# Goldener Schnitt: Mythos Mona Lisa und die Wahrheit

*Wissenschaft & Technik · Ayşe Demir-Müller · 2026-09-27*

## Key facts

- Der Goldene Schnitt beschreibt ein festes Teilungsverhältnis und wird mit der Zahl 1,618 in Verbindung gebracht.
- Eine direkte Verbindung zur Fibonacci-Folge besteht, weil sich das Verhältnis aufeinanderfolgender Zahlen diesem Wert annähert.
- Die behauptete Rolle des Goldenen Schnitts in der Mona Lisa ist wissenschaftlich umstritten und gilt als überinterpretiert.
- Auch bei der Cheops-Pyramide und bei Gesichtsproportionen fehlen belastbare Belege für eine bewusste Anwendung.
- In der Natur taucht das Verhältnis an manchen Stellen auf, wird aber häufig nachträglich hineingedeutet.

Das Wichtigste in Kürze

Der Goldene Schnitt ist eine Teilung, bei der sich die kleinere zur größeren Strecke verhält wie die größere zur Gesamtheit, ungefähr 1 zu 1,618. In Mathematik und Geometrie ist er gut belegt, doch viele Behauptungen zu Mona Lisa, den Pyramiden und Schönheit halten einer genauen Prüfung nicht stand.

## Der Goldene Schnitt: eine Zahl, viele Legenden

Es gibt eine Zahl, die seit Jahrhunderten Künstler, Architekten und Wissenschaftler in ihren Bann zieht. Man nennt sie den **Goldenen Schnitt**, und ihr Wert ist (1 + √5)/2, also ungefähr 1,6180339887. Wer sich ihr nähert, stößt schnell auf große Versprechen: Schönheit, göttliche Ordnung, das verborgene Maß der Natur. Doch nicht alles, was über sie erzählt wird, hält einer Prüfung stand.

Vielleicht sind auch Sie schon einer dieser Erzählungen begegnet. In Romanen wie *Da Vinci Code* taucht der Goldene Schnitt prominent auf, in Schulprojekten, populärwissenschaftlichen Büchern und Artikeln wird er gern als Beweis dafür angeführt, wie tief die Mathematik in unserem Alltag verwurzelt ist. Manche gehen noch weiter und behaupten, die ästhetischen Muster der Natur selbst beruhten auf ihm. Deshalb trägt er bis heute einen zweiten, fast ehrfürchtigen Namen: das *göttliche Verhältnis*.

Diese Faszination hat eine lange Geschichte. Schon in der Antike und verstärkt in der Renaissance suchten Denker nach einem umfassenden Prinzip, das Himmel und Erde, Kunst und Natur in einer einzigen Ordnung verbindet. Der Goldene Schnitt schien wie geschaffen dafür. Er ist, wie die Kreiszahl Pi, irrational: Er lässt sich nicht als Verhältnis zweier ganzer Zahlen schreiben, und seine Dezimalstellen brechen niemals ab und wiederholen sich nie. Anders als Pi ist er jedoch die Wurzel einer algebraischen Gleichung mit ganzzahligen Koeffizienten, nämlich von x² − x − 1 = 0. Damit ist er zwar irrational, aber nicht transzendent.

Selbst wer mit Mathematik wenig zu tun hat, hat vermutlich schon gehört, dass die ägyptischen Pyramiden, griechische Tempel, die Mona Lisa oder der menschliche Körper nach dem Goldenen Schnitt geformt seien. An diesen Zuschreibungen ist etwas dran, und doch entbehren viele der Mysterien, die man ihm andichtet, jeder wissenschaftlichen Grundlage. Genau hier lohnt sich der zweite Blick.

Dieser Text nimmt Sie mit auf eine Reise durch die Geschichte dieses Verhältnisses. Er zeigt, was mathematisch gesichert ist, wo die Überlieferung unsicher wird und welche Behauptungen sich schlicht nicht halten lassen. Denn die wahre Geschichte des Goldenen Schnitts ist spannender als jeder Mythos, gerade weil sie beides enthält: echte Eleganz und erstaunlich zähe Legenden.

