# Homo erectus: 1,5 Millionen Jahre und die Yarımburgaz-Höhle

*Wissenschaft & Technik · Ayşe Demir-Müller · 2026-10-12*

## Key facts

- Der Homo erectus gilt als erste Frühmenschenart, die Afrika verließ und weite Teile Asiens und Europas erreichte.
- Die Yarımburgaz-Höhle liegt am Stadtrand von Istanbul und zählt zu den bedeutenden altsteinzeitlichen Fundstätten der Region.
- Feuerkontrolle und der Bau von Faustkeilen gehören zu den wichtigsten kulturellen Errungenschaften dieser Art.
- Der Homo erectus wird als möglicher Vorfahre des Homo sapiens und anderer späterer Menschenformen diskutiert.
- Sein Aussterben wird unter anderem auf klimatische Veränderungen und die Konkurrenz durch andere Menschenarten zurückgeführt.

Das Wichtigste in Kürze

Der Homo erectus lebte vor etwa 1,9 Millionen bis rund 110.000 Jahren und gilt als besonders langlebige Frühmenschenart. Er nutzte Feuer, stellte Werkzeuge her und breitete sich von Afrika bis nach Asien und Europa aus. In der Yarımburgaz-Höhle bei Istanbul wurden Funde entdeckt, die als frühe Hinweise auf seine Anwesenheit in Europa gelten.

## Ein Vorfahre, der die Zeit überdauerte

Stellen Sie sich eine Menschenart vor, die länger auf dieser Erde weilte als jede andere, die wir kennen. Nicht Jahrzehntausende, nicht ein paar Hunderttausend Jahre, sondern mehr als anderthalb Millionen. Genau das gelang dem **Homo erectus**. Gemessen an der gesamten Geschichte unserer Gattung ist das eine schier unvorstellbare Zeitspanne.

Die ältesten anerkannten Funde werden auf etwa 1,8 bis 2,0 Millionen Jahre datiert. Damit trat der Homo erectus bereits in einer Welt auf, die mit der unseren kaum etwas gemein hatte. Der Paläoanthropologe Susan Antón beschrieb ihn im Jahr 2003 in der Fachzeitschrift *American Journal of Physical Anthropology* als die langlebigste bekannte Menschenart überhaupt. Über mehr als 1,5 Millionen Jahre hinweg hielt sich diese Spezies, während um sie herum ganze Landschaften entstanden und wieder verschwanden.

Und genau das ist der eigentliche Kern dieser Geschichte. Der Homo erectus erlebte nicht eine einzige Eiszeit, sondern mehrere Kalt- und Warmphasen des Pleistozäns, jener erdgeschichtlichen Epoche, die vor rund 2,6 Millionen Jahren begann. Gletscher schoben sich vor und zogen sich zurück. Meere stiegen und fielen. Wälder wichen Steppen, Steppen wurden wieder zu Wäldern. Wer so etwas übersteht, besitzt eine erstaunliche Anpassungsfähigkeit.

Wann aber endete diese lange Reise? Häufig liest man, der Homo erectus sei vor etwa 117.000 bis 108.000 Jahren ausgestorben. Diese Angabe stützt sich auf Funde aus Ngandong auf Java. Der Überlieferung nach markiert sie das Ende der Art, doch der genaue Zeitpunkt des Aussterbens gilt in der Forschung als umstritten. Sicher ist nur, dass irgendwann zwischen diesen späten Datierungen und dem Aufstieg des modernen Menschen die Spur des Homo erectus endet.

Was bleibt, ist eine schlichte Erkenntnis: Kaum eine andere Menschenart hat so lange durchgehalten. Und kaum eine andere wirft so viele Fragen auf, wenn wir genauer hinsehen.

## Werkzeuge, Feuer und ein langer Weg

Stellen Sie sich eine Hand vor, die einen grauen Kieselstein hält und ihn so lange dreht, bis eine scharfe Kante entsteht. Genau solche Steine hat **Homo erectus** im Altpaläolithikum, der ersten Phase der Altsteinzeit, hergestellt. Das ist gut belegt. Die Werkzeuge dienten der Nahrungsbeschaffung und der Jagd. Dass sie auch in Auseinandersetzungen zwischen Gruppen eingesetzt wurden, wird in der Forschung diskutiert, lässt sich aber kaum direkt nachweisen. Wer hier von gesichertem Wissen spricht, überzieht die Quellenlage.

