# Kuvay-i Milliye: Widerstand nach Mudros 1918

*Geschichte & Krieg · Kerem Aydın · 2026-10-08*

## Key facts

- Der Waffenstillstand von Mudros wurde am 30. Oktober 1918 zwischen dem Osmanischen Reich und den Alliierten geschlossen und beendete die Kämpfe im Ersten Weltkrieg an dieser Front.
- Die Kuvay-i Milliye entstanden ab Ende 1918 als örtliche Milizen, die sich gegen die Besetzung anatolischer Gebiete durch alliierte Truppen richteten, vor allem gegen die griechische Besetzung in Westanatolien.
- Mustafa Kemal landete im Mai 1919 in Samsun und organisierte den Widerstand ab dem Kongress von Erzurum im Juli 1919 zunehmend zentral.
- Die türkische Nationalversammlung trat am 23. April 1920 in Ankara zusammen und erklärte sich zur rechtmäßigen Vertretung des Landes.
- Nach dem militärischen Sieg im Befreiungskrieg wurde am 29. Oktober 1923 die Republik Türkei ausgerufen.

Das Wichtigste in Kürze

Nach dem Waffenstillstand von Mudros am 30. Oktober 1918 begannen sich in Anatolien lokale Widerstandsgruppen zu formen, die man als Kuvay-i Milliye bezeichnet. Sie entstanden zunächst spontan in einzelnen Regionen, bevor Mustafa Kemal sie ab 1919 zunehmend bündelte. Aus diesem Widerstand ging 1923 die Republik Türkei hervor. Viele Einzelheiten der frühen Phase gelten in der Forschung als umstritten.

## Ein Vergleich, der Fragen aufwirft

Es gibt Sätze, die halten sich hartnäckig, auch wenn niemand so recht sagen kann, woher sie stammen. So erging es in jüngerer Zeit einem politischen Vergleich, in dem die **Kuvay-i Milliye** plötzlich wieder in aller Munde war. Ob Recep Tayyip Erdoğan sich und seine Anhänger tatsächlich mit der Hamas gleichgesetzt hat, lässt sich nicht verlässlich belegen. Eine eindeutig dokumentierte Aussage, in der er sich selbst oder seine Anhänger ausdrücklich mit dieser Organisation auf eine Stufe stellt, ist nicht auffindbar. Was sich belegen lässt, ist etwas anderes: Erdoğan hat die Hamas wiederholt politisch verteidigt. Eine solche Verteidigung ist jedoch nicht dasselbe wie eine Selbstgleichsetzung.

Und genau an dieser Stelle wird es spannend. Denn während über die genaue Formulierung gestritten wird, gerät eine ganz andere Frage in den Hintergrund: Was war die Kuvay-i Milliye eigentlich? Wer waren die Menschen, die sich unter diesem Namen zusammenfanden? Warum entstand diese Bewegung, und weshalb ist ihr Name bis heute so aufgeladen, dass er in politischen Debatten immer wieder auftaucht?

Wer sich mit der Geschichte der Türkei beschäftigt, stößt schnell auf diesen Begriff. Die Kuvay-i Milliye, zu Deutsch etwa "nationale Kräfte", war der Sammelname für jene Widerstandsgruppen, die sich nach der Niederlage des Osmanischen Reiches im Ersten Weltkrieg in verschiedenen Regionen Anatoliens bildeten. Aus einer Zeit des Zusammenbruchs, der Besatzung und der Unsicherheit erwuchs eine Bewegung, die den weiteren Verlauf einer ganzen Region prägen sollte.

Doch wie konnte es überhaupt so weit kommen? Welche Ereignisse führten dazu, dass sich einfache Menschen bewaffneten und ihr Land verteidigten? Und welche Rolle spielte dabei eine Person, deren Name untrennbar mit dieser Geschichte verbunden ist?

Im Folgenden lohnt es sich, einen genaueren Blick auf diese Bewegung zu werfen. Nicht auf den politischen Vergleich von heute, sondern auf die historische Kuvay-i Milliye: ihre Entstehung, ihre Kämpfe und ihr Vermächtnis. Denn wer verstehen will, warum ihr Name noch immer für Debatten sorgt, muss dort anfangen, wo alles begann.