## Was ist der Goldene Schnitt einfach erklärt?

Stellen Sie sich vor, Sie teilen eine Strecke in zwei ungleiche Stücke. Der Goldene Schnitt beschreibt genau das Verhältnis, bei dem das größere Stück zum kleineren dasselbe Verhältnis hat wie die gesamte Strecke zum größeren Stück. Nennen Sie das größere Stück *a* und das kleinere *b*, so gilt:

**a / b = (a + b) / a**

Dieses Verhältnis tragen Mathematiker mit dem griechischen Buchstaben *phi* (φ). Sein Wert beträgt (1 + √5) / 2 und läuft als Dezimalzahl auf ungefähr 1,6180339887… hinaus. Eine schlichte Zahl also, und doch eine, die seit Jahrhunderten Künstler, Architekten und Naturforscher beschäftigt.

### Warum φ keine gewöhnliche Zahl ist

Wie die Kreiszahl Pi gehört der Goldene Schnitt zu den irrationalen Zahlen. Er lässt sich nicht als Verhältnis zweier ganzer Zahlen schreiben, und seine Nachkommastellen brechen nie ab und wiederholen sich nie. Anders als Pi ist er jedoch nicht transzendent: Er ist die Wurzel der quadratischen Gleichung x² − x − 1 = 0, also eine algebraische Zahl. Diese Eigenschaft macht ihn in der Mathematik auffallend handlich.

### Woher kommt der Buchstabe φ?

Das Symbol φ soll auf den Bildhauer Phidias verweisen, der im fünften Jahrhundert vor Christus in Athen wirkte und dessen Name im Griechischen mit diesem Buchstaben beginnt. Dass er den Goldenen Schnitt in seinen Werken verwendete, ist jedoch keineswegs belegt, sondern historisch umstritten. Diese Zuschreibung begegnet Ihnen in vielen Büchern als feste Tatsache, hält einer genaueren Prüfung aber nicht ohne Weiteres stand. Die Lebensdaten des Phidias sind im Übrigen nicht exakt gesichert.

### Ein Blick auf die Form

Ein Rechteck, dessen Seitenlängen dem Goldenen Schnitt entsprechen, nennt man ein Goldenes Rechteck. Es wirkt auf viele Menschen ausgewogen und ruhig. Ob dieses Empfinden angeboren ist oder ob wir es nur gelernt haben, weil uns dieses Verhältnis überall begegnet, darüber streiten Fachleute bis heute. Genau an dieser Frage entzündet sich der größte Teil der Mythen, die sich um den Goldenen Schnitt ranken. Manche davon sind gut belegt, andere halten keiner Prüfung stand.

Um beides sauber zu trennen, lohnt sich ein Blick auf die berühmtesten Beispiele aus Kunst, Architektur und Natur. Denn dort zeigt sich, was der Goldene Schnitt wirklich leistet, und was ihm nur angedichtet wurde.

## Mona Lisa, Dalí und die Mythen in der Kunst

Kaum ein mathematisches Verhältnis wird so gern in Gemälde hineingelesen wie der **Goldene Schnitt**. Die Cheops-Pyramide, griechische Tempel, die Mona Lisa und sogar der menschliche Körper sollen ihm folgen. Der Überlieferung nach klingt das bestechend elegant. Doch die wissenschaftliche Prüfung fällt ernüchternd aus: Viele dieser Zuschreibungen entbehren einer belastbaren Grundlage.

Nehmen Sie Salvador Dalís *The Sacrament of the Last Supper*. Hier wird der Goldene Schnitt tatsächlich greifbar. Dalí ordnete die Szene erkennbar nach diesem Verhältnis an und setzte sie in einen großen Dodekaeder, ein geometrisches Gebilde aus zwölf Fünfeckflächen. Durch dessen fünfeckige Fenster blickt man auf die Landschaft Kataloniens, die Heimat des Malers. Diese Bildelemente sind gut dokumentiert.

