suche nach fähigen Mitstreitern: Moltkes Blick auf das Bildungsniveau

Der deutsche Offizier Helmuth von Moltke, der zwischen 1836 und 1839 im Auftrag Sultan Mahmud II. die osmanische Armee beriet und ausbildete, hielt seine Beobachtungen in Briefen an Familie und Freunde fest. Diese später als *Moltkes Türkische Briefe* bekannte Sammlung zeigt einen nüchternen, oft ernüchterten Blick auf das Reich, das er reformieren sollte. Und sie zeigt einen Sultan, der Großes vorhatte und an einer bitteren Tatsache scheiterte: Er fand kaum Menschen, auf die er sich stützen konnte.

Moltke beschreibt diese Lage ohne Beschönigung. Der Sultan, so notiert er, habe in seinem eigenen Volk keine aufgeklärten Persönlichkeiten gefunden, die er als Lenker oder wenigstens als Helfer seiner Reformen hätte einsetzen können. Das klingt hart, und Moltke weiß, wie hart es klingt. Er selbst räumt ein, dass es für einen Europäer beinahe unmöglich sei, sich das tatsächliche Bildungsniveau der Menschen im Orient vorzustellen. Genau hier wird deutlich, wie tief der Graben zwischen dem Reformwillen des Herrschers und der Wirklichkeit seiner Untertanen war.

### Ein „Hafız" und die vier Grundrechenarten

Um diesen Abstand greifbar zu machen, greift Moltke zu einem drastischen Beispiel. Wer im Osmanischen Reich lesen und schreiben konnte, so behauptet er, werde als „Hafız" bezeichnet, also als Gelehrter. An dieser Stelle irrt Moltke jedoch: Der Begriff „Hafız" meint eigentlich jemanden, der den gesamten Koran auswendig gelernt hat, nicht einfach einen Lesekundigen. Seine Beobachtung bleibt dennoch sprechend. Viele, so berichtet er, schlossen ihre Ausbildung damit ab, die erste und die letzte Sure des Korans auswendig zu lernen, und beherrschten kaum die vier Grundrechenarten.

Was das im Alltag bedeutete, führt er mit einer weiteren Beobachtung vor Augen. Laut Moltke mussten manche hohe Beamte sich Briefe in ihrer eigenen Sprache vorlesen lassen. Man darf diesen Satz nicht überdehnen. Die Forschung bewertet eine solch pauschale Aussage über sämtliche hohen Würdenträger als unsicher; Analphabetismus war in der späten osmanischen Verwaltung zwar verbreitet, doch nicht jeder Amtsträger war betroffen.

### Der Ferik und der Rohrschreiber

Am eindrücklichsten ist vielleicht eine kleine, fast komische Szene, die Moltke festhält. Er erinnert sich an einen Ferik, also einen Generalleutnant, der auf einem Stück Papier mit einem Rohrschreibgerät immer wieder seinen eigenen Namen niederschrieb. Diese Kunst, so erzählt es Moltke, hatte der Mann gerade erst von seinem Sekretär gelernt. Die Anekdote fügt sich nahtlos in das Bild, das er zeichnet, auch wenn sie sich unabhängig nicht sicher überprüfen lässt. Sie steht allein in seinen Aufzeichnungen.

Moltke selbst differenziert an dieser Stelle. Von seinen Beobachtungen nimmt er jene Osmanen ausdrücklich aus, die in Europa studiert und dort bereits großen Nutzen gezogen hatten. Ihnen traut er eine bedeutende Zukunft zu. Der Sultan, so schließt Moltke, habe das Glück gehabt, diese Saat auszustreuen. Die Früchte jedoch konnte Mahmud II. nicht mehr ernten. Er starb 1839, und es dauerte noch rund acht Jahrzehnte, bis aus seinen Anfängen die moderne Türkische Republik erwuchs, die 1923 ausgerufen wurde.

## Die Saat und die Ernte: Von Mahmud II. zur modernen Türkei

Am Ende bleibt ein Satz, der hängen bleibt. Helmuth von Moltke, der preußische Offizier, der zwischen 1836 und 1839 als Berater und Ausbilder der osmanischen Armee unter Sultan Mahmud II. diente, schreibt über den Herrscher: Dieser habe das Glück gehabt, die Saat auszustreuen, doch die Früchte habe er nicht mehr ernten können. Es ist eine dieser Bemerkungen, die im ersten Moment nüchtern klingen und im zweiten eine ganze Epoche aufspannen.

Moltke hatte den Sultan aus nächster Nähe erlebt. In seinen Briefen an Familie und Freunde, die später als *Moltkes Türkische Briefe* gesammelt erschienen, zeichnet er das Bild eines Mannes, der begriffen hatte, dass das Reich mit den alten Strukturen nicht mehr zu regieren war. Mahmud II. regierte von 1808 bis 1839, also rund 31 Jahre. In dieser Zeit räumte er auf, was dem Neuanfang im Weg stand, und sammelte alle Macht in seiner Hand. Moltke beschreibt es so: Erst musste die Baustelle geräumt werden, bevor das neue Gebäude entstehen konnte. Den ersten Teil dieser Aufgabe habe der Sultan mit Klugheit und Standhaftigkeit bewältigt. Am zweiten Teil sei er zerbrochen.

