# Agnotologie: Wie Tabakkonzerne Unwissen erzeugten

*Wissenschaft & Technik · Ayşe Demir-Müller · 2026-10-28*

## Key facts

- Der Begriff Agnotologie wurde 1992 von Robert Proctor gemeinsam mit Iain Boal eingeführt.
- Proctor gab 2008 gemeinsam mit Londa Schiebinger den Sammelband "Agnotology" zum Forschungsfeld heraus.
- Die Tabakindustrie erzeugte den Eindruck, die Frage nach den Krebsrisiken sei noch umstritten.
- Dieselben Verzögerungstaktiken finden sich heute in Debatten um den Klimawandel.
- Der Psychologe David Dunning beschreibt, wie falsche Expertise im Internet Vertrauen gewinnt.

Das Wichtigste in Kürze

Agnotologie ist die Wissenschaft von der absichtlichen Erzeugung von Unwissen. Der Begriff wurde 1992 von Robert Proctor und Iain Boal geprägt. Sie untersucht, wie Konzerne und Interessengruppen Zweifel an wissenschaftlichen Erkenntnissen säen. Bekanntestes Beispiel ist die Tabakindustrie, die über Jahrzehnte die Gesundheitsrisiken des Rauchens herunterspielte.

## Einleitung: Die Kunst, das Nichtwissen zu kennen

Stellen Sie sich einen Marktplatz im antiken Athen vor, irgendwann im Jahr 399 vor Christus. Ein alter Mann steht vor seinen Richtern und sagt einen Satz, der die Philosophie bis heute nicht loslässt: Ein Leben ohne Prüfung sei es nicht wert, gelebt zu werden. Überliefert ist dieser Gedanke in Platons *Apologie des Sokrates*, und er klingt jedem Forschenden angenehm im Ohr. Denn die Natur der Dinge zu hinterfragen, das ist die tägliche Arbeit der Wissenschaft.

Doch Sokrates hat noch einen zweiten Satz hinterlassen, der mindestens genauso schwer wiegt: Er wisse nur, dass er nichts wisse. Diese knappe Formulierung ist freilich eine spätere Zuschreibung. Der Gedanke selbst findet sich in Platons *Apologie*, die berühmte Kurzfassung stammt nicht wörtlich von ihm. Und genau hier beginnt eine Frage, die verblüffend modern ist.

Wie kann man eigentlich wissen, was man nicht weiß? Mit dieser scheinbar paradoxen Frage beschäftigt sich ein eigenes Forschungsfeld: die **Agnotologie**. Sie untersucht nicht, was wir wissen, sondern wie Unwissen entsteht, sich ausbreitet und mitunter gezielt hergestellt wird.

Jahrhundertelang haben Essayisten dieses Thema in ganz unterschiedlichen Formen gestreift. Einen klaren Begriff bekam es erst durch den Wissenschaftshistoriker Robert N. Proctor, Professor für Wissenschaftsgeschichte an der Stanford University. Gemeinsam mit Londa Schiebinger gab er 2008 den Sammelband *Agnotology: The Making and Unmaking of Ignorance* heraus. Der Begriff selbst geht auf das Jahr 1992 zurück. Damals prägte ihn der Linguist Iain Boal auf Anregung von Proctor. Er leitet sich vom griechischen *agnōsis* ab, was so viel heißt wie Nichtwissen oder Unwissenheit.

Proctor ging es dabei um eine sehr konkrete Frage: Welche äußeren Kräfte, Interessen und Absichten verhindern, dass ein Mensch den Lauf der Dinge wirklich durchschaut? Die Antwort führt uns an einen Ort, an dem diese Mechanismen besonders deutlich zutage treten. Dorthin schauen wir uns im nächsten Abschnitt genauer um.

## Was ist Agnotologie? Ein junges Forschungsfeld wird benannt

Manchmal braucht ein Gedanke nur ein einziges Wort, um sichtbar zu werden. Genau das geschah 1992: Der Linguist Iain Boal prägte auf Anregung von Robert N. Proctor den Begriff **Agnotologie**. Damit hatte ein Phänomen endlich einen Namen, das zuvor kaum jemand systematisch untersuchte.