## Was war die Kuvay-i Milliye?

Stellen Sie sich ein Land vor, dessen Armee entwaffnet am Boden liegt, dessen Hauptstadt von fremden Truppen kontrolliert wird und dessen Menschen von Dorf zu Dorf selbst entscheiden müssen, wie sie sich gegen eine drohende Besatzung wehren. Genau in dieser Lage entstand die **Kuvay-i Milliye**. Der Begriff bezeichnet die Gesamtheit jener dezentralen, lokal organisierten Widerstandsgruppen, die sich in Anatolien formierten, nachdem das Osmanische Reich den Ersten Weltkrieg verloren hatte. Es war keine Armee im klassischen Sinn, sondern ein Zusammenschluss von Menschen, die ihre eigene Heimat verteidigen wollten.

Den Ausgangspunkt bildete der Waffenstillstand von Mudros vom 30. Oktober 1918. Seine Bedingungen waren hart: Die osmanische Armee musste demobilisiert werden, ihre Waffen wurden beschlagnahmt, das Land lag praktisch schutzlos da. Die Alliierten nutzten diese Schwäche und begannen, strategisch wichtige Gebiete Anatoliens zu besetzen, darunter Istanbul und 1919 die Hafenstadt Izmir. Die Regierung in Istanbul konnte darauf kaum eine Antwort geben. Die Menschen vor Ort aber schon.

So wuchs aus der Not heraus eine Selbstverteidigung von unten. Bauern, Handwerker, ehemalige Soldaten und örtliche Notabeln griffen zu den Waffen, die ihnen geblieben waren. Anfangs war die Kuvay-i Milliye lose und ungeordnet, ohne einheitliche Führung, ohne festen Plan. Jede Region handelte zunächst für sich. Genau diese Zersplitterung machte sie schwer greifbar, aber auch schwer steuerbar.

Die Kuvay-i Milliye war der bewaffnete Ausdruck eines einfachen Gedankens: Wenn der Staat seine Bürger nicht mehr schützen kann, schützen sich die Bürger selbst.

Mit der Zeit wuchs aus vielen kleinen Gruppen eine größere Bewegung. Vor allem in Westanatolien, wo der Widerstand gegen die griechische Besetzung am heftigsten war, spielten diese Einheiten eine entscheidende Rolle. Sie hielten Stellungen, banden Kräfte und hielten den Widerstandswillen wach, bis eine reguläre Armee aufgebaut werden konnte.

Was die Kuvay-i Milliye langfristig zusammenhielt, war ihre Verbindung zu Mustafa Kemal Atatürk. Als er am 19. Mai 1919 in Samsun an Land ging, gilt dies in der türkischen Geschichtsschreibung als Auslöser des nationalen Befreiungskampfes. Auf den Kongressen von Erzurum im Sommer 1919 und von Sivas im September desselben Jahres wurden die Grundsätze des Kampfes formuliert und die Legitimität der Widerstandsbewegung abgesichert. Aus verstreuten Milizen wurde so eine politisch getragene Sache.

Der entscheidende institutionelle Schritt folgte am 23. April 1920 mit der Eröffnung der Großen Nationalversammlung der Türkei in Ankara. Sie unterstützte die Kuvay-i Milliye und stellte sich hinter sie. Auf der anderen Seite stand die Regierung von Damat Ferit Pascha, die unter dem Druck der Alliierten harte Maßnahmen gegen die Widerstandsgruppen ergriff. Diese Politik rief jedoch Widerstand in der Bevölkerung hervor und trieb der Bewegung eher neue Anhänger zu.

Am Ende war die Kuvay-i Milliye mehr als eine Sammlung von Milizen. Sie legte den organisatorischen und politischen Grundstein für den Befreiungskrieg, aus dem 1923 die Republik Türkei hervorging. Ihr eigentliches Vermächtnis ist die Erinnerung daran, dass eine Bevölkerung, die sich selbst organisiert, aus einer scheinbar hoffnungslosen Lage heraus etwas Neues aufbauen kann.

### Der Waffenstillstand von Mudros: Der Funke im Pulverfass

Stellen Sie sich das Jahr 1918 vor. Der Erste Weltkrieg neigt sich dem Ende zu, und das Osmanische Reich gehört zu den Verlierern. Am 30. Oktober 1918 wird auf der griechischen Insel Mudros ein Waffenstillstand unterzeichnet. Was zunächst wie ein Ende der Kämpfe klingt, entpuppt sich als Beginn einer neuen, stillen Besatzung. Die Bedingungen sind hart, und sie treffen ein Land, das bereits am Boden liegt.

