# Homosexualität im Mittelalter: Sodomie und die Kirche

*Geschichte & Krieg · Kerem Aydın · 2026-09-29*

## Key facts

- Der Begriff "Sodomie" war im Mittelalter weit gefasst und meinte jede Sexualität ohne Zeugungsabsicht, nicht nur gleichgeschlechtliche Handlungen.
- In der Antike und in frühen christlichen Gemeinden wurde gleichgeschlechtliches Verhalten unterschiedlich beurteilt, teils geduldet, teils verurteilt.
- Die Gregorianische Reform des 11. Jahrhunderts trieb die Vereinheitlichung kirchlicher Sexualvorschriften voran.
- Petrus Damiani verfasste im 11. Jahrhundert mit dem "Liber Gomorrhianus" eine scharfe Anklage gegen sexuelle Vergehen unter Geistlichen.
- Das Dritte Laterankonzil von 1179 verhängte über nachgewiesene Sodomie den Kirchenbann.

Das Wichtigste in Kürze

Als Sodomie bezeichnete die mittelalterliche Kirche eine Reihe sexueller Handlungen, die nicht der Zeugung dienten, darunter auch gleichgeschlechtliche Akte. Ab dem 11. Jahrhundert verschärften Reformbewegungen und Kirchenversammlungen den Umgang damit. Das Dritte Laterankonzil von 1179 ordnete für solche Vergehen den Kirchenbann an. Über weltliche Gerichte konnte daraus im Spätmittelalter die Todesstrafe folgen, doch die tatsächliche Verfolgung verlief regional sehr unterschiedlich.

## Homosexualität im Mittelalter: Sodomie und die Kirche

Wenn Sie sich das mittelalterliche Europa vorstellen, denken Sie vielleicht zuerst an Ritter, Kathedralen und Minnesang. Doch wie sprachen die Menschen damals über das, was wir heute Homosexualität nennen? Die Antwort ist überraschend: Sie taten es gar nicht mit diesem Wort. Der Begriff „homosexuell" ist eine moderne Prägung, ebenso wie „schwul". Wer im Mittelalter über gleichgeschlechtliche Sexualität sprach, griff zu einem ganz anderen Wort: **Sodomie**. Und dieses Wort war deutlich weiter gefasst, als Sie vermutlich annehmen.

Der Historiker Mark D. Jordan hat in seiner Studie „The Invention of Sodomy in Christian Theology" gezeigt, wie dieses Konzept entstand und sich auflud. Denn Sodomie meinte nicht nur eine einzige Sache. Die mittelalterliche Theologie und Kanonistik unterschied gleich drei Bedeutungen, wie James A. Brundage in seinem Standardwerk „Law, Sex, and Christian Society in Medieval Europe" darlegt:

| Bezeichnung | Bedeutung |
|---|---|
| ratione generis | Geschlechtsverkehr mit Tieren |
| ratione sexus | gleichgeschlechtlicher Verkehr |
| ratione modus | nicht reproduktiver Verkehr zwischen Mann und Frau |

Bemerkenswert ist dabei, wie weit dieses eine Wort reichte. Es umspannte den Verkehr mit Tieren, den Verkehr zwischen zwei Männern und jede Form von Sex, die nicht der Fortpflanzung diente, also auch Oral- und Analverkehr sowie Masturbation. Der dominierende Sinn aber, das sollten Sie im Hinterkopf behalten, war der gleichgeschlechtliche.

### Von Rom bis zu Augustinus: Der Ursprung des Verbots

Schon in der Spätantike galt Sodomie als Vergehen. Kaiser Justinian I. erließ im 6. Jahrhundert Gesetze gegen die Sodomie, die in den Novellen 77 und 141 überliefert sind. Für Kaiser Konstantin wird eine solche Sodomiegesetzgebung mit Todesstrafe dagegen häufig behauptet, lässt sich aber nicht sicher nachweisen. Auch Theodosius soll entsprechende Regelungen getroffen haben, doch ist dies quellenmäßig nicht gesichert. Die treibende Kraft hinter alldem war das Christentum.

Nehmen Sie Augustinus von Hippo, einen der einflussreichsten Kirchenväter. Er verurteilte jede sexuelle Aktivität, die nicht der Fortpflanzung diente. Doch, und das ist der entscheidende Punkt: Er gewichtete homosexuelle Akte nicht systematisch schärfer als andere Verstöße gegen dieses Prinzip. In seinen „Confessiones" und in „De bono coniugali" findet sich diese Haltung. Ein Mann, der mit einem anderen Mann schlief, erregte bei ihm offenbar nicht mehr Abscheu als ein Paar, das Oralverkehr praktizierte. Die frühmittelalterliche Kirche im Westen, also etwa zwischen den Jahren 500 und 1000, folgte im Wesentlichen dieser augustinischen Linie und der anderer Kirchenväter, die kaum anders dachten.