Das Wort selbst ist bescheiden und gelehrt zugleich. Es leitet sich vom griechischen *agnōsis* ab, was so viel bedeutet wie Nichtwissen. Wer genauer hinsieht, erkennt den Kern sofort: Es geht nicht um das harmlose Nichtwissen, das jeden von uns umgibt. Es geht um ein Nichtwissen, das gemacht wird.

### Ein Professor, der genauer hinsah

Robert N. Proctor lehrt Wissenschaftsgeschichte an der Stanford University. Ihn interessierte, was andere übersahen. Seine leitende Frage war so einfach wie unbequem: Welche äußeren Kräfte, Interessen und Agenden verhindern eigentlich, dass Menschen die Funktionsweise der Realität sehen? Anders gefragt: Wie wird ein Individuum unwissend gemacht, und von wem?

Proctor fragte weiter. Warum wurden die Prozesse, die ganze Gesellschaften im Unwissen halten, nie ernsthaft untersucht? Auf welchen Wegen kontrollieren, verdrehen und verdrängen Propagandisten Informationen? Wie werden Köpfe mit falschem Wissen gefüttert, und wie bleibt manches Wissen bewusst außerhalb der öffentlichen Debatte? Aus diesen Fragen entstand ein eigenes Feld.

> Agnotologie untersucht nicht nur, was wir nicht wissen. Sie fragt auch, was wir nicht wissen sollen, und warum.

Denn eines ist klar: Alle Bestandteile von Unwissen lassen sich kaum vollständig erfassen. Doch die Prozesse, die Menschen gezielt unwissend halten, lassen sich sehr wohl benennen. Proctor hielt beides für möglich und für notwendig. Genau darin liegt der Wendepunkt dieser Geschichte: Aus einer vagen Ahnung wurde eine Forschungsfrage.

### Der Sammelband von 2008

Im Jahr 2008 erschien bei der Stanford University Press der Sammelband *Agnotology: The Making and Unmaking of Ignorance*, den Proctor gemeinsam mit Londa Schiebinger herausgab. Der Titel sagt bereits alles über das Programm: Unwissen wird gemacht, und es lässt sich wieder auflösen. Mit diesem Band bekam das junge Forschungsfeld eine feste Kontur und einen Ort, an dem die einzelnen Fäden zusammenliefen.

So zeigt die Agnotologie, wie mächtige Akteure Unwissen als strategisches Werkzeug einsetzen. Etwa um gesellschaftliche Probleme zu verdecken, an denen sie selbst ein Interesse haben, oder um die Aufmerksamkeit geschickt in eine andere Richtung zu lenken. Was zunächst wie ein sprachliches Detail wirkt, erweist sich als Werkzeug: Ein einziges Wort machte ein unsichtbares Phänomen sichtbar und damit beforschbar.

## Nicht bloße Unwissenheit: Unwissen als hergestelltes Produkt

Es gibt einen Unterschied, der leicht übersehen wird: zwischen dem, was wir schlicht nicht wissen, und dem, was wir nicht wissen *sollen*. Die Agnotologie interessiert sich für den zweiten Fall. Sie fragt nicht nur, welche Lücken unser Wissen hat, sondern auch, wer diese Lücken absichtlich offen hält, aus welchem Interesse und mit welchen Mitteln.

Robert N. Proctor, Professor für Wissenschaftsgeschichte an der Stanford University, war es, der diesen Blick schärfte. Der Linguist Iain Boal prägte den Begriff Agnotologie im Jahr 1992 auf Anregung Proctors, abgeleitet vom griechischen *agnōsis*, dem Nichtwissen. Bekannt wurde das Konzept mit dem von Proctor und Londa Schiebinger 2008 herausgegebenen Sammelband *Agnotology: The Making and Unmaking of Ignorance*.

Proctors Ausgangsfrage klingt zunächst einfach: Wie entsteht die Unwissenheit eines einzelnen Menschen überhaupt? Welche äußeren Kräfte, welche Interessen und welche Agenden versperren jemandem den Blick auf die tatsächlichen Zusammenhänge? Und vor allem: Warum wurde lange kaum ernsthaft untersucht, welche Prozesse ganze Gesellschaften im Unklaren halten? Genau hier setzt die Agnotologie an. Sie nimmt sich der Mechanismen an, mit denen Informationen kontrolliert, verzerrt oder aus der öffentlichen Debatte gedrängt werden.