Deutlich greifbarer sind die Faustkeile. Diese sorgfältig beidseitig bearbeiteten Steinwerkzeuge gehören zu den bekanntesten Hinterlassenschaften des Homo erectus. Anders sieht es mit Knochenwerkzeugen aus. Dass er sie systematisch und in größerem Umfang herstellte, gilt unter Fachleuten als umstritten. Einzelne Funde ändern nichts daran, dass die breite Fertigung nicht gesichert ist.

### Das Feuer brannte früher als gedacht

Eine verbreitete Annahme besagt, Homo erectus habe erst im Mittelpaläolithikum gelernt, Feuer kontrolliert zu nutzen. Diese Vorstellung hält der Überprüfung nicht stand. Kontrollierte Feuernutzung ist bereits früher belegt, und das Mittelpaläolithikum wird gar nicht mit Homo erectus verbunden. Die gängige Version legt also nahe, was die Funde gerade nicht stützen.

Ähnlich vorsichtig sollten Sie bei einer anderen populären Erzählung sein. Danach hätten sich Beine und Körpergröße des Homo erectus verlängert, weil seine Vorfahren jahrtausendelang in Gruppen hinter Beutetieren herliefen. Der Zusammenhang klingt einleuchtend, ist aber nicht eindeutig belegt. Körperbau und Jagdverhalten mögen sich gemeinsam entwickelt haben. Ein direkter Ursache-Wirkung-Zusammenhang lässt sich aus den Knochen allein nicht ablesen.

### Was Homo erectus nicht tat

Manche Darstellungen schreiben ihm Dinge zu, die erst viel später auftauchen. Systematische Bestattungen der Toten und Malereien an Höhlenwänden sind für Homo sapiens und teils für den Neandertaler belegt, nicht für Homo erectus. Auch Schmuck aus Knochen, Steinen, Tierzähnen und Tierknochen gehört in eine spätere Zeit. Solche Details wirken in Erzählungen dramatisch, sie gehören aber nicht zu dieser Art.

Was bleibt, ist ein Bild von bemerkenswerter Nüchternheit: ein Wesen mit einfachen Steinwerkzeugen, guten Faustkeilen und einer erstaunlichen Ausdauer über Hunderttausende von Jahren. Der Rest ist oft Wunschdenken.

## Was in der Yarımburgaz-Höhle in Istanbul gefunden wurde

Wenn Sie heute durch den Istanbuler Stadtteil Başakşehir fahren, zwischen Neubausiedlungen und Schnellstraßen, würden Sie kaum vermuten, dass hier einmal eine der wichtigsten Stationen der Menschheitsgeschichte lag. Genau dort, am Rand der Stadt, liegt die Yarımburgaz-Höhle. Und sie ist weit mehr als eine geologische Besonderheit.

In der Yarımburgaz-Höhle wurden altpaläolithische Artefakte und Hinweise auf frühe Homininen gefunden. Das ist kein Randbefund. Diese Funde gelten als bedeutender Beleg dafür, dass der **Homo erectus** auf seinem Weg nach Europa tatsächlich über diese Region gezogen ist. Die Höhle wird damit zu einem geografischen Anker in einer Geschichte, die sich über Hunderttausende von Jahren erstreckt.

Stellen Sie sich das einmal vor: Eine Menschenart, die vor rund zwei Millionen Jahren in Afrika entstand, breitete sich über weite Teile der Alten Welt aus. Der Weg nach Europa führte über Anatolien. Und Istanbul, diese Stadt, die heute für Brücken zwischen Kontinenten steht, war offenbar schon damals eine Art Übergang. Nicht mit Fähren und Autobahnen, sondern zu Fuß, über Landschaften, die es heute so nicht mehr gibt.

Was die Funde in Yarımburgaz so wertvoll macht, ist ihre zeitliche Einordnung. Sie fallen in das Altpaläolithikum, die früheste Phase der Steinzeit. In dieser Epoche fertigte der Homo erectus einfache Steinwerkzeuge an und nutzte sie zum Jagen und zur Ernährung. Die Werkzeugherstellung ist für diese Phase gut belegt. Ob diese Werkzeuge auch in Auseinandersetzungen zwischen Gruppen eingesetzt wurden, lässt sich aus den Funden dagegen kaum direkt ableiten. Hier bleibt die Forschung vorsichtig.

Die Höhle selbst hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Der Überlieferung nach soll sie bei Filmaufnahmen beschädigt worden sein. Berichten zufolge sollen dabei sogar Sprengstoffe zum Einsatz gekommen sein. Die genauen Umstände sind jedoch nicht zuverlässig belegt. Was bleibt, ist ein zwiespältiges Gefühl: Ein Ort, an dem sich Spuren der frühesten europäischen Vorgeschichte finden, und daneben die Erinnerung an einen recht sorglosen Umgang mit diesem Erbe.