Weniger gesichert ist dagegen die berühmte Behauptung, das Gemälde sei ein exaktes Goldenes Rechteck. Die Maße werden häufig mit 166,7 mal 267 Zentimetern angegeben, doch ob sie exakt stimmen und ob die Leinwand damit wirklich ein Goldenes Rechteck bildet, ist nicht zuverlässig bestätigt. Wer hier von einem perfekten Verhältnis spricht, argumentiert vorsichtiger, als es zunächst scheint.

### Dalís Vorbild: Leonardo und Pacioli

Dalí dürfte seine Idee von Leonardo da Vinci übernommen haben. Und tatsächlich gibt es eine Verbindung, die sich zweifelsfrei belegen lässt. Leonardo war eng mit dem Mathematiker und Franziskanerpriester Luca Pacioli befreundet. Im Jahr 1509 veröffentlichte Pacioli in Venedig das dreibändige Werk *De Divina Proportione*, eine Abhandlung über den Goldenen Schnitt. Die Illustrationen der Polyeder stammten von Leonardo selbst.

Diese Zusammenarbeit ist gesichert. Ganz anders sieht es bei den Gemälden aus. Immer wieder heißt es, Leonardo habe in der *Mona Lisa* oder im *Abendmahl* bewusst den Goldenen Schnitt eingesetzt. Ob dem so war oder ob wir nur nachträglich Linien hineinzeichnen, lässt sich nicht entscheiden. Schon darüber, wo genau ein Goldenes Rechteck um das Gesicht der Mona Lisa zu legen wäre, herrscht keine Einigkeit.

> Aus einer möglichen Ähnlichkeit wird schnell eine behauptete Absicht. Genau an dieser Stelle kippt die Mathematik in den Mythos.

Bemerkenswert ist, wie weit diese Mythen reichen. In der populären Kultur taucht der Goldene Schnitt prominent auf, etwa in Dan Browns Roman *Da Vinci Code* von 2003. In Schulprojekten und Sachbüchern dient er gern als Beweis dafür, wie tief Mathematik im Alltag steckt. Das ist reizvoll. Es verleitet aber dazu, überall ein geheimes Muster zu sehen, wo in Wahrheit nur der Zufall oder der nachträglich gezogene Zirkel am Werk ist.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob der Goldene Schnitt schön ist. Sie lautet, ob ein Künstler ihn tatsächlich bewusst verwendet hat. Bei Dalís Dodekaeder lässt sich das belegen. Bei der Mona Lisa bleibt es eine offene Vermutung.

## Fibonacci-Folge und der Goldene Schnitt

Es gibt eine Zahlenreihe, die auf den ersten Blick harmlos wirkt und doch erstaunlich tief in die Mathematik hineinreicht: 0, 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13 und immer so weiter. Jede Zahl entsteht, indem Sie die beiden vorangehenden addieren. Leonardo Fibonacci, ein italienischer Mathematiker, beschrieb diese Folge um 1202 in seinem Werk *Liber Abaci*. Der eigentliche Zauber beginnt jedoch erst, wenn Sie diese Zahlen ins Verhältnis setzen.

Teilen Sie eine Fibonacci-Zahl durch ihre Vorgängerin, wächst das Ergebnis mit jeder weiteren Zahl ein Stück näher an einen ganz bestimmten Wert heran. Diesen Wert nennen Mathematiker den **Goldenen Schnitt**, dargestellt durch den griechischen Buchstaben φ. Sein exakter Wert ist (1 + √5)/2, also ungefähr 1,6180339887, und die Nachkommastellen brechen nie ab. Die Folge und diese Zahl sind also nicht nur entfernt verwandt, sondern auf das Engste miteinander verknüpft.