Damit wird aus einem passiven Zustand ein aktives Geschehen. Unwissen ist nicht nur das, was übrig bleibt, wenn Bildung fehlt. Es kann gezielt hergestellt werden. Mächtige Akteure setzen es strategisch ein, um Probleme zu verbergen oder die Aufmerksamkeit in eine andere Richtung zu lenken. Wer die öffentliche Wahrnehmung steuert, entscheidet mit darüber, worüber gar nicht erst gesprochen wird.

Ein besonders gut dokumentiertes Beispiel ist die Tabakindustrie. Als die wissenschaftlichen Belege für den Zusammenhang zwischen Rauchen und Krebs immer belastbarer wurden, bestritten die Tabakkonzerne diese Erkenntnisse nicht direkt. Sie erzeugten stattdessen den Eindruck, die Frage sei noch offen und umstritten.

So wird aus einem gelösten Forschungsproblem ein scheinbar endloser Streit, und der Zweifel selbst wird zum Produkt.

Nach Proctors Überlegungen verbreitet sich Unwissen besonders dann, wenn zwei Dinge zusammenkommen: Viele Menschen verstehen einen Sachverhalt nicht ausreichend, und zugleich arbeiten interessierte Kreise, etwa Unternehmen oder politische Gruppen, bewusst daran, Verwirrung zu stiften. Diese Zwei-Bedingungen-Formel ist eine Zuspitzung seiner Gedanken und kein wörtlich belegtes Zitat. Der Grundgedanke der interessengeleiteten Herstellung von Unwissen ist jedoch gut belegt.

Der Unterschied zwischen Unwissenheit und produzierter Ignoranz ist also keine Wortklauberei. Er entscheidet darüber, ob wir nur nach fehlendem Wissen suchen oder auch nach denen, die es uns vorenthalten.

## Der Fall Tabak: Zweifel säen statt widersprechen

Wenn Sie die Agnotologie in einem einzigen Bild begreifen wollen, dann schauen Sie auf die Zigarette. Kein anderes Beispiel zeigt so klar, wie sich Unwissen nicht von selbst bildet, sondern gemacht wird. Als die wissenschaftlichen Belege für den Zusammenhang zwischen Rauchen und Krebs immer dichter wurden, taten die Tabakkonzerne etwas, das auf den ersten Blick merkwürdig anmutet: Sie stritten die Befunde nicht rundheraus ab. Sie widersprachen nicht mit einem lauten Nein. Sie taten etwas Subtileres.

Statt die Studien zu widerlegen, erzeugten sie den Eindruck, die ganze Frage sei noch offen. Rauchen und Krebs? Man diskutiere das doch noch, die Wissenschaft sei sich keineswegs einig, es gebe da durchaus unterschiedliche Auffassungen. Wer diesen Nebel betritt, sucht nicht mehr nach der Wahrheit, sondern nach Orientierung, und genau diese Orientierung wurde ihm systematisch entzogen. Diese Strategie ist durch interne Dokumente der Tabakindustrie belegt, darunter das sogenannte Brown-&-Williamson-Memorandum, und der Wissenschaftshistoriker Robert N. Proctor hat sie in seinem Buch *Golden Holocaust* aus dem Jahr 2011 bis ins Detail nachgezeichnet.

Halten Sie kurz inne und betrachten Sie den Mechanismus. Es geht nicht darum, eine Tatsache zu bestreiten. Es geht darum, die Gewissheit zu zersetzen, mit der man sie zur Kenntnis nehmen könnte. Das ist der Kern der Agnotologie: Verwirrung kultivieren, nicht Widerlegung betreiben. Ein Zweifel, der erst einmal gesät ist, wächst von allein. Er nistet sich in Gespräche ein, in Zeitungsartikel, in die beiläufige Bemerkung am Küchentisch, und irgendwann klingt selbst eine gut belegte Erkenntnis wie eine von mehreren Meinungen.

Was den Fall so lehrreich macht, ist seine Konsequenz. Die Beweise lagen vor, sie wurden nicht verschwiegen, sie wurden nur eingerahmt in ein Dauergerangel um ihre Gültigkeit. Und wer in diesem Gerangel den Überblick verliert, gibt nicht selten auf. Genau darauf war die Strategie angelegt. So wird aus einem konkreten historischen Vorgang ein Muster, das sich überall dort wiederfinden lässt, wo mächtige Interessen ein Interesse daran haben, dass eine unangenehme Wahrheit nicht ganz so wahr erscheint.

