# Die Hölle, das sind die anderen: Sartres Satz von 1944

*Kultur, Kunst & Literatur · Zeynep Arslan-Wagner · 2026-10-29*

## Key facts

- „Geschlossene Gesellschaft“ wurde 1944 in Paris uraufgeführt und gilt als eines der bekanntesten Stücke des französischen Existenzialismus.
- Die drei Figuren Garcin, Inéz und Estelle werden in einen geschlossenen Raum gebracht, ohne einander zu kennen, und werden dort füreinander zur Qual.
- Sartre erklärte den Satz später so, dass wir unser Bild von uns selbst über die Augen der anderen gewinnen und ihnen dabei oft ausgeliefert sind.
- In einem späteren Interview, dessen genaues Datum nicht sicher belegt ist, soll Sartre die Aussage relativiert und davon gesprochen haben, dass auch der Himmel die anderen sein können.
- Der Satz wird häufig als Absage an Mitmenschen gedeutet, obwohl er sich gegen die Abhängigkeit vom fremden Urteil richtet.

Das Wichtigste in Kürze

Der Satz „Die Hölle, das sind die anderen“ stammt aus Jean-Paul Sartres Stück „Geschlossene Gesellschaft“, das 1944 in Paris erstmals gezeigt wurde. Drei Figuren sitzen darin in einem geschlossenen Raum und quälen einander durch Blicke und Urteile. Sartre meinte damit die Macht der anderen über unser Selbstbild, nicht die Mitmenschen als solche.

## Die Hölle, das sind die anderen: ein Satz, der fast immer falsch ankommt

Kaum ein philosophischer Satz wird so oft zitiert und so selten verstanden. „Die Hölle, das sind die anderen“, dieser Ausspruch stammt aus Jean-Paul Sartres Stück „Geschlossene Gesellschaft“ von 1944, im französischen Original „Huis clos“. Und er klingt auf den ersten Blick nach einer einzigen Absage an die Menschheit.

Genau so wird er bis heute gelesen: als hätte Sartre Menschen verabscheut, als hielte er jede Beziehung für grundsätzlich zerstörerisch. Wer den Satz so hört, nickt vielleicht sogar. Man kennt ja die Kollegen, die Nachbarn, die Familie. Die anderen, das ist doch tatsächlich oft die Hölle.

Doch hier beginnt die überraschende Auflösung. Sartre ging es nicht darum, vor Menschen zu fliehen. Es ging ihm um das Gegenteil: um die Notwendigkeit, sich unter dem Blick der anderen zu definieren. Ein Mensch gewinnt Bedeutung nicht nur in den eigenen Augen. Er gewinnt sie auch in den Urteilen der anderen.

Stellen Sie sich vor, Sie könnten sich selbst noch so sehr für großzügig halten. Erst wenn jemand anderes Sie so sieht, wird daraus etwas, das Sie mit anderen teilen. Ohne diesen Blick bleibt vieles Behauptung.

Das ist der Kern, der in der populären Deutung fast immer verloren geht. Der Satz ist keine Klage über die Menschheit. Er ist eine Beobachtung darüber, wie eng wir mit den Augen der anderen verwoben sind. Ob das Hölle oder Himmel wird, hängt nicht davon ab, dass es andere gibt. Es hängt davon ab, wie wir mit ihnen umgehen.

## Drei Fremde in einem Salon: Wie „Geschlossene Gesellschaft“ beginnt

Vor Ihrem inneren Auge entsteht ein Raum, der an ein gutbürgerliches Wohnzimmer erinnert. Plüschsessel, ein schwerer Tisch, vielleicht ein Kamin. Hierher werden in Jean-Paul Sartres Stück *Geschlossene Gesellschaft* aus dem Jahr 1944 drei Menschen geführt, die einander nie zuvor begegnet sind: Garcin, Inéz und Estelle. Und alle drei wissen von der ersten Minute an, dass sie tot sind. Dass sie sich in der Hölle befinden. Der Salon ist ihre Endstation.

Doch was dann kommt, ist keine Hölle, wie man sie aus alten Erzählungen kennt. Keine gehörnten Teufel. Keine Folterknechte mit Mistgabeln. Kein Feuer, keine Ketten, keine Schreckenskammer. Nur ein Zimmer, ein paar Möbel und drei Fremde, die sich gegenübersitzen. Sartre macht aus der Bühne ein Versuchslabor: Er nimmt der Hölle sämtliche Werkzeuge weg und schaut nach, was dann passiert.