Sein Tod im Jahr 1839 markiert genau diese Bruchstelle. Die Reformen waren angestoßen, aber längst nicht vollendet. Und doch: Rund 84 Jahre später, im Jahr 1923, wurde die Republik Türkei ausgerufen. Aus den Reformansätzen, die Mahmud II. gesät hatte, war eine moderne Nation geworden. Der Überlieferung nach sah der Sultan selbst diesen Tag nie. Er starb, bevor die Saat aufging.

Moltkes Vermächtnis-These in einem Satz: Mahmud II. hatte den Mut zum Anfang, aber nicht die Zeit für das Ergebnis. Die Ernte fiel einer Generation zu, die er nicht mehr erlebte.

Was bleibt, ist eine stille Pointe der Geschichte. Ein deutscher Offizier, der eigentlich gekommen war, um Soldaten auszubilden, hinterließ am Ende ein Urteil über einen Sultan. Und dieses Urteil sollte sich als erstaunlich weitsichtig erweisen. Die Verbindung der beiden Männer ist damit mehr als eine Randnotiz der Militärgeschichte. Sie ist der Blick eines nüchternen Beobachters auf einen Herrscher, dessen Wirkung erst Jahrzehnte nach seinem Tod sichtbar wurde.


## Frequently asked questions

**Wer war Helmuth von Moltke im Osmanischen Reich?**

Helmuth von Moltke war ein deutscher Offizier, der zwischen 1836 und 1839 als Berater und Ausbilder der osmanischen Armee diente. In diesen Jahren verfasste er zahlreiche Briefe an Familie und Freunde, die später als Sammlung seiner Türkei-Briefe veröffentlicht wurden. Aus ihnen stammen die meisten Beobachtungen über Sultan Mahmud II.

**Was schrieb Helmuth von Moltke über Sultan Mahmud II.?**

Moltke beschrieb ihn als mutigen Reformer, der die Notwendigkeit der Veränderung klar erkannte und die alten Mächte beseitigte, aber am Aufbau scheiterte. Nach seinen Aufzeichnungen besaß der Sultan den Verstand, die unvermeidlichen Zwänge zu sehen, und den Mut, sie umzusetzen. Den ersten Teil seiner großen Aufgabe bewältigte er mit Klugheit und Standhaftigkeit, am zweiten Teil zerbrach er jedoch.

**Warum ließ Mahmud II. die Janitscharen vernichten?**

Nach Moltkes Einschätzung waren die Janitscharen die widerspenstige Macht, die gebrochen werden musste, um alle Kräfte in der Hand des Sultans zu sammeln. Vor dem Aufbau seines neuen Gebäudes musste der Sultan den Bauplatz räumen. Angeblich hatten Janitscharen mehrfach Sultane abgesetzt und getötet, bevor Mahmud II. sie 1826 auflöste.

**Wie bewertete Moltke das Bildungsniveau im Osmanischen Reich?**

Er beschrieb es als sehr niedrig, mit teils fehlerhaften Begriffen und pauschalen Urteilen. Ein des Lesens und Schreibens kundiger Türke wurde nach seiner Darstellung damals als „Hafız“, also als Gelehrter, bezeichnet, wobei der Begriff eigentlich jemanden meint, der den gesamten Koran auswendig gelernt hat. Moltke bemerkte, dass manche ihre Ausbildung mit dem Auswendiglernen der ersten und letzten Sure abschlossen und kaum die vier Grundrechenarten beherrschten.

**Warum scheiterten die Reformen von Mahmud II.?**

Moltke zufolge fehlten fähige Unterstützer. Der Sultan fand im eigenen Volk kaum aufgeklärte Menschen, die er für seine Erneuerungsbewegung hätte gewinnen können. Damit zeigte sich, wie viel leichter es ist, die Mängel eines Staatsgebäudes zu erkennen, als sie zu beheben. Das Bauen erwies sich als schwieriger denn das Zerstören.

**Hat Mahmud II. die moderne Türkei vorbereitet?**

Seine Reformansätze lassen sich als Saat deuten, aus der rund 80 Jahre später die Türkische Republik hervorging. Mahmud II. starb 1839, die Republik Türkei wurde 1923 ausgerufen. Moltke selbst formulierte es so, dass der Sultan diese Saat auszustreuen vermochte, ihre Früchte aber nicht mehr ernten konnte. Hinweis der Redaktion: Einzelne Angaben zu Moltkes Aufenthalt und zu den Reformen Mahmuds II. beruhen auf überlieferten Schilderungen und werden dort, wo sie nicht gesichert sind, ausdrücklich als unsicher gekennzeichnet.

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