## Zwei Bedingungen: Wann sich Unwissen ausbreitet

Unwissen entsteht selten von allein. Es braucht ein Zusammenspiel: Viele Menschen verstehen einen Sachverhalt nicht ausreichend, und zugleich gibt es Interessengruppen, die diese Lücke gezielt bearbeiten. Nach Proctors Überlegungen bilden diese zwei Bedingungen den Kern der **Agnotologie**. Eine feste Formel ist das nicht, sondern eine wiederkehrende Beobachtung aus seinen Studien zur Tabakindustrie.

Der erste Baustein ist die wissenschaftliche Grundbildung. Wo sie schwach ausgeprägt ist, haben es Methoden der Realitätsvernebelung leichter. Menschen können dann kaum unterscheiden, ob eine Frage unter Fachleuten wirklich strittig ist oder ob der Streit künstlich erzeugt wurde. Genau diese Unsicherheit ist das Ziel.

Der zweite Baustein ist die Absicht. Unternehmen oder politische Gruppen arbeiten bewusst daran, Verwirrung zu stiften. Sie widerlegen die unbequemen Befunde nicht, sie rücken sie ins Zwielicht. Die Tabakkonzerne machten das vor: Als die Belege für den Zusammenhang zwischen Rauchen und Krebs immer stärker wurden, bestritten sie ihn nicht direkt. Sie erzeugten den Eindruck, die Frage sei noch offen.

> Unwissenheit ist: Sei zufrieden mit deinen eigenen Ideen, begnüge dich mit dem, was du weißt.
> Die Zuschreibung an *Elbert Hubbard* ist bekannt, Herkunft und Wortlaut sind jedoch nicht verlässlich belegt.

Ein besonders wirksames Werkzeug ist die Autorität. Wer Unwissen verbreitet, trägt mitunter einen akademischen Titel, und dieser Titel schafft Vertrauen. Häufig werden dabei wahre und falsche Aussagen vermischt. Die richtigen Sätze geben den falschen ein seriöses Fundament, und das Publikum überträgt die Glaubwürdigkeit des einen auf das andere.

Auch bei der Klimadebatte zeigt sich dieses Muster. Proctor zufolge geht es dabei längst nicht nur um die Frage, ob sich das Klima verändert. Es geht ebenso um tiefer liegende Überzeugungen: ob der Mensch die Erde ausbeuten darf, ob Regierungen die Industrie regulieren dürfen, ob Umweltschützer an Einfluss gewinnen sollen. Der Streit läuft also nicht allein über Fakten, sondern über die Bedeutung, die Menschen diesen Fakten geben. Wer das erkennt, versteht, warum sich Unwissen so hartnäckig hält.

## Klimawandel: Wenn Fakten zu Glaubensfragen werden

Beim Tabak ließ sich der Mechanismus noch verhältnismäßig sauber nachzeichnen. Bei der Klimafrage wird es unübersichtlicher. Robert N. Proctor, Professor für Wissenschaftsgeschichte an der Stanford University, greift den Klimawandel als zweites großes Beispiel auf, und er zeigt damit, dass es hier nicht allein um die Frage geht, ob es ihn überhaupt gibt. Der Streit reicht tiefer, bis in die Werte und Überzeugungen der Menschen hinein.

Denn wer über das Klima spricht, verhandelt oft ganz andere Dinge mit. Ob Gott die Erde dem Menschen zur Nutzung und Ausbeutung überlassen hat. Ob eine Regierung das Recht besitzt, der Industrie Grenzen zu setzen. Ob Umweltbewegungen an Macht gewinnen sollen oder nicht. Solche Fragen lassen sich nicht mit einer Messreihe entscheiden, und genau darin liegt ihre Sprengkraft.

So läuft die Auseinandersetzung nicht nur über Fakten. Sie läuft über die Bedeutung, die Menschen diesen Fakten geben. Zwei Personen können dieselbe Kurve sehen und völlig Unterschiedliches daraus schließen, weil sie mit ganz verschiedenen Vorstellungen davon an die Sache herangehen, wie die Welt sein sollte. Die Agnotologie interessiert sich für diesen Graubereich. Sie fragt nicht nur, was jemand weiß, sondern auch, warum er bestimmte Schlüsse zieht und andere verwirft.