Für die Frage, wie der Homo erectus nach Europa gelangte, ist Yarımburgaz jedenfalls ein zentraler Baustein. Die Funde zeigen, dass die Region um Istanbul nicht am Rand der damaligen Welt lag, sondern mittendrin. Wer verstehen will, wie eine Menschenart den Sprung auf einen neuen Kontinent schaffte, kommt an dieser Höhle nicht vorbei.

## Vorfahre oder Verwandter? Die offene Frage der Abstammung

Wer in den Stammbaum des Menschen blickt, erwartet eine saubere Linie. Tatsächlich findet sich dort eine Baustelle. Der **Homo erectus** gilt heute als wahrscheinlicher Vorfahre oder doch zumindest als naher Verwandter des Homo sapiens. Das klingt nach einer klaren Aussage, ist aber genau das Gegenteil: Die genaue Abstammung ist bis heute nicht abschließend geklärt, und in der Fachwelt wird darüber weiter diskutiert.

Besonders deutlich wird diese Unsicherheit beim Blick auf den Homo habilis, den vielen als direkter Vorgänger des Homo erectus gilt. Die Fundzeiträume beider Arten überlappen sich, und auch die taxonomische Einordnung des Homo habilis ist umstritten. Von einer gesicherten Abstammungslinie kann der Überlieferung nach also keine Rede sein. Wer heute behauptet, der Homo erectus sei eindeutig aus dem Homo habilis hervorgegangen, überzeichnet die Quellenlage.

### Was wirklich gesichert ist

Der Homo erectus existierte über einen außergewöhnlich langen Zeitraum und überstand in mehr als einer Million Jahre mehrere Kalt- und Warmphasen des Pleistozäns. Damit zählt er zu den langlebigsten bekannten Vertretern der Gattung Homo. Diese Beständigkeit ist belegt, seine genaue Position im Stammbaum jedoch nicht.

### Wie viele Unterarten gab es wirklich?

Ein zweites Minenfeld eröffnet sich bei der Frage nach den Unterarten. Der Homo erectus hat sich im Laufe der Zeit in verschiedene Formen aufgefächert, so viel steht fest. Wie viele eigenständige Unterarten daraus hervorgingen, ist in der Fachliteratur allerdings umstritten und wird nicht einheitlich beantwortet. Die oft zitierte Rede von „Dutzenden" Zwischenarten zwischen Homo erectus und Homo sapiens ist deutlich übertrieben. Diskutiert werden nur wenige Übergangsformen.

Und was ist mit den Lücken im Fundmaterial? Dass noch weitere Zwischenformen unentdeckt sind, ist plausibel. Jeder neue Grabungsschnitt kann Überraschungen bringen. Von „vielen weiteren" unbekannten Arten zu sprechen, bleibt jedoch spekulativ. Hier verlässt die Erzählung den Boden der Belege.

So bleibt am Ende ein ehrliches Bild: Der Homo erectus steht sehr wahrscheinlich in der Vorfahrenlinie des modernen Menschen oder doch ganz nah daran. Welche Zwischenform tatsächlich unser direkter Vorfahre war, ob eine der bereits bekannten oder eine noch unentdeckte, darüber wird weiter geforscht. Der Stammbaum ist kein fertiges Bauwerk. Er ist ein Gerüst, an dem laufend gearbeitet wird.

## Was der Homo erectus nicht tat, und warum das wichtig ist

Der **Homo erectus** war ein Pionier des Überlebens, doch er war kein Künstler und kein Bestatter. Systematische Gräber und Höhlenmalereien lassen sich erst für den Homo sapiens und teils für den Neandertaler nachweisen, nicht für den Homo erectus. Wer ihm diese Leistungen zuschreibt, verwechselt ihn mit viel jüngeren Homininen.

Genau hier wird es spannend. Denn die Grenze zwischen "überlebt" und "gestaltet" trennt den Homo erectus von allem, was danach kam. Schauen Sie sich die folgenden Punkte an, die in populären Darstellungen immer wieder auftauchen und wissenschaftlich nicht zu halten sind.

### Drei Behauptungen, die sich nicht belegen lassen

- **Bestattungen und Höhlenmalerei:** Diese kulturellen Praktiken sind erst für den Homo sapiens und teilweise für den Neandertaler belegt. Für den Homo erectus fehlen sie.
- **Schmuck aus Knochen, Steinen und Tierzähnen:** Solche Zierobjekte stammen von späteren Homininen, nicht vom Homo erectus.
- **Die Prognose einer kommenden Eiszeit:** Die Vorhersage, der Homo sapiens hätte in einer künftigen Kaltzeit keine Überlebenschance, ist wissenschaftlich nicht belegt und rein spekulativ.