### Was es mit der berühmten Spirale auf sich hat

Aus den Fibonacci-Zahlen lassen sich Rechtecke bauen, die sich immer weiter aufteilen. Zeichnet man in diese Rechtecke eine geschwungene Linie, entsteht ein Muster, das wie eine Spirale aussieht. Genau hier wird es spannend, denn dieser Anblick trügt. Die Kurve ist keine logarithmische Spirale, sondern eine Aneinanderreihung einzelner Viertelkreisbögen. Die Bögen fügen sich so geschickt zusammen, dass das Auge den Sprung kaum bemerkt, doch mathematisch bleibt es ein Zusammensetzen aus getrennten Teilstücken.

### Johannes Kepler und das harmonische Weltbild

Zwischen dem 14. und dem 17. Jahrhundert suchten viele Denker nach einer großen Ordnung, die Himmel und Erde zugleich erklären sollte. Einer der wichtigsten war der deutsche Astronom und Mathematiker Johannes Kepler. Er war fest davon überzeugt, dass das Universum nach strengen Gesetzen von Harmonie, Gleichgewicht und mathematischer Symmetrie aufgebaut sei.

Um Kepler rankt sich allerdings ein hartnäckiger Irrtum. Immer wieder heißt es, er habe in seinem Essay *De nive sexangula* von 1611 den Goldenen Schnitt und die Fibonacci-Folge behandelt und mit Schneeflocken, regelmäßigen Vielecken und Blütenblättern in Verbindung gebracht. Das trifft so nicht zu. Der Essay widmet sich den Schneeflocken und ihrer sechseckigen Symmetrie, doch der Goldene Schnitt und die Fibonacci-Folge kommen darin nicht vor. Diese Verbindung wurde ihm später angedichtet, und sie hält sich bis heute erstaunlich zäh.

Was Kepler tatsächlich zugeschrieben wird, ist eine andere Wertschätzung. Der Überlieferung nach soll er den Satz des Pythagoras und die Teilung einer Strecke im Goldenen Schnitt als die beiden wertvollsten mathematischen Entdeckungen der Menschheitsgeschichte betrachtet haben. Ob er diese Aussage wirklich so getroffen hat, ist nicht sicher belegt; sie wird ihm lediglich zugeschrieben.

Die enge Beziehung zwischen der Fibonacci-Folge und dem Goldenen Schnitt bleibt davon unberührt. Sie gehört zu den schönsten Verbindungen der Mathematik, gerade weil sie so unerwartet auftaucht. Wer einmal anfängt, auf diese Verhältnisse zu achten, sieht sie plötzlich an vielen Stellen, und genau darin liegt der Reiz dieses Themas.

## Ist der Goldene Schnitt wirklich die schönste Proportion?

Nein, jedenfalls nicht mit jener Selbstverständlichkeit, mit der es uns seit Jahrzehnten erzählt wird. Wer heute nach dem **Goldenen Schnitt** sucht, stößt auf eine schöne, aber wackelige Geschichte. Die frühesten experimentellen Belege für eine angeborene Vorliebe des Menschen für das Verhältnis von rund 1,62 stammen aus dem 19. Jahrhundert, und sie sind bis heute umstritten. Schauen wir uns an, warum.

### Gustav Fechners Experimente und ihre Zweifel

In den 1860er Jahren setzte der deutsche Physiker und Psychologe Gustav Fechner Versuchspersonen Rechtecke mit unterschiedlichen Seitenverhältnissen vor und ließ sie beurteilen, welche Form ihnen am gefälligsten erscheine. Fechners Experimente werden oft so zitiert, als hätten sie eine Vorliebe für das Verhältnis 1,62 belegt; tatsächlich waren die Ergebnisse uneindeutig und werden stark angezweifelt.

Man kann nicht behaupten, dass ein Rechteck schöner sei als ein anderes. Wer genau hinschaut, sieht vor allem ein methodisches Problem: Aus einer statistischen Häufung wird schnell eine angeborene ästhetische Regel gemacht.