> Wer den Streit ums Klima allein als Faktenproblem begreift, übersieht die Hälfte. Die andere Hälfte spielt sich dort ab, wo Menschen aus denselben Zahlen ganz verschiedene Geschichten machen.

Das macht die Sache so zäh. Man kann einen Irrtum korrigieren, indem man bessere Daten liefert. Man kann aber kaum jemandem seine Grundüberzeugungen wegargumentieren, schon gar nicht mit einer Tabelle. Und wer ein Interesse daran hat, dass sich nichts ändert, muss die Fakten gar nicht widerlegen. Es genügt, den Eindruck zu nähren, die Sache sei umstritten, und die Debatte an eine Stelle zu ziehen, an der es nicht mehr um Messwerte geht, sondern um Lebensentwürfe.

Genau hier zeigt sich, warum die Agnotologie über den Einzelfall hinausweist. Sie beschreibt ein Muster, das sich vom Zigarettenrauch bis zur Erdatmosphäre zieht: Fakten werden nicht einfach bestritten, sie werden mit Bedeutung aufgeladen, umgedeutet und in einen Glaubenskampf verwandelt. Wer das durchschaut, hört genauer hin. Nicht jede hitzige Debatte ist ein ehrlicher Streit um Beweise. Manchmal ist sie die Bühne, auf der ganz andere Fragen ausgetragen werden.

## Das Internet als Verstärker: David Dunning

Ein Zeitsprung: Was Proctor an Aktenschränken und Zigarettenwerbung zeigte, bekommt im digitalen Alltag eine neue Beschleunigung. Der Psychologe **David Dunning** von der Cornell University, bekannt durch die nach ihm benannte Fehleinschätzung der eigenen Kompetenz, blickt auf dasselbe Phänomen aus einer anderen Richtung. Der Agnotologie geht es um hergestelltes Nichtwissen. Dunning fragt, was passiert, wenn jeder Einzelne dieses Nichtwissen nun selbst herstellen und verbreiten kann.

Ihm wird die These zugeschrieben, das Internet erleichtere die Verbreitung von Unwissen, weil es jedem die Möglichkeit gebe, sich für einen Experten zu halten. Die genaue Formulierung ist nicht sicher belegbar, der Grundgedanke findet sich jedoch in seinen Äußerungen. Ein Suchfeld, ein paar Klicks, und das Gefühl von Sachkenntnis stellt sich ein, ganz ohne Prüfung. Die Folge ist unangenehm konkret: Menschen werden anfälliger für mächtige Interessengruppen, die Unwissen bewusst verbreiten. Wer sich selbst schon für informiert hält, fragt seltener nach und lässt sich leichter lenken.

Dunnings eigentliche Sorge gilt nicht dem Verlust der Entscheidungsfähigkeit. Ihm geht es um etwas Subtileres: dass die eigene Entscheidung zu leicht wird. Wenn die Antwort in Sekunden da ist, fällt das Abwägen weg, und mit ihm die Anstrengung, die ein Urteil erst belastbar macht.

Dabei ist die Bilanz nicht einseitig. Viele Menschen profitieren vom schnellen Zugriff auf Wissen, können sich in Minuten einarbeiten, wo früher Bibliotheken nötig waren. Viele andere aber erliegen einem falschen Expertisegefühl und werden an genau der Stelle unsicher, an der sie sich am sichersten fühlen. So wird aus dem Werkzeug, das Aufklärung versprach, ein Verstärker für jene Kräfte, die Unwissen als Strategie betreiben.

## Kritisches Ignorieren: Die Gegenkompetenz

Wenn Agnotologie beschreibt, wie Unwissen absichtlich hergestellt wird, braucht es ein Gegengewicht. Dieses Gegengewicht ist erlernbar: Kritisches Ignorieren bezeichnet die Fähigkeit, bewusst zu wählen, worauf man seine Aufmerksamkeit richtet und was man gezielt ausblendet. Der Begriff stammt aus der Forschung von Anastasia Kozyreva, Stephan Lewandowsky und Ralph Hertwig, die ihn 2023 in der Fachzeitschrift *Current Directions in Psychological Science* als Kernkompetenz digitaler Bürgerinnen und Bürger beschrieben.

