# Im Kreis gehen: Die Studie aus Tübingen erklärt das Phänomen

*Wissenschaft & Technik · Ayşe Demir-Müller · 2026-09-05*

## Key facts

- Die Tübinger Studie zeigte, dass Probanden mit verbundenen Augen an einem bewölkten Tag nicht geradeaus laufen konnten, obwohl sie es subjektiv versuchten.
- Die Kreisbewegung entsteht durch minimale Abweichungen in der Richtungswahrnehmung, die das Gehirn nicht korrigieren kann, wenn keine visuellen Referenzpunkte vorhanden sind.
- Die Forscher beobachteten das Phänomen in zwei sehr unterschiedlichen realen Umgebungen, dem Bienwald und der tunesischen Sahara, wobei die Ergebnisse in beiden Settings konsistent waren.
- Die Studie legt nahe, dass die Ursache nicht allein in einer Beinlängendifferenz liegt, sondern in der neuronalen Verarbeitung von Gleichgewicht und Bewegung.

Das Wichtigste in Kürze

Forscher des Max-Planck-Instituts Tübingen haben in Experimenten mit Probanden nachgewiesen, dass Menschen ohne visuelle Orientierung im Kreis gehen, weil das Gehirn bei der Wahrnehmung von Richtungsänderungen systematische kleine Fehler macht. Diese Fehler summieren sich zu einer kreisförmigen Bewegung, obwohl die Person glaubt, geradeaus zu laufen. Die Ursache liegt in der Verarbeitung von Gleichgewichtssinn und Bewegungssignalen, nicht allein in den Beinen.

## Warum Menschen im Kreis gehen, wenn sie sich verlaufen

Kennen Sie diese Filmszene: Eine Gruppe von Wanderern verirrt sich im Wald oder in der Wüste, läuft stundenlang und stellt schließlich fest, dass sie wieder am Ausgangspunkt angekommen ist. Was wie eine dramaturgische Zuspitzung für das Kino wirkt, ist in Wirklichkeit ein gut dokumentiertes Phänomen. Wenn Menschen keine visuellen Anhaltspunkte haben, laufen sie tatsächlich im Kreis, ohne es zu bemerken.

Sie können diesen Effekt selbst ausprobieren: Schließen Sie die Augen und versuchen Sie, geradeaus zu gehen. Die ersten Schritte gelingen noch, doch je länger die Strecke wird, desto mehr weichen Sie nach rechts oder links ab. Was im Wohnzimmer nach wenigen Metern passiert, zeigt sich in der Natur in größerem Maßstab. Bei dichtem Nebel, Schneesturm oder in stockdunkler Nacht verlieren Menschen ihr Gefühl für die gerade Richtung und beschreiben weite Bögen, die sie manchmal sogar zum eigenen Ausgangspunkt zurückführen.

Die zentrale Frage lautet: Warum fällt es uns so schwer, ohne festen Bezugspunkt eine gerade Linie zu halten? Die Antwort darauf ist komplexer, als man vermuten würde, und sie hat mit der Art zu tun, wie unser Gehirn Bewegung steuert.

## Die alte Theorie vom starken Bein

Lange Zeit galt eine einfache Erklärung als gesichert: Der menschliche Körper ist nicht perfekt symmetrisch. Eines Ihrer Beine ist etwas kräftiger oder minimal länger als das andere. Diese kleine Differenz, so die Überlegung, führt dazu, dass Sie bei jedem Schritt ein winziges Stück in dieselbe Richtung abdriften. Über Hunderte oder Tausende von Schritten summieren sich diese Mini-Abweichungen zu einer immer deutlicheren Kurve, bis Ihre Route schließlich einen weiten Bogen beschreibt und Sie am Ende dort ankommen, wo Sie gestartet sind.

Auf den ersten Blick klingt diese Erklärung verblüffend plausibel. Sie hat jedoch einen entscheidenden Haken: Menschen weichen keineswegs immer in dieselbe Richtung ab. Mal zieht es den einen nach rechts, den anderen nach links, und selbst dieselbe Person kann an verschiedenen Tagen in unterschiedliche Richtungen driften. Wenn ausschließlich die Beinlänge oder Muskelkraft den Ausschlag geben würde, müsste die Abweichung bei ein und derselben Person konstant bleiben. Das ist aber nicht der Fall.

Diese Beobachtung stellte die jahrzehntelang akzeptierte Theorie infrage. Forscherinnen und Forscher des Max-Planck-Instituts für biologische Kybernetik in Tübingen nahmen sich der Sache nach Angaben der Forschungsgruppe im Jahr 2009 systematisch an. Sie baten Freiwillige, in zwei sehr unterschiedlichen Umgebungen zu wandern: in der abgelegenen Wüste Sahara im Süden Tunesiens und im dichten, ebenen Bienwald in Südwestdeutschland. Per GPS zeichneten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die zurückgelegten Routen auf.

Das Ergebnis war bemerkenswert. Solange die Teilnehmenden die Sonne oder den Mond sehen konnten, hielten sie erstaunlich gut ihre Richtung. Sobald jedoch Wolken den Himmel bedeckten oder verlässliche Orientierungspunkte fehlten, begannen sich ihre Wege zu krümmen. Manche Probanden kreuzten sogar mehrmals ihre eigene Spur, ohne es zu bemerken. Entscheidend war: Die Abweichung folgte keinem festen Muster. Wer blind durch die Gegend lief, konnte nicht vorhersagen, ob er nach links oder rechts abdriften würde. Damit war die Theorie vom starken oder langen Bein als alleinige Ursache widerlegt. Die körperliche Asymmetrie mag eine Rolle spielen, doch sie erklärt nicht das ganze Phänomen.