### Fenster, Gemälde, Buchseiten: eine bequeme Behauptung

Fechner beließ es nicht beim Labor. In seiner *Vorschule der Aesthetik* (1876) soll er behauptet haben, die durchschnittlichen Proportionen von Fensterrahmen, Museumsgemälden und Buchseiten kämen dem Goldenen Schnitt recht nahe. Diese Behauptung ist jedoch nicht eindeutig belegt. Der Verdacht liegt nahe, dass hier eine selektive Auswahl der Beispiele und eine wohlwollende Interpretation der Zahlen zusammenspielen.

### Das schöne Gesicht und die Laservermessung

Später wanderte die Debatte in die Gesichtswahrnehmung. Eine Studie, die dem Ortodontisten Mark Lowey zugeschrieben wird, soll 1994 behauptet haben, die Gesichter von Models folgten dem Goldenen Schnitt. Autor, Jahr und Inhalt dieser Arbeit sind jedoch nicht sicher verifizierbar.

Am selben Krankenhaus, in der Abteilung für Kieferchirurgie, soll Alfred Linney mit seinem Team die Sache geklärt haben. Per Laservermessung, so wird kolportiert, zeigten sie, dass die Gesichtsproportionen von Models weder regelmäßiger noch „goldener“ sind als die der Allgemeinbevölkerung. Auch diese Widerlegung ist nicht sicher belegt. Was bleibt, ist ein Hinweis darauf, dass die schöne These vom goldenen Gesicht mehr Mythos als Messung ist.

Die entscheidende Frage lautet also nicht, ob der Goldene Schnitt irgendwo in der Natur auftaucht. Sie lautet, ob wir ihn dort sehen, weil er wirklich da ist, oder weil wir gelernt haben, ihn überall zu suchen.

## Fazit: Faszination mit Vorsicht genießen

Der Goldene Schnitt ist ein faszinierendes mathematisches Konzept. Kaum eine Zahl begeistert Künstler, Architekten und Naturliebhaber seit Jahrhunderten so sehr wie die irrationale Konstante Phi (φ) mit ihrem Wert von rund 1,618. Doch genau diese Begeisterung hat dazu geführt, dass dem Verhältnis weit mehr zugeschrieben wurde, als es tatsächlich erklären kann. Wer genau hinsieht, entdeckt hinter vielen glanzvollen Behauptungen eine dünne Faktenlage.

Genau hier hilft eine wissenschaftliche Herangehensweise. Sie trennt belegbare Mathematik von populären Mythen und bewahrt uns davor, in jedem Blumenblatt, jedem Gemälde und jedem Bauwerk sofort den Goldenen Schnitt zu erkennen. Die Cheops-Pyramide, griechische Tempel, die Mona Lisa und sogar der menschliche Körper werden gern mit dem Verhältnis in Verbindung gebracht. Viele dieser Zuschreibungen entbehren jedoch einer wissenschaftlichen Grundlage. Das bedeutet nicht, dass der Goldene Schnitt bedeutungslos wäre. Es bedeutet nur, dass seine tatsächliche Rolle deutlich bescheidener ist, als es die Legenden suggerieren.

### Was wirklich gesichert ist

Einige Zusammenhänge halten der Prüfung stand. Phi ist exakt als (1 + √5)/2 definiert und damit eine algebraisch irrationale Zahl, also nicht transzendent. Die Fibonacci-Folge, die Leonardo Fibonacci um 1202 in seinem *Liber Abaci* einführte, beginnt mit 0 und 1, und der Quotient aufeinanderfolgender Glieder nähert sich mit wachsender Zahl dem Wert Phi an. Auch die aus Fibonacci-Rechtecken konstruierte Kurve ist streng genommen keine echte Spirale, sondern eine Abfolge von Viertelkreisbögen. Und Salvador Dalí platzierte seine Szene *The Sacrament of the Last Supper* tatsächlich in einem Dodekaeder, durch dessen fünfeckige Fenster die Landschaft Kataloniens zu sehen ist. Luca Pacioli veröffentlichte 1509 das dreibändige Werk *De Divina Proportione*, dessen Illustrationen sein enger Freund Leonardo da Vinci anfertigte.