Der Gedanke dahinter ist so einfach wie unbequem: Aufmerksamkeit ist eine knappe Ressource. Wer ständig auf jede Meldung, jede Debatte und jede Behauptung reagiert, verliert die Kontrolle darüber, womit er seine Zeit verbringt. Und genau an dieser Stelle wird es heikel. Wenn Sie nicht selbst entscheiden, was für Sie wichtig ist, dann entscheiden es andere für Sie, und sei es nur durch die schiere Lautstärke ihrer Botschaften.

„Die Kunst, weise zu sein, ist die Kunst zu wissen, was man ignorieren soll.“

Zugeschrieben William James, dem amerikanischen Philosophen und Psychologen. Die Urheberschaft dieses Satzes ist allerdings umstritten, und er wird häufig ohne verlässliche Quelle weitergegeben.

Kritisches Ignorieren bedeutet nicht Gleichgültigkeit. Es ist das genaue Gegenteil: eine aktive, bewusste Entscheidung darüber, welche Quellen Vertrauen verdienen und welche Diskussionen man getrost ziehen lässt. Wer diese Unterscheidung beherrscht, nimmt den Strategien, die Unwissen erzeugen wollen, einen Teil ihrer Wirkung. Denn wer nicht auf jede inszenierte Kontroverse anspringt, entzieht denen, die Verwirrung säen, die Bühne.


## Frequently asked questions

**Was ist Agnotologie einfach erklärt?**

Agnotologie ist ein Forschungsfeld, das untersucht, wie Unwissen entsteht, sich ausbreitet und gezielt hergestellt wird. Der Blick richtet sich nicht nur darauf, was wir nicht wissen, sondern vor allem darauf, wem daran gelegen ist, dass wir es nicht wissen. So wird sichtbar, wie mächtige Akteure Unwissen als strategisches Werkzeug einsetzen.

**Wer hat den Begriff Agnotologie geprägt?**

Den Begriff prägte im Jahr 1992 der Linguist Iain Boal auf Anregung von Robert N. Proctor, Professor für Wissenschaftsgeschichte an der Stanford University. Das Wort leitet sich vom griechischen agnōsis ab, was Nichtwissen bedeutet. Ein breiteres Publikum erreichte das Konzept 2008 durch den von Proctor und Londa Schiebinger herausgegebenen Sammelband Agnotology: The Making and Unmaking of Ignorance .

**Wie erzeugte die Tabakindustrie Zweifel?**

Die Tabakindustrie bestritt die wissenschaftlichen Belege für den Zusammenhang zwischen Rauchen und Krebs nicht direkt. Stattdessen erzeugte sie den Eindruck, die Frage sei nach wie vor umstritten. Interne Dokumente der Branche stützen diesen Befund. Der Zweifel selbst wurde damit zur Ware, und die Debatte blieb künstlich offen, obwohl die Belege längst sprachen.

**Warum erleichtert das Internet laut Dunning Unwissen?**

Dem an der Cornell University lehrenden Psychologen David Dunning wird die Einschätzung zugeschrieben, das Internet begünstige die Verbreitung von Unwissen, weil es jedem das Gefühl gebe, selbst Experte zu sein. Die genaue Formulierung ist nicht sicher belegbar. Sein eigentlicher Punkt: Nicht der Verlust eigener Urteilskraft ist das Problem, sondern dass das Urteilen allzu leicht geworden ist.

**Was bedeutet kritisches Ignorieren?**

Kritisches Ignorieren meint die Fähigkeit, bewusst auszuwählen, worauf man seine Aufmerksamkeit richtet und welche Quellen man gelten lässt. In der Forschungsliteratur gilt sie als Kernkompetenz für digitale Öffentlichkeiten. Wer sie beherrscht, entscheidet selbst, was wichtig ist, statt die eigene Aufmerksamkeit fremden Interessen zu überlassen.

**Wie unterscheidet Proctor Unwissen von bloßer Unwissenheit?**

Unwissenheit ist schlicht gegeben, sie ist der Ausgangszustand. Unwissen dagegen kann gezielt hergestellt werden, durch Vertuschung, Ablenkung oder das bewusste Säen von Verwirrung. Genau diese Unterscheidung macht den Kern der Agnotologie aus: Sie fragt nicht nur, was fehlt, sondern auch, wer es zum Verschwinden gebracht hat. Hinweis der Redaktion: Nicht abschließend belegte Angaben werden im Text ausdrücklich als solche gekennzeichnet und nicht als gesicherte Tatsachen dargestellt.

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