Es dauert nicht lange, bis die drei einander auf die Nerven gehen. Jeder trägt seine eigenen Wunden, seine eigenen Rechtfertigungen, seine eigene Not mit sich herum, und keiner kann dem anderen ausweichen. Es gibt keine Tür, hinter die man sich zurückziehen könnte. Und irgendwann spricht Inéz aus, was in diesem Salon längst geschieht: Jede der drei Figuren wird zur Foltermeisterin der beiden anderen. Die Folter braucht keine Geräte. Sie entsteht zwischen den Menschen, im Blick des anderen, im Urteil des anderen.

Genau hier liegt der Kern des berühmten Satzes **„Die Hölle, das sind die anderen“**. Sartre zeigt ihn nicht als Theorie, sondern als Szene: drei Tote in einem Zimmer, die einander unentrinnbar ausgeliefert sind. Wer verstehen will, was dieser Satz meint, muss nur zusehen, wie sich Garcin, Inéz und Estelle in diesem Salon gegenseitig festhalten, bewerten und nicht mehr loslassen.

## Garcins verzweifelte Suche nach einem Urteil, das zählt

Garcin war Journalist, er ist aus dem Krieg geflohen, und nun sitzt er in diesem Salon, in dem es keine Fenster gibt, die sich öffnen ließen. Vor sich selbst rechtfertigt er seine Flucht mit seiner pazifistischen Haltung. Doch insgeheim nagt eine andere Frage an ihm: War es wirklich Überzeugung, oder war es schlicht Feigheit?

Genau diese Unsicherheit macht ihn so angreifbar. Garcin braucht keinen Spiegel, er braucht einen Menschen, der ihm sagt: Du bist kein Feigling. Und weil er das so dringend braucht, klammert er sich an jedes Urteil, das ihm angeboten wird.

### Der erste Versuch: Estelle

Zuerst wendet er sich an Estelle. Sie ist freundlich, sie schmeichelt ihm, und für einen kurzen Moment scheint die Bestätigung zum Greifen nah. Doch dann dämmert es ihm: Ihr Urteil ist wenig wert. Estelle würde für die Liebe eines Mannes alles sagen, was dieser hören möchte. Eine Frau, die aus Zuneigung spricht, kann ihm nicht beweisen, wer er wirklich ist.

### Der zweite Versuch: Inéz

Also setzt Garcin seine Hoffnung auf Inéz. Sie interessiert sich nicht für Männer, ihr Urteil wirkt unbestechlich. Doch gerade das wird ihm zum Verhängnis. Inéz begehrt Estelle, und aus Eifersucht verweigert sie Garcin genau die Anerkennung, nach der er sich sehnt. Sie sieht ihn nicht als Helden, sie sieht seine Angst.

Und so bleibt Garcin gefangen. Nicht in Ketten, nicht hinter Gittern, sondern im Blick der beiden anderen. Er kann sich nicht mehr selbst sagen, wer er ist, weil er deren Urteil dafür braucht. Jeder Versuch, sich zu befreien, führt ihn nur tiefer in diese Abhängigkeit.

An diesem Punkt spricht er den Satz, der bis heute nachklingt: Die Hölle, das sind die anderen. Was wie eine Abrechnung mit den Mitmenschen klingt, beschreibt in Wahrheit einen Menschen, der sich selbst verloren hat, weil er sich nur noch durch fremde Augen sieht.

## Warum der Satz so oft missverstanden wird

Wer „Die Hölle, das sind die anderen“ hört, denkt fast automatisch an ein Urteil über die Menschen: Sartre, heißt es dann, habe Beziehungen für grundsätzlich verdorben gehalten. Dieses Missverständnis hat eine echte Grundlage. In „Das Sein und das Nichts“ von 1943 zeichnet Sartre das Verhältnis zwischen Menschen tatsächlich als Kampf um Vorherrschaft und Freiheit. Entweder behandeln wir den anderen wie ein Objekt und beschädigen seine Freiheit, oder wir lassen uns selbst zum Objekt machen und verlieren dabei die eigene. In beiden Fällen steht die Freiheit eines Beteiligten unter Druck. Die Begegnung mit einem anderen Menschen wird so zum Ringen um Anerkennung.