Die osmanische Armee muss demobilisiert werden. Das bedeutet konkret: Die Soldaten werden nach Hause geschickt, und ihre Waffen werden beschlagnahmt. Ein Reich, das über Jahrhunderte weite Teile Südosteuropas, Nordafrikas und des Nahen Ostens beherrscht hat, steht nun wehrlos da. Die alliierten Mächte nutzen diese Schwäche sofort aus.

Nach und nach besetzen sie strategisch wichtige Gebiete in Anatolien. Zunächst sind es Häfen und Eisenbahnknotenpunkte, dann ganze Regionen. Im November 1918 marschieren alliierte Truppen in Istanbul ein. Im Mai 1919 folgt die Besetzung von Izmir durch griechische Verbände. Auch der Süden und der Westen Anatoliens geraten unter fremde Kontrolle. Für die Menschen vor Ort ist das ein Schock. Die Regierung in Istanbul wirkt ohnmächtig, und das Vertrauen in sie schwindet von Tag zu Tag.

In dieser angespannten Lage entsteht etwas, das niemand von oben angeordnet hat. In verschiedenen Regionen Anatoliens beginnen Menschen, sich selbst zu organisieren. Sie gründen lokale Widerstandsgruppen, zunächst ohne feste Struktur, ohne zentrale Führung. Aus diesen verstreuten Initiativen wächst allmählich die **Kuvay-i Milliye** heran, die nationale Widerstandsbewegung.

Was diese Gruppen eint, ist der Wille, sich gegen die Besatzung zu wehren. Die Not der Bevölkerung, die Willkür der Besatzer und die Untätigkeit der eigenen Regierung treiben die Menschen zusammen. Aus Nachbarn werden Mitstreiter, aus Dörfern werden Stützpunkte. Die **Kuvay-i Milliye** ist zu diesem Zeitpunkt noch kein schlagkräftiges Heer, sondern ein Netzwerk aus entschlossenen Menschen, die ihre Heimat nicht kampflos aufgeben wollen.

So wird der Waffenstillstand von Mudros zum Funken in einem Pulverfass. Was als Kapitulation gedacht war, wird zum Auslöser einer Bewegung, die das Gesicht einer ganzen Region verändern sollte.

### Von der Not zur Organisation: Die Entstehung der Milizen

Am Anfang stand kein Plan, sondern der pure Überlebenswille. Als der Waffenstillstand von Mudros am 30. Oktober 1918 unterzeichnet wurde, war das Osmanische Reich militärisch am Ende. Die Bedingungen waren hart: Die Armee musste demobilisiert, ihre Waffen mussten abgegeben werden. Das Land lag wehrlos da. Genau in dieser Lücke begann etwas, das niemand von oben verordnet hatte.

Denn die Alliierten zögerten nicht. Nach dem Waffenstillstand rückten sie nach und nach in strategisch wichtige Gebiete Anatoliens vor, besetzten Istanbul, im Jahr 1919 auch Izmir, dazu Teile des Südens und des Westens. Die osmanische Regierung in der Hauptstadt konnte oder wollte nichts entgegensetzen. Und so geschah, was in solchen Momenten oft geschieht: Die Menschen vor Ort nahmen die Sache selbst in die Hand.

So entstand die **Kuvay-i Milliye**, wörtlich die "nationalen Kräfte". Der Überlieferung nach formierten sich diese Gruppen ab 1918 und 1919 in ganz unterschiedlichen Regionen Anatoliens, zunächst ohne Zentrale, ohne einheitliche Führung, ohne gemeinsamen Befehl. Lokale Notabeln, ehemalige Offiziere, einfache Bauern und Handwerker organisierten aus eigener Initiative den Widerstand gegen die Besatzung. Man könnte sagen: ein Flickenteppich des Widerstands, entstanden aus der Not heraus.