### Wo Vorsicht angebracht ist

| Behauptung | Einordnung |
|---|---|
| Das Symbol φ verweist auf den Bildhauer Phidias | Der Überlieferung nach gewählt, historisch aber umstritten |
| Dalís Gemälde sei exakt ein Goldenes Rechteck | Die Maße werden häufig so angegeben, exakt bestätigt sind sie nicht |
| Kepler habe den Goldenen Schnitt in *De nive sexangula* behandelt | Der Essay widmet sich Schneeflocken und Sechsecksymmetrie, nicht dem Goldenen Schnitt |
| Fechners Experimente belegten eine Vorliebe für 1,62 | Die Ergebnisse waren uneindeutig und werden stark angezweifelt |
| Modelgesichter folgten dem Goldenen Schnitt | Berichten zufolge widerlegt, eine Präferenz ließ sich nicht bestätigen |

Besonders lehrreich ist der Fall der Schönheitsforschung. Der deutsche Physiker und Psychologe Gustav Fechner ließ in den 1860er Jahren Probanden Rechtecke mit unterschiedlichen Seitenverhältnissen bewerten. Der Überlieferung nach lag die Vorliebe bei einem Verhältnis von 1,62. Doch schon damals waren die Ergebnisse alles andere als eindeutig. Später soll der Ortodontist Mark Lowey 1994 in einer Studie behauptet haben, die Gesichter von Models folgten dem Goldenen Schnitt. Alfred Linney und sein Team sollen diese These per Laservermessung widerlegt haben: Die Gesichtsproportionen von Models sind weder regelmäßiger noch „goldener“ als die der Allgemeinbevölkerung. Auch diese Widerlegung ist nicht sicher belegt.

> Der Goldene Schnitt ist ein wunderbares Stück Mathematik. Er braucht die Mythen nicht, die man um ihn rankt.

Vielleicht liegt genau darin seine eigentliche Faszination. Phi verbindet Algebra, Geometrie und Natur auf elegante Weise. Es taucht in der populären Kultur auf, etwa in Dan Browns Roman *Da Vinci Code* von 2003, und weckt Neugier auf Mathematik. Diese Neugier ist wertvoll. Sie wird nur dann wirklich fruchtbar, wenn Sie beim nächsten Mal, wenn jemand den Goldenen Schnitt im Schneckenhaus oder im Aktienchart entdeckt, freundlich nachfragen: Wo genau lässt sich das messen, und wer hat es überprüft? Mit dieser Haltung zeigen Sie die Stärke der Mathematik und zugleich ihre Grenzen. Das ist spannender als jede schöne Legende.


## Frequently asked questions

**Was ist der Goldene Schnitt einfach erklärt?**

Der Goldene Schnitt beschreibt ein Teilungsverhältnis: Eine Strecke wird so geteilt, dass sich der größere Abschnitt zum kleineren genauso verhält wie die ganze Strecke zum größeren Abschnitt. Dieses Verhältnis ist konstant, wird mit dem griechischen Buchstaben Phi (φ) bezeichnet und beträgt exakt (1 + √5)/2, also ungefähr 1,6180339887.

**Warum wird der Goldene Schnitt auch göttliche Proportion genannt?**

Weil φ in der Mathematik und in der Natur an vielen unerwarteten Stellen auftaucht, verliehen ihm Denker der Renaissance einen geradezu heiligen Rang. Der Franziskanerpriester und Mathematiker Luca Pacioli veröffentlichte 1509 in Venedig sein dreibändiges Werk "De Divina Proportione", also "Über die göttliche Proportion". Die Illustrationen dazu stammten von keinem Geringeren als Leonardo da Vinci, mit dem Pacioli eng befreundet war.