## Das Experiment in der Sahara und im Bienwald

Die Frage, warum Menschen im Kreis gehen, beschäftigte auch Forschende des Max-Planck-Instituts für biologische Kybernetik in Tübingen. Sie untersuchten das Phänomen in einem ungewöhnlichen Feldexperiment, das nach Angaben der Forschungsgruppe im Jahr 2009 stattfand. Die genaue Datierung ist in der wissenschaftlichen Literatur nicht eindeutig belegt, doch die Ergebnisse sind bemerkenswert.

Die Wissenschaftler baten Freiwillige, in zwei extrem unterschiedlichen Umgebungen zu wandern: in der abgelegenen Wüste Sahara im Süden Tunesiens und im dichten, flachen Bienwald in Südwestdeutschland. Während der gesamten Wanderung zeichneten GPS-Geräte die zurückgelegten Routen auf. So konnten die Forschenden jeden noch so kleinen Richtungswechsel präzise nachvollziehen.

Die Resultate zeigten ein klares Muster. Solange die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Sonne oder den Mond am Himmel sehen konnten, hielten sie erstaunlich zuverlässig ihre Richtung. Sobald jedoch Wolken die Himmelskörper verdeckten oder die Umgebung keine verlässlichen Orientierungspunkte bot, begannen sich ihre Wege allmählich zu krümmen. Einige Versuchspersonen kreuzten dabei mehrfach ihre eigene Spur, ohne es überhaupt zu bemerken.

Besonders aufschlussreich war die Situation mit verbundenen Augen. Bei diesen Teilnehmenden setzte die Abweichung deutlich früher ein. Berichten zufolge zeichneten einige von ihnen Kreise mit einem Durchmesser von weniger als zwanzig Metern, wobei die Größe der Kreise stark variierte und nicht bei allen Probanden so gering ausfiel. Auffällig war zudem: Dieselbe Person bog nicht jedes Mal in dieselbe Richtung ab. Mal ging es nach links, mal nach rechts.

Genau dieses Detail widerlegte eine jahrzehntelang verbreitete Theorie. Viele Forschende hatten zuvor angenommen, dass ein leicht längeres oder kräftigeres Bein die Ursache für das Kreiswandern sei. Wäre das der Fall, müsste jeder Mensch konsequent in dieselbe Richtung abdriften. Die Beobachtungen aus dem Experiment zeigten jedoch, dass die Abweichungen unregelmäßig und wechselhaft auftraten. Die körperliche Erklärung war damit nicht länger haltbar.

## Warum das Gehirn die Gerade neu erfindet

Geradeaus zu gehen ist weit mehr als nur das mechanische Vorwärtsbewegen der Beine. Es ist eine hochkomplexe Navigationsleistung, bei der Ihr Gehirn permanent Informationen aus drei verschiedenen Quellen abgleicht: Ihre Augen erfassen feste Punkte in der Umgebung, Ihr Innenohr meldet Gleichgewicht und Kopfbewegung, und Signale aus Muskeln und Gelenken geben Aufschluss über die Position Ihres Körpers im Raum.

Sobald Sie einen Baum, ein Gebäude oder die Sonne fixieren können, registriert Ihr Gehirn selbst kleinste Richtungsabweichungen und korrigiert Ihre Schritte unbemerkt. Doch was passiert, wenn diese visuellen Anker wegfallen? In dichtem Nebel, bei Dunkelheit oder in der offenen Wüste bleibt Ihrem Gehirn nur die Orientierung über Innenohr und Muskelgefühl. Diese Systeme arbeiten zwar bemerkenswert präzise, sind aber nicht fehlerfrei.

Bei jedem einzelnen Schritt entstehen winzige, zufällige Fehler in Ihrer Richtungswahrnehmung. Normalerweise gleichen Ihre Augen diese Abweichungen sofort aus. Fehlt dieser visuelle Korrekturmechanismus, summieren sich die kleinen Ungenauigkeiten mit der Zeit. Der entscheidende Punkt ist dabei ein psychologischer: Wer tatsächlich schon einige Grad nach links oder rechts abgedriftet ist, merkt das oft gar nicht. Ihr Gehirn akzeptiert die falsche Richtung schlicht als die neue "Geradeaus"-Position. Jeder weitere Schritt baut auf dieser verfälschten Wahrnehmung auf, und der Weg wird zunehmend kurvenreich.

Dies erklärt auch, warum die Forschungsgruppe des Max-Planck-Instituts für biologische Kybernetik in Tübingen bei ihrer Studie aus dem Jahr 2009 in der tunesischen Sahara und im Bienwald in Südwestdeutschland feststellte, dass die Probanden keine sauberen geometrischen Kreise liefen. Ihre Spuren waren unregelmäßig, verschlungen und kreuzten sich immer wieder, ohne dass die Teilnehmer es bemerkten. Das Phänomen des Kreisgehens ist also kein Zeichen eines einzelnen körperlichen Defekts. Es entsteht aus der Summe kleiner Unsicherheiten in Ihrem inneren Navigationssystem, das ohne äußere Bezugspunkte schlichtweg seine eigene Vorstellung von Geradeaus konstruiert.

Hinweis der Redaktion: Einzelne Aspekte der Studie, die noch nicht durch unabhängige Folgeuntersuchungen bestätigt wurden, sind im Text entsprechend als vorläufige Erkenntnisse gekennzeichnet.


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