Diese düstere Analyse passt zu der verbreiteten Lesart, das Stück zeichne Beziehungen als unvermeidlich höllisch. Und doch hat Sartre selbst widersprochen. In einem mündlichen Vorwort, das er 1964 für eine Tonaufnahme von „Geschlossene Gesellschaft“ einsprach, erklärte er, der Satz werde gewöhnlich missverstanden. Die Menschen hätten ihn so gedeutet, als seien zwischenmenschliche Beziehungen zwangsläufig höllisch. Gemeint aber sei etwas anderes.

„Die Hölle, das sind die anderen“ enthält einen stillen Vorbehalt: Die anderen werden uns erst dann zur Hölle, wenn die Beziehung zu ihnen gestört ist.

Der Satz ist also kein Satz über die Menschen an sich, sondern über den Zustand einer Verbindung. Wer sich ganz dem Urteil anderer unterwirft, wer sich vollständig davon abhängig macht, was fremde Augen über ihn sagen, lebt tatsächlich wie in der Hölle. Und viele Menschen leben so. Sie richten ihr ganzes Denken und Fühlen an den Erwartungen anderer aus und verlieren dabei den eigenen Maßstab.

Zugleich steckt in dem Satz eine zweite, oft übersehene Botschaft. Ohne die Urteile anderer könnten wir uns selbst gar nicht erkennen. Wir brauchen den Blick von außen, um zu verstehen, wer wir sind. Das ist an sich nichts Schlechtes. Zum Problem wird es erst, wenn dieser Blick alles bestimmt, so wie bei Garcin, der von einem einzigen Satz der Anerkennung abhängig wird. Sartre zeigt damit, wie wichtig andere für uns sind, und nicht, wie überflüssig sie wären.

## „Der Himmel, das sind die anderen“: Sartres zweite Seite der Medaille

Wer den Satz „Die Hölle, das sind die anderen“ hört, nickt oft wissend. Da denkt man schnell an den düsteren Franzosen, der die Menschen nicht mochte und Beziehungen nur als Kampf sah. Doch diese Lesart greift zu kurz. Der Überlieferung nach soll Jean-Paul Sartre in einem späteren Interview gesagt haben, die Hölle sei nur eine Seite der Medaille. Die andere, deutlich seltener zitierte Seite lautet sinngemäß: Auch der Himmel sind die anderen.

Plötzlich kippt das Bild. Da steht nicht mehr der Pessimist, der uns in einen fensterlosen Salon sperrt. Da steht ein Denker, der sehr genau weiß, was Menschen einander bedeuten können, im Schlechten wie im Guten.

### Die Hölle

Sartre beschreibt sie als **Trennung** und **Kommunikationslosigkeit**. Dazu kommen Egozentrik sowie die Gier nach Macht, Reichtum und Ruhm.

Kurz gesagt: Wenn der andere nur noch Mittel zum Zweck ist, wird er zum Folterknecht.

### Der Himmel

Er ist einfach und zugleich schwer: **andere Menschen wertzuschätzen**.

Kein großes Programm, keine Erlösung von außen. Nur die tägliche, unbequeme Entscheidung, den anderen ernst zu nehmen.

Wer Sartre allein auf den düsteren Satz reduziert, übersieht etwas Entscheidendes. Er hält echte und verantwortliche Beziehungen für möglich. Der Abgrund zwischen den Menschen ist für ihn keine Einbahnstraße in die Verzweiflung, sondern eine Bedingung, an der sich Freiheit erst bewähren muss.

> Entscheidend ist, anderen zu begegnen, ohne die eigene Freiheit und Verantwortung zu verlieren.

Genau darin liegt die Wendung. Die Hölle beginnt nicht, weil andere da sind. Sie beginnt, wenn wir uns in ihrem Urteil verlieren. Der Himmel beginnt dort, wo wir den anderen sehen und trotzdem wir selbst bleiben. Zwei Seiten, eine Medaille. Und eine Frage, die Sie sich getrost stellen dürfen: Auf welcher Seite stehen Sie gerade?

Hinweis der Redaktion: Nicht abschließend belegte Details werden im Text ausdrücklich als unsicher gekennzeichnet.


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