### Bußbücher: Sünden mit Tarif

Als Kelten und Germanen zum Christentum übertraten, war die Kirche noch nicht straff zentralisiert. Im 6. Jahrhundert entstanden deshalb die sogenannten Bußbücher, auf Latein „libri poenitentiales". Das waren Handbücher für Priester. Sie legten fest, welche Buße ein Gläubiger für welche Sünde zu leisten hatte. Die Sodomie kam darin praktisch immer vor.

Die überlieferten Bußzeiten schwanken stark; in manchen Quellen reichen sie von sieben bis zwanzig Jahren, doch sind diese Zahlen nicht einheitlich belegbar. Für Oralverkehr waren es laut diesen Quellen drei bis sieben Jahre, für Analverkehr drei bis fünfzehn Jahre, für Verkehr ohne Penetration ein bis drei Jahre und für Masturbation dreißig Tage bis zu zwei Jahren. Sie sollten diese Angaben daher als ungefähre Größenordnungen verstehen, nicht als feste Tarife.

Von einer flächendeckenden Verfolgung konnte damals noch keine Rede sein. Dennoch begann man, die gleichgeschlechtliche Sodomie ernster zu nehmen als die übrigen Formen. Der Grund dafür lag vermutlich in der Struktur der kirchlichen Institutionen selbst. Klöster und Klerus lebten in stark homosozialen Gemeinschaften, in denen Männer eng und dauerhaft zusammen waren.

### Die Benediktsregel und Karl der Große

Ein anschauliches Beispiel liefert die Benediktsregel, verfasst von Benedikt von Nursia, dem Begründer des Benediktinerordens. In Kapitel 22 schreibt sie vor, dass Mönche in getrennten Betten und bekleidet schlafen sollten. Die Lampen im Schlafsaal mussten ständig brennen, und die Betten der jüngeren Mönche durften nie nahe beieinanderstehen. Man wusste offenbar genau, wovor man sich schützte.

Auch Karl der Große, der fränkische Kaiser, erließ Vorschriften, die sich gegen Sodomie richteten, insbesondere unter Mönchen. In den Kapitularien der fränkischen Könige findet sich ein bemerkenswerter Wortlaut: Gerade aus dem, woraus für alle Christen die größte Hoffnung auf Erlösung erwachse, nämlich aus dem Lebenswandel und der Keuschheit der Priester, ergebe sich das Problem, dass einige Priester Sodomiten seien. Ein spezifisches, eindeutig belegbares Sodomieverbot lässt sich den Kapitularien allerdings nicht zweifelsfrei zuordnen.

Übrigens hielt sich der Klerus vor der gregorianischen Reform nicht sonderlich streng an die Keuschheit. Es gab verheiratete Priester, Priester mit Kindern, Priester mit Geliebten. Aus dem 9. Jahrhundert ist ein Gedicht eines Geistlichen aus Verona überliefert, der einem jungen Mann nachtrauert, den ein Rivale ihm weggenommen hat. Er ruft Venus an, preist die makellose Schönheit des Jünglings und klagt, dass er nun wie ein getroffener Hirsch um sein Junges trauere, während der andere triumphiere. Ein Zeugnis dafür, dass Zuneigung zwischen Männern damals durchaus besungen wurde.

### Petrus Damiani, Leo IX. und die Wende

Um das Jahr 1051 trat der Benediktinermönch Petrus Damiani mit scharfer Kritik hervor. In seinem „Liber Gomorrhianus" verurteilte er die Sodomie, besonders unter Priestern. Wer sie praktiziere, so seine drastische Sprache, reiße die Mauern des heiligen Jerusalem ein und lasse Sodom wiederauferstehen. Papst Leo IX. zeigte sich jedoch zurückhaltend. Er zögerte, gegen die Sodomie unter Priestern vorzugehen. Die genaue Motivlage ist quellenmäßig nicht eindeutig belegt, doch offenbar fürchtete er, die Kirche könne sich mit einer solchen Untersuchung selbst schaden.

Erst unter Papst Gregor VII. änderte sich die Lage grundlegend. Er leitete eine umfassende Reform der Kirche ein, die den Zölibat der Kleriker energisch durchsetzte und sich intensiver mit Fragen der Sexualität und der Ehe befasste. Priester sollten ihre Ehefrauen und Geliebten verlassen. Brundage beschreibt diese Kampagne als einen regelrechten moralischen Kreuzzug. Im Zentrum standen Sexualität und Keuschheit, und innerhalb der Sexualität besonders die gleichgeschlechtliche.