**Wie hängt der Goldene Schnitt mit der Fibonacci-Folge zusammen?**

Die Fibonacci-Folge geht auf Leonardo Fibonacci zurück, der sie um 1202 in seinem "Liber Abaci" einführte. Sie beginnt mit 0 und 1, und jede weitere Zahl ist die Summe der beiden vorherigen. Teilt man nun aufeinanderfolgende Fibonacci-Zahlen durcheinander, so nähert sich das Ergebnis mit wachsender Zahl immer genauer dem Wert von φ an. Diese Verbindung ist mathematisch exakt und kein Zufall.

**Hat Leonardo da Vinci den Goldenen Schnitt in der Mona Lisa verwendet?**

Das lässt sich nicht belegen. Zwar wird immer wieder behauptet, man könne um das Gesicht der Mona Lisa ein Goldenes Rechteck legen, doch es besteht keine Einigkeit darüber, wo genau dieser Rahmen verlaufen soll. Ob eine bewusste Entscheidung dahintersteckt oder reiner Zufall, bleibt offen. Gesichert ist dagegen, dass Leonardo für Paciolis Werk über den Goldenen Schnitt die Illustrationen anfertigte.

**Warum ist der Goldene Schnitt in der Cheops-Pyramide ein Mythos?**

Die Cheops-Pyramide, griechische Tempel, die Mona Lisa und sogar der menschliche Körper werden gern mit dem Goldenen Schnitt in Verbindung gebracht. Der Wissenschaftsautor Mario Livio hat in seinem Buch "The Golden Ratio" jedoch gezeigt, dass viele dieser Zuschreibungen einer wissenschaftlichen Grundlage entbehren. Das Verhältnis mag in manchen Werken tatsächlich eine Rolle spielen, doch die meisten ihm angedichteten Geheimnisse halten einer Prüfung nicht stand.

**Was hat Salvador Dalí mit dem Goldenen Schnitt zu tun?**

Dalís Gemälde "The Sacrament of the Last Supper" gilt als Beispiel für die bewusste Anwendung des Goldenen Schnitts. Der Überlieferung nach misst die Leinwand 166,7 × 267 cm und entspricht damit einem Goldenen Rechteck, wobei exakte Vermessungen und diese Zuordnung nicht zuverlässig bestätigt sind. Gut dokumentiert ist dagegen der Bildaufbau: Dalí ordnete die Szene nach dem Goldenen Schnitt an und platzierte sie in einem Dodekaeder, durch dessen fünfeckige Fenster die Landschaft Kataloniens zu sehen ist.

**Ist der Goldene Schnitt wirklich die schönste Proportion?**

Das ist keineswegs ausgemacht. Der deutsche Physiker und Psychologe Gustav Fechner zeigte in den 1860er Jahren Probanden Rechtecke mit unterschiedlichen Seitenverhältnissen, doch seine Ergebnisse waren uneindeutig, und die viel zitierte Vorliebe für ein Verhältnis von 1,62 wird stark angezweifelt. Später soll der Ortodontist Mark Lowey 1994 behauptet haben, die Gesichter von Models folgten dem Goldenen Schnitt. Diese Studie ist jedoch nicht sicher verifizierbar, und eine ebenso kolportierte Widerlegung durch Alfred Linney und sein Team ist ebenfalls nicht belegt.

**Wer hat den Goldenen Schnitt zuerst beschrieben?**

Das Symbol φ wurde der Überlieferung nach als Anspielung auf den griechischen Bildhauer Phidias gewählt, dessen Name im Griechischen mit diesem Buchstaben beginnt. Diese Zuschreibung ist historisch allerdings umstritten, und auch Phidias' Lebensdaten von 490 bis 430 v. Chr. gelten nicht als exakt gesichert. Sicher ist dagegen die mathematische Einordnung: φ ist irrational und zugleich algebraisch, also nicht transzendent, da er Wurzel der Gleichung x² − x − 1 = 0 ist. Hinweis der Redaktion: Nicht abschließend gesicherte Angaben sind im Text ausdrücklich als unsicher gekennzeichnet.

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