Warum ist diese Abgrenzung so wichtig? Weil sie zeigt, was der Homo erectus tatsächlich war: ein außergewöhnlich zäher Überlebenskünstler, der über mehr als eine Million Jahre mehrere Kalt- und Warmphasen des Pleistozäns überstand. Seine Werkzeuge waren funktional, seine Jagdstrategien effektiv. Doch die symbolische Welt, die Kunst, das rituelle Gedenken an die Toten, all das gehört einer späteren Entwicklungsstufe an.

> Der Homo erectus überlebte die Eiszeit. Er malte sie nicht.

Diese Unterscheidung schützt vor einer stillen Übertreibung: Wir neigen dazu, eine lange Existenz mit kultureller Tiefe gleichzusetzen. Der Homo erectus aber beweist das Gegenteil. Er hielt sich erstaunlich lange, ohne die Spuren zu hinterlassen, die wir mit dem modernen Menschen verbinden.


## Frequently asked questions

**Was war der Homo erectus und wie lange existierte diese Menschenart?**

Der Homo erectus war eine frühe Menschenart, die vor rund zwei Millionen Jahren entstand und bis vor etwa 110.000 Jahren existierte. Damit überlebte sie deutlich länger als jede andere bekannte Art der Gattung Homo. Sie besiedelte weite Teile Afrikas und Asiens und trotzte über mehr als eine Million Jahre hinweg mehreren Kalt- und Warmphasen des Pleistozäns.

**Warum gilt der Homo erectus als die langlebigste Menschenart?**

Mit einem Bestehen von etwa 1,8 bis 2,0 Millionen Jahren bis vor rund 110.000 Jahren hält der Homo erectus den Rekord unter allen bekannten Homo-Arten. In dieser enormen Zeitspanne überstand er mehrere Eiszeiten und passte sich an unterschiedlichste Lebensräume an. Keine andere Menschenart behauptete sich auch nur annähernd so lange auf der Erde.

**Was wurde in der Yarımburgaz-Höhle in Istanbul entdeckt?**

In der Yarımburgaz-Höhle im Istanbuler Stadtteil Başakşehir wurden Überreste aus dem Altpaläolithikum gefunden, die belegen, wie bedeutend diese Region und die Höhle für den Homo erectus waren. Die Funde zeigen, dass frühe Menschen diese Gegend nutzten. Der Überlieferung nach sollen türkische Filmemacher die Höhle bei Dreharbeiten mit Dynamit beschädigt haben, wobei die genauen Umstände nicht zuverlässig belegt sind.

**Warum ist der Homo erectus wahrscheinlich der Vorfahre des Homo sapiens?**

Der Homo erectus gilt mit großer Wahrscheinlichkeit als Vorfahre oder zumindest als naher Verwandter des modernen Menschen. Im Laufe seiner langen Geschichte entwickelte er sich der Überlieferung nach in zahlreiche Unterarten weiter, deren Einordnung in der Fachwelt allerdings umstritten ist. Zwischen ihm und dem Homo sapiens werden nur wenige Übergangsformen diskutiert, und die genaue Abstammungslinie ist bis heute nicht abschließend geklärt.

**Wann und warum starb der Homo erectus aus?**

Der Überlieferung nach verschwand der Homo erectus vor etwa 117.000 bis 108.000 Jahren, wobei dieser Zeitrahmen auf Funden aus Ngandong beruht und der genaue Aussterbezeitpunkt in der Forschung umstritten bleibt. Die Gründe für sein Verschwinden sind nicht eindeutig gesichert. Der Homo erectus hatte zuvor bereits mehr als eine Million Jahre und mehrere Klimaschwankungen überstanden, bevor seine Linie endete.

**Wie unterschied sich der Homo erectus vom Homo habilis?**

Der Homo erectus ging der Überlieferung nach aus dem Homo habilis hervor, wobei diese Abstammungslinie wegen überlappender Fundzeiten und umstrittener Einordnung nicht als gesichert gilt. Im Vergleich zum Homo habilis verfügte der Homo erectus über eine größere Gehirnkapazität und stellte Faustkeile her. Ob er systematisch Knochenwerkzeuge fertigte, wird in der Fachwelt kontrovers diskutiert. Hinweis der Redaktion: Nicht abschließend gesicherte Datierungen und Funddeutungen werden im Text ausdrücklich als unsicher oder umstritten gekennzeichnet.

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