### Die Legende des Petrus Cantor

Dem Theologen Petrus Cantor wird im 12. Jahrhundert eine merkwürdige Erzählung zugeschrieben, die er in seinem „Verbum abbreviatum" festgehalten haben soll: Im Augenblick, in dem Maria Jesus zur Welt brachte, seien auf der ganzen Welt alle Sodomiten gestorben. Die genaue Zuschreibung und Verbreitung dieser Legende ist nicht durchgängig belegt, doch sie zeigt, in welche Richtung das Denken sich bewegte. Von da an verlagerte sich die Aufmerksamkeit deutlich auf die Homosexuellen selbst. In kirchlichen Rechtsquellen findet sich die Behauptung, Naturkatastrophen kämen stets ihretwegen über die Menschen. Wenn die Verbrechen der Homosexuellen ungestraft blieben, so hieß es, sende Gott all diese Heimsuchungen über die Menschheit.

### Das Dritte Laterankonzil von 1179

Dann kam der entscheidende Schritt. Im Jahr 1179 verbot die Kirche auf dem Dritten Laterankonzil erstmals ausdrücklich die Sodomie unter Klerikern. Canon 11 legte fest, dass schuldige Kleriker aus dem Klerus ausgestoßen oder dauerhaft in ein Kloster eingewiesen werden sollten. Laien, die dieses Vergehen begingen, sollten exkommuniziert werden. Aus einer Sünde, die man beichtete und büßte, wurde ein Verbrechen mit institutionellen Folgen.

Trotz aller Verfolgung wurde weiterhin Literatur mit homosexuellen Themen verfasst. James Brundage wies in den 1990er Jahren darauf hin, dass die Betroffenen möglicherweise eine geheime Sprache entwickelten, die nur Eingeweihte verstanden. Solche Texte seien schwer zu entschlüsseln und bedürften eingehender Forschung. Wie die Forschung heute dazu steht, ist eine andere Frage.

### Häresie, Ansteckung und die ersten Gesetze

Ab dem 13. Jahrhundert wurde Homosexualität mit Häresie verknüpft. Die Homosexuellen wurden mit den Bogomilen in Bulgarien gleichgesetzt, einer dualistischen Glaubensgemeinschaft, die damals auf der kirchlichen Agenda stand. Der Begriff „bulgarus" wurde zum Synonym für „sodomita". John Boswell hat diesen Zusammenhang in „Christianity, Social Tolerance, and Homosexuality" ausführlich dargestellt.

Die Kirche entwickelte nun Argumente, die Ihnen womöglich seltsam vertraut vorkommen. In manchen Quellen findet sich die Auffassung, Homosexualität sei ansteckend und stelle eine Bedrohung dar. Ihre Duldung könne, so die Sorge, zum Selbstmord der Menschheit führen. Diese Rhetorik von Ansteckung und Selbstvernichtung lässt sich allerdings nicht einheitlich belegen; theologische Autoren wie Thomas von Aquin verurteilten die Sodomie in seiner „Summa Theologiae" zwar scharf, doch die genaue Argumentationsfigur ist umstritten.

Was sich sicher sagen lässt: Ab dem späten 13. Jahrhundert wurden Gesetze gegen Homosexualität zur Norm. Sie fanden Eingang in das weltliche Recht und behielten dort bis zur Aufklärung Bestand. Eine Hinrichtung eines Homosexuellen im mittelalterlichen Westeuropa ist für das Jahr 1277 in Frankreich dokumentiert. Ob es tatsächlich die erste war, ist umstritten, denn die Quellenlage ist dünn. Selbst ohne Todesurteil traf die Betroffenen oft eine lebenslange Schande. Familien stießen sie aus, wirtschaftliche Boykotte waren möglich, und es kam zu Angriffen bis hin zu Tötungen. Die weltlichen Behörden fühlten sich nicht verpflichtet, die Täter zu verfolgen.

So spannt sich der Bogen von einer spätantiken Strafvorschrift über die Bußbücher des frühen Mittelalters bis zu einem Rechtssystem, das Homosexualität über Jahrhunderte verfolgte. Ein Blick zurück, der zeigt, wie sehr Begriffe und Urteile sich wandeln können.

Hinweis der Redaktion: Nicht in allen Punkten gesicherte Details werden im Text ausdrücklich als unsicher gekennzeichnet.


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