Diese anfängliche Struktur war alles andere als geordnet. Die einzelnen Verbände handelten dezentral, oft unabhängig voneinander, jeder in seiner eigenen Gegend, jeder mit den Mitteln, die gerade verfügbar waren. Es gab keine einheitliche Strategie, keine gemeinsame Versorgung, keine zentrale Koordination. Und doch lag genau darin eine stille Stärke: Der Widerstand war überall zugleich, er ließ sich nicht mit einem Schlag zerschlagen.

Besonders in Westanatolien zeigte sich, wie viel diese Milizen leisten konnten. Als die griechische Besetzung vorrückte, waren es diese örtlichen Gruppen, die sich den Eindringlingen entgegenstellten, lange bevor eine reguläre Armee überhaupt existierte. Sie kannten das Gelände, sie kannten die Menschen, sie kämpften für ihre eigenen Dörfer und Städte. In dieser Phase spielte die Kuvay-i Milliye eine entscheidende Rolle im Widerstand gegen die griechische Besetzung in Westanatolien.

Mit der Zeit wuchsen die verstreuten Gruppen zusammen. Aus dem improvisierten Nebeneinander wurde Schritt für Schritt eine organisierte Bewegung, die schließlich in den Befreiungskrieg mündete und den Grundstein für die Gründung der Republik Türkei legte. Doch der eigentliche Beginn war bescheidener und zugleich bemerkenswerter: Er lag bei den Menschen, die nicht auf einen Befehl warteten, sondern selbst anfingen.

## Atatürk und der Weg zur Republik

Am 19. Mai 1919 betrat Mustafa Kemal Atatürk in Samsun anatolischen Boden. Dieser Tag gilt in der türkischen Geschichtsschreibung als der eigentliche Auslöser des nationalen Befreiungskampfes. Was als Fahrt eines osmanischen Offiziers an die Schwarzmeerküste begann, wurde zum Anfang einer Bewegung, die sechs Jahre später in der Gründung der Republik Türkei münden sollte. Die **Kuvay-i Milliye**, jene anfangs lose verbundenen Widerstandsgruppen, bekamen in ihm ihren Führer.

Atatürk brachte die verstreuten Kräfte zusammen. Auf dem Kongress von Erzurum im Juli und August 1919 sowie auf dem Kongress von Sivas im September desselben Jahres wurden die Grundsätze des Kampfes festgelegt. Hier gewann die **Kuvay-i Milliye** jene Legitimität, die ihr bis dahin fehlte. Aus örtlichem Widerstand wurde eine gemeinsame Sache.

Der entscheidende Schritt folgte am 23. April 1920: In Ankara wurde die Große Nationalversammlung der Türkei eröffnet. Sie unterstützte die **Kuvay-i Milliye** und stellte sich hinter sie. Damit stand der Widerstand nicht mehr allein auf den Schultern einzelner lokaler Anführer, sondern auf einer Versammlung, die für sich beanspruchte, das Volk zu vertreten.

Das osmanische Gegenüber in Istanbul sah das anders. Die Regierung von Damat Ferit Pascha erklärte den Widerstand für unrechtmäßig und ging unter dem Druck der Alliierten mit harten Mitteln gegen die **Kuvay-i Milliye** vor. Der Erfolg blieb aus. Je schärfer die Maßnahmen, desto stärker wurde die Bewegung, weil die Bevölkerung sie nun erst recht als ihre eigene Sache begriff.

Getragen wurde dieser Kampf vor allem im Westen Anatoliens, wo der Widerstand gegen die griechische Besetzung einen entscheidenden Beitrag zum Ausgang des Befreiungskrieges leistete. Bis eine reguläre Armee aufgebaut war, bildeten die **Kuvay-i Milliye** eine wichtige Kraft gegen die Besatzer. Aus diesem Widerstand, aus den Kongressen und aus der Versammlung in Ankara erwuchs schließlich die Republik Türkei, die 1923 gegründet wurde.

So steht die **Kuvay-i Milliye** am Anfang einer Kette, die von Samsun über Erzurum und Sivas bis nach Ankara führt. Ohne diesen ersten, ungeordneten und doch entschlossenen Aufbruch hätte es den Weg in die Republik nicht gegeben.

Hinweis der Redaktion: Nicht abschließend gesicherte Angaben, insbesondere zu Umfang, Zeitpunkt und Trägerschicht der frühen Widerstandsgruppen, sind im Text ausdrücklich als unsicher gekennzeichnet.


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